Afrika, Asien, Südamerika: Sehnsucht nach dem Internet

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Das ist die ausführliche Version meines Beitrags zum Lesebuch zur Vorbereitung auf den Schwerpunkt „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ der der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im November 2014. Die 126 Kirchenparlamentarier diskutieren Chancen, Ambivalenzen und Grenzen des digitalen Wandels.

Die digitale Kluft lässt Millionen außen vor

Ist es echte Hilfsbereitschaft oder doch nur Entwicklungshilfe fürs eigene Geschäft? Anfang August kündigte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg an, in Sambia einen kostenlosen Internetzugang möglich zu machen – über die von ihm ins Leben gerufene Stiftung internet.org. Ausgewählte Internet-Dienste lassen sich nutzen: Lokale Websites, Gesundheitsinfos, Jobbörsen, eine Frauenrechte-App, Wikipedia, Google und Facebook sind ohne Kosten aufrufbar. Der Softwarekonzern Microsoft startete in Kenia ein Pilotprojekt: „4Afrika“ will den Netzzugang über ungenutzte TV-Frequenzen auch in entlegene Regionen bringen.

Facebook und Microsoft wollen helfen, die Digital Divide – die digitale Kluft – zu überwinden. Haben dadurch arme Menschen Zugang zum Internet und können sie von mehr Teilhabe, mehr Kommunikation und mehr Information profitieren? Manche sehen das kritisch. Doch in Afrika, Asien und Lateinamerika blicken die meisten optimistisch und gespannt auf solche Projekte. Sie warten sehnlichst auf bessere und günstigere Zugangsmöglichkeiten.

Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, Nigeria, etwa haben nur 42 Prozent der Menschen Zugang zum Internet. Die Mehrheit der 177 Millionen Einwohner bleibt außen vor. Ein DSL-Anschluss ist teuer – eine Familie muss ein Drittel ihres Einkommens dafür ausgeben. Online zu sein ist aber mehr als eine persönliche Sache; die nigerianische Regierung rechnete aus: Wenn zehn Prozent mehr Einwohner einen Zugang haben, steigt die Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent. Das Netz als Turbo für die Volkswirtschaft…

Beim Internet kann Afrika wiederholen, was es mit dem Mobilfunk schaffte – den rasanten Aufbau neuer Infrastruktur. Öffentliche Fernsprecher, in manchen Ländern noch Ende der 1990er-Jahre zu Tausenden eingerichtet und als Zeichen des Fortschritts gefeiert, sind heute so gut wie unbenutzt. 2000 besaß nur einer von hundert Afrikanern ein Handy. Ende 2014 werden etwa 56 Prozent der Afrikaner – 600 Millionen Menschen – eines besitzen. Es gibt Prognosen, die 80 Prozent für möglich halten. Mittlerweile gibt es mehr als 30 Mobilfunkanbieter auf dem Kontinent, und selbst ein Land wie Botswana mit einer Bevölkerungsdichte von weniger als vier Menschen pro Quadratkilometer ist in vielen Teilen versorgt.

Über das Handynetz kommt auch das Internet voran. Gerade für arme Länder ist das ideal: Der Aufbau der Infrastruktur rechnet sich auch für dünn besiedelte Gebieten. Smartphones lassen sich an Autobatterie oder per Solarzelle laden. Gerade diese Hardware ist wichtig. Chichi Nwoko, die Geschäftsführerin von „Hey What’s On?“, einer Medienfirma mit Sitz in Lagos und New York, sagt es so: „Die Technik ermöglicht es mehr Menschen, ihr eigenen Inhalte zu erschaffen, zu speichern, zu bearbeiten und sie dann günstig über Facebook und Twitter zu verbreiten.“

Die Dienste, die auf dem Internet aufbauen, sind längst in den privaten und beruflichen Alltag in Asien, Lateinamerika und Afrika integriert: Wissenschaftler der Universität im südafrikanischen Potchefstroom kommunizieren über Facebook und bauen damit virtuelle Arbeitsgruppen mit der deutschen Partneruni in Gießen auf. Die Dozentinnen sind selbstverständlich dabei – wie auch die Studentinnen und Studenten. Bei Menschenrechtlern und Aktionsgruppen in Brasilien ein ähnliches Bild: Blogs und Social-Media-Kanäle sind auf dem allerneuesten Stand. Auf Kontaktanfragen über diese Plattformen gibt es meist eine rasche Reaktion. Per Smartphone geht es schnell – einen Festnetzanschluss haben längst nicht mehr alle.

Gerade in armen und abgelegenen Regionen bringt der Mobilfunk die Zeit in Bewegung: In Turalei, einem Grenzort im Norden von Südsudan, gab es bis vor einigen Jahren noch nicht einmal ein einziges Festnetztelefon. Kontakt zu Kindern und Enkel war nur über Briefe möglich. Seit es in der Region Handyempfang gibt, fließen die Informationen schneller, und viele Menschen sind dadurch eigenständiger geworden – etwa jene Frauen und Männer, die lesen und schreiben lernen konnten. Kommunikation per Handy eröffnet ihnen neue Beteiligungschancen.

Eigenständigkeit ist auch ein Aspekt bei den Diensten, mit denen sich per SMS Geld überweisen lässt. Vodafone und der kenianische Mobilfunkprodvider Safaricom starteten 2007 das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“. Mittlerweile laufen jährlich Transaktionen im Volumen von umgerechnet mehr als 9 Milliarden Euro über die Plattform – das entspricht mehr als einem Drittel des kenianischen Bruttoinlandsprodukts. 18 Millionen Menschen weltweit nutzen allein den Dienst „M-Pesa“, den in Deutschland kaum jemand kennt. Viele andere Provider ziehen jetzt nach, etwa in Botswana: In dem dünn besiedelten Land bieten die wenigen Banken schlechten Service und kassieren hohe Gebühren. Das ändert sich gerade, auch wegen der Konkurrenz durch SMS-Banking.

Bei der jüngsten Wahl in Kenia setzten die Behörden auf die Übermittlung der Ergebnisse von den regionalen Ergebnissen in das zentrale Auszählungszentrum per Mobilfunk. Möglichst schnell sollte es belastbare Zwischenergebnisse geben – im Namen der Transparenz. Der Versuch scheiterte, weil das Netz kollabierte, trotzdem war es ein mutiger Schritt hin zu einem modernen Verfahren: Angefangen von der Online- und Handy-Registrierung der Wähler bis zur Identifikation im Wahllokal per manipulationsgeschütztem Biometrie-Fingerabdruck-Scanner. Wenige Monate zuvor, im Dezember 2013, war Ghana einen ähnlichen Weg gegangen.

Die „Entwicklungsländer“ machen ihrem Namen so alle Ehre: In Laos, Accra und Johannesburg entwickeln junge Firmen Smartphone-Apps für den afrikanischen Markt. Die Instant-Messaging-Anwendung „Mxit“ gilt mit 7 Millionen Nutzern als am erfolgreichsten. Dazu beigetragen hat auch, dass sie auch auf älteren Geräten funktioniert. Auf solchen „Featurephones“ läuft auch die App „Check out Bookly“ – ein E-Book-Reader. Aus Uganda kommt die Music-Streaming-App „Zikify“ – Musik und Künstler aus Ostafrika stehen dabei im Mittelpunkt.

Es ist das Geschenk der Freiheit und der Würde, das der Anschluss ans globale Dorf bringt. Die Digital Divide ist dafür eine Hürde: Die technische Verbindung fehlt – und oft auch das Geld. Doch in den Köpfen ist von digitaler Kluft keine Spur. In Afrika, Asien und Lateinamerika sind die Menschen auf dem besten Weg ins Internet-Zeitalter.

Nach der Lektüre meines Beitrags meldete sich die Redaktion des EKD-Synodenreaders: Sie hatte mit mehr und tieferen Nutzungsklüften gerechnet:

„Ihr Text liest sich recht positiv, so als ob viele Entwicklungsländer durch Smartphones bald keine Probleme mehr haben würden und die ,Digital Divide‘ bald der Vergangenheit angehört. Stimmt das?“

Hier meine Antwort (in Auszügen):

„Beim Netzzugang ist es weltweit sehr ungleich: Das Angebot ist teils schlecht (langsam, nur in Zentren verfügbar), die Kosten teils erschreckend hoch, entsprechend ist die Nachfrage gering (und damit sind die Anreize für weitere Unternehmen, zu investieren und den Markt zu betreten, niedrig). Es fehlen Computer, Telefonleitungen, PC-Wissen sowie Alphabetisierung.

Das wandelt sich nach meiner Beobachtung seit einigen Jahren rasant. Der Mobilfunk bringt diesen Wandel voran. Ein Funkmast kann Tausende Menschen mit Telefon und Internet versorgen. Die Geräte sind relativ günstig und teils gebraucht zu haben. Standard sind Prepaid-Systeme – die Kunden können ihr Handy-Guthabenkonto auch mit Kleinstbeträgen aufladen.

Mobilfunk ist die Technik für ärmere Länder. „Entwicklungshilfe“ ist nötig, wenn etwa der Anschluss an weltweite Netzknoten, Glasfasernetze, Unterseekabel und Satellitenverbindungen fehlt. Oder wenn es sich für Unternehmen nicht lohnt, in Infrastruktur zu investieren. Wir haben diese Debatte auch in Deutschland, Stichwort „DSL auf dem Land“.

Im Großen und Ganzen funktioniert der Anschluss immer besser. Es fasziniert mich, wenn ich erlebe, welchen Wandel der Zugang zu Mobilfunk und Internet bringt. Ich habe in Afrika schon Interview- und Automechanikertermine nur per SMS ausgemacht (einschließlich Briefing bzw. Auspuffberatung und Kostenvoranschlag). Ein Ehepaar im Südsudan – beide hatten nie die Chance, Lesen und Schreiben zu lernen – kann dank Handy eigenständig Kontakt zu ihren Kindern, die in der Hauptstadt und in Berlin leben, halten. Sie müssen niemanden mehr bitten, Briefe zu schreiben oder vorzulesen.

Von den Freunden und kirchlichen Partnern in Afrika, Asien und Lateinamerika habe ich gelernt, für Kommunikationswege dankbar zu sein und ihnen mit Offenheit zu begegnen. Das beeindruckt mich immer wieder aus Neue.“

Alle Beiträge des Lesebuchs stehen auf der Website der EKD zur Verfügung. Ein Klick lohnt sich – hier kommen viele Fachleute aus der evangelisch-kirchlichen und weltlichen Szene zu Wort.

Alle Beiträge des Lesebuchs standen auf der Website der EKD zur Verfügung – mittlerweile leider nur noch über das Interner-Archiv verfügbar. Ein Klick lohnt sich – hier kommen viele Fachleute aus der evangelisch-kirchlichen und weltlichen Szene zu Wort.

Direktlink zu meinem Beitrag im Lesebuch.

Direktlink zu meinem Beitrag im Lesebuch, nach dem Relaunch der EKD.de-Site noch verfügbar über das Internet-Archiv.

EKD-Synode2014-Lesebuch

Aktualisierungen am 22. Juli 2017: Interaktive Grafiken der Weltbank neu eingebunden (wegen neuer Embed-API; Links von EKD.de auf archive.org geändert (wegen Relaunch EKD.de).


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de