Wer versendet Spam? Langzeit-Analyse zeigt die üblichen Verdächtigen

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„Gratis“ im Netz heißt zunächst einmal nur: null Euro. Doch die Währung ist eine andere – es geht um persönliche Daten, darunter gültige E-Mail-Adressen. Meine persönliche Auswertung von unerwünschten E-Mails aus den vergangenen zwölf Jahren zeigt: Vor allem angebliche Kostenlos-Angebote im Netz senden noch Jahre nach Ende der Geschäftsbeziehung teils mehrere Werbenachrichten pro Woche. Auf der anderen Seite gibt es viele gute Beispiele von Unternehmen, Organisationen und Behörden, die sich an die Spielregeln halten.

Bei journalistischen Recherchen und privaten Bestellungen, im Ehrenamt und als Webmaster – oft verlangen Unternehmen, Websites und Organisationen E-Mail-Adressen. Seit Mai 2003, also seit fast 13 Jahren, nutze ich in solchen Fällen Wegwerf-E-Mail-Adressen von Spamgourmet (Wikipedia-Artikel). Sie sind nur für eine bestimmte Zahl an Mails gültig. Ist das Quorum überschritten, leitet der Server die Mails nicht mehr weiter und löscht sie. Über das Backend lässt sich die Entwicklung langfristig verfolgen.

Mein Fazit

  • 216 dieser besonderen Adressen habe ich angelegt.
  • 581 E-Mails wurden weitergeleitet,
  • 24.290 Nachrichten „verschluckte“ das System.
  • Das ist eine durchschnittliche Spam-Quote von fast 98 Prozent: Von 100 E-Mails auf eine Adresse waren im Schnitt nur zwei erwünscht – 98 enthielten Infos, die ich nicht wollte.

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Die Auswertung lässt auch Rückschlüsse auf die Herkunft der unerwünschten E-Mails zu. Als bei weitem größte Spam-Quelle erweisen sich – wie erwartet – angebliche Gratis-Dienste und -Dinge:

  • Kostenlose Visitenkarten,
  • Software-Promos, Trials und Lizenzen und
  • Daten-Konvertierungsdienste.

Während dabei relativ klar ist, dass sich der Anbieter die vermeintlich kostenlosen Dinge mit einer gültigen E-Mail-Adresse vergüten lässt, gibt es auch Online-Shops, die mir als zahlenden Kunden unerwünschte E-Mails senden.

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Es zeigt sich, dass deutsche Anbieter in der Regel regelkonform mit den ihnen anvertrauten Adressen umgehen. Unternehmen, die um Ausland sitzen, haben oft einen entspannteren Umgang mit den persönlichen Daten der Kundschaft. Das macht sich in der Zahl der von ihnen versendeten unerwünschten E-Mails bemerkbar. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Deutsche Shops, die munter Nachrichten senden, die ich als Kunde nicht möchte, und Software-Anbieter aus USA und Kanada, die sich nur mit einer gelegentlichen Meldung über ein neues Sicherheits-Release bemerkbar machen.

Deutlich wird auch, dass die Spammer ihre Verteiler nicht pflegen – was für E-Mail-Marketing-Profis eigentlich Best Practice sein sollte. Sie bespielen stur weiter Adressen, die schon seit fast einem Jahrzehnt keine Reaktion mehr hevorgerufen haben. Zu diesem unrühmlichen Beispiel zählt auch die deutsche NGO „Aktion Mensch“ (mit durchschnittlich 48 und 46 unerwünschten E-Mails pro Jahr).

Die größten Spam-Schleudern

Auf den ersten sieben Plätzen der eindeutig zuordnenbaren Versender rangiert der Online-Druckdienstleister Vistaprint mit Werten von 219 bis 319 unerwünschten E-Mails pro Jahr – das sind pro „Gratis“-Bestellung mehrere Werbebotschaften pro Woche. Platz 8 und 9 sind nicht sicher einem Unternehmen zuzuordnen. Platz 10 und 11 gehören zu den Online-Shops druckerzubehoer.de und pearl.de mit 97 und 87 unerwünschten E-Mails pro Jahr.

Die Musterbeispiele

Es gibt aber auch viele Unternehmen, Behörden und Organisationen, die E-Mail-Adressen nur zur Abwicklung von Bestellungen, Terminanfragen oder zur Adressverifikation benutzen. Damit liegen sie im legalen Konsensbereich.

Keinerlei unerwünschten E-Mails (mit einem Wert von gerundet 0/Jahr) sendeten Stadt Berlin, Zweitausendeins, Bank Vontobel, Ubuntu-Userforum, Typo3-Developer-Forum, TV-Spielfilm, Aktion Ticketteilen, Mr Meebl Telkos, Süddeutsche Zeitung, Klüwer Wolwer, SSB Stuttgart, Rhein-Zeitung, Rheinpfalz online, Stiftung Warentest, o2, Nordische Botschaften, SWR1, Müller-Fotodienst, Flughafen London-Heathrow, Rhein-Hunsrück-Kreis, Jever, Interamt, Menalto Gallery Adminforum, Ethikbank, EnBW, Evangelischer Kirchentag, Cewe, Betterplace, BBC, Deutsche Bahn, App-Guard, Alnatura, Aldi, AEG, Adobe, Acer.

Anmerkungen:

  • Die Zahlen stammen aus der Auswertung von Spamgourmet.com. Die Zuordnung zu einzelnen Unternehmen und Websites sowie die Kategorisierung habe ich gemacht. Wenn möglich, gab es einen Abgleich mit meinem E-Mail-Archiv. Wenn keine sichere Zuordnung möglich war, ist das gekennzeichnet („n/a“).
  • Um den Faktor Zeit zu neutralisieren, habe ich den relativen Wert „E-Mails pro Jahr“ berechnet. Zunächst habe ich aus der Zeitmarke (Timestamp) der erstmaligen Nutzung der E-Mail-Adresse und dem Referenzdatum 11. Januar 2015 berechnet, wie viele Tage seit der erstmaligen Nutzung vergangen sind. Im nächsten Schritt konnte ich den durchschnittlichen Wert von unerwünschten E-Mails pro Jahr (angenommen mit 360 Tage) berechnen.
  • Aus technischen Gründen lässt sich nicht mehr unterscheiden, wer E-Mails an eine E-Mail-Adresse sendet. Es kann der ursprüngliche Partner sein, es ist aber auch möglich, dass die Adresse zwischenzeitlich weitergegeben wurde und mittlerweile von Dritten ebenfalls genutzt wird. Die Zahl der unerwünschten E-Mails ist für meine Auswertung immer dem primären Partner, dem ich diese Adresse anvertraut hatte, zugeordnet.
  • E-Mails gelten als unerwünscht, wenn Spamgourmet sie „verschluckt“ hat. Wenn E-Mails Abbestell-Links hatten, habe ich sie – solange sie noch zugestellt wurden – abbestellt (oder es versucht). Eine Einwilligung zu Newslettern erteile ich bei Shop-Bestellungen nicht.
  • Nicht erfasst sind unerwünschte E-Mails, die an meine anderen E-Mail-Adressen ausgeliefert werden oder die ohne jegliches Zutun (etwa nach der „Ernte“ durch Bots) ungewollte E-Mails erhalten (klassischerweise betrifft das webmaster@…-Adressen).
  • Es ist eine persönliche Auswertung – die Zahlen sind daher nicht als repräsentativ anzusehen. Die abgebildeten Trends halte ich für plausibel und korrekt.
  • Die Infografiken habe ich mit praktischen Tool Datawrapper erstellt. Allerdings bietet der Dienst neuerdings leider keine kostenlose Embed-Funktion mehr an. Deswegen habe ich in diesen Beitrag die nicht-interaktiven Screenshots als Bilder eingefügt.
  • Für diese kleine Recherche konnte ich mein Wissen aus der Fortbildung „Doing Journalism with Data“ vom European Journalism Center anwenden.

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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


Kanäle: Online, Foto, Video, Audio und Print.


Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).


Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte


Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de