Völkermord-Debatte: Für Anstand ist es nie zu spät

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Zwischen 1904 und 1908 ermordeten deutsche Truppen Zehntausende Nama und Herero auf dem Gebiet des heutigen Namibias. Es dauerte ein ganzes Jahrhundert, bis eine deutsche Regierung dieses Massaker erstmals als das bezeichnet, was es war und was es ist: als Völkermord. Das ist ein wichtiges Signal für die namibisch-deutschen Beziehungen und für die Menschen in Namibia. Es ist gut, dass die deutsche Regierung endlich von einem Genozid spricht – so wie es auch schon längst die meisten Fachleute tun. Doch es ist schlecht, dass es für diesen Akt des Anstands so würdelos lange brauchte.

Die deutsche Angst, Entschädigung zahlen zu müssen

Reflexartig ereilte die deutsche Seite immer wieder die Angst vor möglichen Entschädigungszahlungen. Kleinkrämerisch sorgten sich die Erben der Täter, ob die Nachfahren der Opfer womöglich Geld verlangen, wenn das begangene Unrecht nur einmal eingeräumt ist. Doch den Menschen in Namibia geht es zunächst einmal gar nicht um Materielles: Sie möchten endlich – nach 100 Jahren – in ihrer verletzten Würde ernst genommen werden. Sie möchten, dass es einen Dialog gibt über die unrechtmäßige Landnahme der Deutschen, und sie erwarten zu recht, dass es Worte gibt für Leid und Ungerechtigkeit, die teils bis heute spürbar sind.

Erst der Anfang eines langen Prozesses zur Streitbeilegung

Dieser deliberative Ansatz zur Streitbeilegung ist tief verwurzelt in vielen Gemeinschaften im südlichen Afrika, und es ist ein Fortschritt, dass es in den vergangenen Monaten den fairen Dialog zwischen Namibia und Deutschland gegeben hat. Es wäre falsch, wenn die Bundesregierung den Prozess bereits als beendet betrachten würde. Denn der Dialog steht erst am Anfang. Es gibt noch viele offene Fragen. Der Umgang mit den vor 100 Jahren nach Deutschland gebrachten „Herero-Schädeln“ gehört dazu – wie auch die nächsten Schritte bei den kolonial benannten Straßen, unter anderem in Berlin. Wie sehr hier ein Dialog nötig ist, zeigt sich beispielhaft am „Afrikanischen Viertel“ in Berlin-Wedding. Dort setzt sich die Initiative „Berlin Postkolonial“ für eine Aufarbeitung und gegen „kolonialrassistische Straßennamen in Berlin-Mitte“ ein. Ihr gegenüber steht die bürgerliche Initiative „Pro Afrikanisches Viertel“ – sie wehrt sich vehement gegen jegliche Umbenennungen von Straßen. Bei der jüngsten Kommunalwahl hatte die CDU das Thema aufgegriffen und sich auf Wahlplakaten pauschal gegen mögliche Umbenennungen ausgesprochen.

Vielleicht kommt dank der Schritte der großen Politik auch in die Straßennamen- und Schädel-Debatte wieder Bewegung. Das Auswärtige Amt teilte Ende der Woche mit, was für die Bundesregierung ab sofort als politische Leitlinie gilt:

„Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“

Als erstes Mitglied der großen Koalition hatte zuvor Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) deutlich gemacht, dass er den Krieg deutscher Kolonialtruppen als Völkermord ansieht. Steinmeier gehörte 2012 zu den Mitunterzeichnern eines Bundestagsantrag, in dem es heißt, dass die Vernichtung der Herero „ein Kriegsverbrechen und Völkermord war“.

Das Ziel: Gemeinsam Zukunft gestalten

Es heißt, dass Steinmeier und sein Team aus dem Auswärtigen Amt im Hintergrund Gespräche mit Vertretern der namibischen Regierung führten. Ziel sei es gewesen, am Ende zu einer gemeinsamen Bewertung der Geschehnisse» zwischen 1904 und 1908 zu kommen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Deutschland bekenne sich zu seiner moralischen, historischen und politischen Verantwortung. Das Ziel der Gespräche sei, eine gemeinsame Sprache und Gedenkkultur zu entwickeln, erklärte der Sprecher. Nur dadurch ließe sich gemeinsam mit den Namibiern Zukunft gestalten.

Lammerts Aufschlag im „Zeit“-Interview

Schon Mitte der Woche hatte sich ein Wandel in der Bewertung abgezeichnet, allerdings kamen die Signale nicht aus der Regierung, sondern aus der Legislative. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bezeichnete in einem Interview mit der „Zeit“ den deutschen Krieg gegen die Herero und Nama als Völkermord:

„An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstands ein Völkermord. (…) Nicht nur den Kampfhandlungen, sondern auch Krankheiten und dem gezielten Morden durch Verdursten- und Verhungernlassen fielen Zehntausende Herero und Nama zum Opfer, andere starben in Konzentrationslagern oder bei der Zwangsarbeit.“

Lammert bezog sich auf diese Fakten: Deutsche Kolonialtruppen hatten bei der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Einheimischen zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika mindestens 65.000 Herero und 10.000 Nama ermordet. Den sogenannten Vernichtungsbefehl dafür hatte der deutsche General Lothar von Trotha am 2. Oktober 1904 gegeben. Vor 100 Jahren endete die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Seit Jahren fordern Akteure der Zivilgesellschaft, dass sich die Bundesregierung zum Genozid an den Herero und Nama bekennt – bislang taten sie das vergeblich.

Wieczorek-Zeul fand klare Worte

Über Jahrzehnte bekannte sich die Bundesrepublik nicht offiziell zu einem Völkermord in Namibia. Immerhin: Vor elf Jahren hatte die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) bei einer Gedenkfeier in Namibia „im Sinne des gemeinsamen Vaterunser“ um Vergebung gebeten und erklärt:

„Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde.“

Auch die Grünen und die Linkspartei fordern seit Jahren eine offizielle Anerkennung des Genozids. Auf den 1. Juli 2015 datiert ein Bundestags-Antrag der Grünen-Fraktion unter dem Titel „Die Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia stärken und unserer historischen Verantwortung gerecht werden“. Darin heißt es, der Bundestag möge beschließen…

„Der Deutsche Bundestag erkennt die schwere Schuld an, die deutsche Kolonial
truppen mit den Verbrechen an den Herero, Nama, Damara und San auf sich geladen haben und betont, wie Historiker seit langem belegt haben, dass der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904-1908 ein Kriegsverbrechen und Völkermord war.

Der Deutsche Bundestag bittet die Nachfahren der Opfer des in deutschem Namen geschehenen Unrechts und zugefügten Leids an ihren Vorfahren um Entschuldigung. (…)“

Herero kündigten Gerichtsverfahren an

Herero-Vertreter aus Namibia hatten angekündigt, vor Gericht ziehen zu wollen, um eine deutsche Völkermord-Anerkennung zu erwirken. Herero-Chief Vekuli Rukoro sagte zum 100. Jahrestag des Endes der deutschen Herrschaft der deutschen Kolonialherrschaft in „Deutsch-Südwest-Afrika“:

„Sind wir keine Menschen? 100.000 starben wie die Fliegen. Wir haben eine Entschuldigung verdient. Unser Volk hat 110 Jahre auf Gerechtigkeit gewartet. Wir sind nicht bereit, noch mal 100 Jahre zu warten.“

Claudia Piepers Eklat – unvergessen

Jahrelang hatte das Auswärtige Amt im Umgang mit dieser Frage alles andere als diplomatisches Geschick gezeigt. Unvergessen ist der Eklat, für den 2011 die Vertreterin der Bundesregierung, Cornelia Pieper (FDP), gesorgt hatte: In der Charité Berlin sollten namibische Totenschädel an eine hochrangige Delegation aus Namibia zurückgegeben werden. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt weigerte sich, um Entschuldigung zu bitten. Sie ersuchte die Gäste lediglich um „Versöhnung“. Daraufhin buhten sie Gäste der Zeremonie lautstark aus. In der Folge verließ Pieper die Veranstaltung. Schon vorab hatte es Verstimmungen gegeben: Während Namibia einen Minister entsendete, schickte die Bundesrepublik mit Pieper nur jemanden aus der zweiten Reihe – mit dem Verweis, Gastgeber der Zeremonie sei die Charité.

Geschichtsklitterung am Waterberg

Wie dringend nötig der Schritt der Bundesregierung war, zeigt sich auch beim Ortstermin in Namibia. Am Waterberg hatten 1904 die Herero gegen die deutschen Kolonialisten gekämpft und verloren. Heute gibt es dort einen Friedhof – für die deutschen Soldaten. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich um die Pflege der Anlage und der Gräber. 2013 wurde die Anlage restauriert. Während es für jeden der 28 am Waterberg gefallenen Deutschen ein eigenes Grab gibt, weist auf die deutlich höhere Zahl getöteter Herereo nur eine schäbige Holztafel am Inneren der Friedhofsmauer hin. Mehr noch: Auf den Grabsteinen ist vielfach falsch und dramatisierend von „Emordung“ die Rede. Der Blick ins Besucherbuch schließlich offenbart das revisionistisch-chauvinistische Weltbild vieler Deutscher, die zu den Gräber der deutschen Soldaten pilgern. Niedergeschrieben ist dort – neben der Abscheu über dei deutschen Gräueltaten -, dass „das bessere Volk“ den Kampf gewonnen habe oder Gott an der Seite der überlegeneren Rasse gekämpft habe.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de