Futurismus ohne Zukunft: Aus für das Einkaufszentrum der Cité Foch

Checkpoint Charlie, Flughafen Tempelhof, sowjetisches Ehrenmal: Es gibt viele Spuren der Aliierten in Berlin. Die meisten davon sind bei Einheimischen und Gästen sehr bekannt. Doch es gibt auch weniger populäre Orte. Die Cité Foch im Norden der Hauptstadt ist einer von ihnen. Die Siedlung in Wittenau war das größte Wohngebiet für die französischen Streitkräfte in Berlin und deren Angehörige. Bald könnte das Viertel sein ungewolltes Markenzeichen verlieren: Ein Investor will das ehemalige Einkaufszentrum, seit einigen Jahren ungenutzt und verfallen, abreißen und dort Wohnungen bauen.

Das große Einkaufszentrum mit Kino, Gesundheitszentrum und Kultureinrichtungen liegt an der Avenue Charles-de-Gaulle. 1998 war es an einen privaten Investor verkauft worden. Seit 2006 steht es leer und verwahrlost.

Orange, grün und grau – das sind die dominierenden Farben der Fassdaden des Einkaufszentrums und ein deutlicher Hinweis auf die 70er-Jahre, als das Gebäude entstand. Wer mit etwas Phantasie das eigene Architektur-Wissen bemüht, fühlt sich beim Anblick vielleicht an neuere französische Baukunst wie im Pariser Flughafen Charles de Gaulle oder im Vorort La Defense erinnert. Wer weniger kreativ und gutwillig auf das Ensemble im Bezirk Reinickendorf blickt, sieht einfach nur ein unschönes, ungeliebtes und seelenloses Bauwerk der Nachkriegszeit, das keine Zukunft hat.

Wenig überraschend daher die Entwicklung der vergangenen Jahre: Mitte 2014 war das ehemalige Einkaufszentrum verkauft worden: Es hatte eine Zwangsversteigerung gegeben, und der neue Eigentümer hatte sich für einen Abriss entschieden. Es sollen neue Wohnungen entstehen.

Während das verfallene Einkaufszentrum Besucher von außerhalb anlockt und fasziniert, sind die Menschen, die in direkter Nachbarschaft zu dem ungenutzten Koloss leben, froh, dass es nun mit dem Areal voran geht. Die „Berliner Woche“ schrieb:

„Im Bezirk geht man davon aus, dass die Ruine dann endlich abgerissen wird.“

Das „Berliner Abendblatt“ zitiert Baustadtrat Martin Lambert (CDU):

„Meine Freude ist gleich doppelt: Es besteht erstens die Chance, dass der ‚Schandfleck‘ der Einkaufszentrumsruine endlich verschwindet. Vor allem freue ich mich zweitens, dass neue Wohnungen auf dem Gelände entstehen.“

Es gibt erste Zeichen dafür, dass der Abriss näher rückt: Mittlerweile ist der Zutritt zu dem Gebäude nicht mehr möglich – ein Bauzaun umgibt das Areal, und die Türen sind teils mit Gittern, teils mit Spanplatten verschlossen. Eindrücke vom Inneren gibt es in diesen Blogs und Videos: Berlin, du bist wunderbar; and Berlin; Youtube.

Wann die Abrissbagger kommen ist offen. Noch steht das ehemalige Einkaufszentrum mitten in der Cité Foch. Bald verschwindet es für immer. Das könnte die Gelegenheit sein, sich das Ensemble anzuschauen – als Zeugnis der aliierten Geschichte Berlins, als Spielart des Futurismus der 70er-Jahre oder als in Beton gegossene Ausprägung der Restmoderne.


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P.S.: Interessant ist der Aspekt, dass die Cite Foch – wie die meisten allierten Siedlungen – außerhalb des deutschen Planungsrechts entstanden ist. So sind die Straßen und Plätze des Areals privat und nicht öffentlich.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de