Cover of the first "Timeliners" comic, issued by Apartheid Museum in 2004.

Wahlen in Südafrika: Die unfreiwillige Zeitreise des ANC

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Im Apartheidsmuseum in Johannesburg, Südafrika, feiert in wenigen Tagen eine besondere Publikation ihr Zehnjähriges: Die Comic-Reihe „Timeliners“. Die erste Ausgabe, erschienen im Juni 2004, befasste sich mit dem Aufstand von Soweto 1976. Damals hatten Tausende Schüler in dem bekanntesten Township von Johannesburg gegen die Einführung von Afrikaans als alleinige Unterrichtssprache protestiert. Der Aufstand gilt als einer der Wendepunkte in Südafrikas Geschichte hin zu einer Demokratie. Ein ernstes Thema – und schon vor einem Jahrzehnt ging das Apartheidsmuseum neue Wege, um einer jungen Generation diese Wegmarken zu erklären, wie seinerzeit die Tageszeitung Mail & Guardian berichtete:

„Interspersed with fact sheets and activity sections, the comic is aimed at young teenagers because, according to Gauteng Department of Education’s Rae Davids, ‚the most potent weapon in the minds of the oppressor are the minds of the oppressed. We need to engage these learners… ‚“

Viele von den Kindern und Jugendlichen, die mit „Timeliners“ vor zehn Jahren eine Reise zurück in die Vergangenheit unternommen hatten, sind gerade heute wieder im Blick der Öffentlichkeit: Als „Born Frees“ dürfen sie am heutigen 7. Mai erstmals als Bürger und Bürgerinnen des Post-Apartheids-Staates an den Parlamentswahlen teilnehmen. Die „Born Frees“ sind nach Ende des Regimes geboren – oder kurz zuvor – und deswegen haben sie keine eigene Erinnerung an die Zeiten von Unterdrückung, Segregation, „Homelands“ und staatlicher Wilkür. Die „Born Frees“ sind alles andere als eine Minderheit im demographisch jungen Staat Südafrika: Sie stellen rund 40 Prozent der Bevölkerung – und damit als junge Erstwähler vor allem den seit der Wende regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) vor Probleme.

Regierungspartei ANC verliert an Glaubwürdigkeit

Gerade bei ihnen kann der chronisch in Korruptions- und Misswirtschaftsskandale verstrickte ANC immer weniger punkten. Die Aura der Partei, die die Unterdrückten Südafrikas in die Freiheit geführt hat, verblasst besonders stark in der Wahrnehmung der „Born Frees“. Der Tod Nelson Mandelas im vergangenen Dezember machte für viele von ihnen den Kontrast deutlich – zwischen dem moralisch integeren, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten ersten Präsidenten einerseits und dem amtierenden, erneut für das Amt kandidierenden Jacob Zuma andererseits. Ermittlungen wegen angeblicher Korruption bei Waffengeschäften, Vergewaltigungsvorwürfe und – als neuester Skandal – die monatelange Debatte um den Ausbau des privaten Anwesens Zumas in KwaZulu-Natal. Es stellte sich heraus: Die Steuerzahler trugen zum größten Teil die Kosten von mehr als 200 Millionen Rand, umgerechnet mehr als 12 Millionen Euro.

Armut bleibt Problem

Während die Eliten in teils verschwenderischem Reichtum schwelgen, prägen Armut und Entbehrung auch 20 Jahre nach Ende der Apartheid den Alltag vieler Südafrikaner. Viele Townships sind immer noch elende Wohnsiedlungen – es fehlt an festen Unterkünften, an einer Wasser- und Abwasserversorgung, an günstiger Elektrizität, an bezahlbaren Zug- und Buslinien. Öffentliche Schulen geben in manchen Provinzen ein schlechtes Bild ab, und viele Südafrikaner haben schlechte Erfahrungen mit dem öffentlichen Gesundheitssystem gemacht. Während die Älteren nach wie vor bereit sind, geduldig auf Verbesserungen zu warten, fragen sich die „Born Frees“ zunehmend, was Politik und Verwaltung eigentlich in den vergangenen zwei Jahrzehnten getan haben. Während ihre Eltern und Großeltern unter einem rassistischen Staat litten, haben die Jungen ganz andere Probleme: Ihnen fehlen Perspektiven für ein Leben in Würde – Arbeitsplätze, soziale Gerechtigkeit und Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe.

Bloß kleine Verluste oder schon ein Trend?

Ein Blick auf die Ergebnisse der vergangenen Wahlen zeigt: Die Zustimmung zum ANC bröckelt: Bei den jüngsten Parlamentswahlen 2009 hatte die Regierungspartei im Vergleich zu den Wahlen 2004 vier Prozentpunkte eingebüßt. Für die einen sind das nur kleine Verluste – andere sehen darin einen Trend, der sich auch bei den heutigen Wahlen zeigen wird.

Auch wenn die Zustimmung sinkt – der ANC muss sich auch heute keine Gedanken machen. Nach wie vor profitiert die Partei von ihrer Vergangenheit. Der verstorbene Mandela – der erste ANC-Präsident – gilt vielen immer noch als Befreier. Die Dankbarkeit dafür wird sich auch bei der heutigen Wahl in Form einer komfortablen Mehrheit für den ANC zeigen. Die Rede ist von 56 Prozent – das wären etwa zehn Punkte weniger als 2009, aber immer noch mehr als genug für eine absolute Mehrheit im Parlament und die Wiederwahl Jacob Zumas als Präsident.

Bewegung bei der Opposition

Die Opposition scheint erst einmal chancenlos. Aber beim genaueren Hinschauen zeigt sich, dass vor allem bei der größten Oppositionspartei, der Democratic Alliance (DA) um die Vorsitzende Helen Zille, einiges im Wandel ist. Das Bündnis, die viele noch als „weiße“ Partei sehen und das deswegen viele Schwarze für unwählbar halten, kann auf 22 Prozent der Stimmen hoffen. Das wären fünf Punkte mehr als 2009 – und ein bemerkenswertes Ergebnis, zulasten des ANC.

Auch von links graben Zusammenschlüsse der Staatspartei ANC das Wasser ab: Erst im vergangenen Jahr gründete Julius Malema die Economic Freedom Fighters (EFF). Malema war zuvor der Vorsitzende der mächtigen ANC-Jugendliga und galt als machtvoller Unterstützer von Zuma. Doch es kam zum Zerwürfnis: Zuma, eher wirtschaftsliberal, warf Malema, linksradikal, aus der Partei. Der zahlte es dem ANC heim – und schuf mit den EFF eine neue politische Heimat für sich und eine wachsende Zahl von Anhängern. Bei ihnen punktet Malema mit der Forderung, weiße Farmer zu enteignen.

Die „Born Frees“ haben also spätestens jetzt eine politische Alternative links des ANC, wenn sie sich nicht ohnehin zur Mitte in Richtung DA orientieren – und vor allem sie sind weniger ideologisch und eher pragmatisch: Dem Umfragen zufolge ist es für sie kein Tabu mehr, eine Partei wie die DA zu wählen – verspricht sie in ihrer Kampane doch das Schaffen von Arbeitsplätzen. Auch das Sprechen von Afrikaans ist für viele Schwarze immer weniger ein Tabu. 1976 sorgte dessen Einführung als Unterrichtssprache für Unruhen, die das Land erschütterten. 2013 – in einem Bericht zum Tode Nelson Mandelas – sagte eine 18-jährige Südafrikanerin der New York Times:

„Afrikaans is such a laid-back and beautiful language. You can just sit back, relax, speak your Afrikaans and be happy.“

In der jungen Demokratie Südafrika machen heute erstmals die ganz jungen Politik – in einem vielfältiger werdenden Parteiensystem dürfen sie erstmals an die Urnen treten. Mit Freiheitskampf-Folklore kann der ANC immer weniger punkten. Konkurrierende Parteien, die Lösungen für drängende gesellschaftliche Probleme anbieten, werden dagegen attraktiver. Es ist beruhigend zu sehen, dass sich das politische System Südafrikas normalisiert und entwickelt. Schon bald werden aus den „Born Frees“ ebenso wie ihre Eltern und Großeltern „Elected Frees“ geworden sein, also Südafrikaner, die an freien und demokratischen Wahlen teilnehmen konnten. Eine Tatsache, für die es im Apartheidsmuseum in Johannesburg in den nächsten Jahren vielleicht eine neue Ausgabe der „Timeliners“ geben wird.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de