Brasilien vor der WM: Angst und Hoffnung der Wertstoffsammler

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Das FotoZu sehen ist Celoi Saraiva da Rosa, 46 Jahre, an ihrem Arbeitsplatz in der Mülltrennungshalle der Kooperative ASCAT Cavalhada im Süden von Porto Alegre, Brasilien. Foto: Thomas Lohnes/Brot für die Welt

In wenigen Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Ein Weltklasse-Turnier in dem Fußball-Land schlechthin – schon jetzt freuen sich viele auf die Spiele. Das große südamerikanische Land bietet aber mehr als die Klischees von „Futbol“, Karneval und Zuckerhut. Für die neue Ausgabe des Podcasts von Brot für die Welt haben wir genau hingeschaut und -gehört: Wir stellen Menschen vor, die als Wertstoffsammler den Müll in den Städten Brasiliens trennen und vom Verkauf von Papier, Dosen und Co. leben.

Einige befürchten, dass die Verwaltung sie und ihre Sammelkarren während der WM aus den Stadtzentren verbannt – das würde ihnen die Grundlage für ihr Einkommen entziehen. Andere schließen sich zu Genossenschaften zusammen: Gemeinsam sind sie stärker, und die Kooperativen erzielen bessere Preise beim Verkauf der Wertstoffe.

Alles in allem: Es ist ziemlich interessant, was die Frauen und Männer aus Brasilien zu sagen haben. Gut, dass sie auf unserer Website eine Stimme bekommen. Mein Dank geht dieses Mal an meine Kollegin Ingrid Mathe-Anglas. Sie brachte die O-Töne von einer Projektreise mit (mit dem bewährten Recorder-Arbeitstier Zoom H4N) und kümmerte sich auch um die Übersetzung. Das Erstellen des Manuskripts, das Sprechen und die Postproduktion lagen in den Händen der Tonjuwelen.

Der fertige Beitrag (dargestellt über die Embed-Funktion der Mediathek von Brot für die Welt):

Wir bieten nicht nur den fertigen, gebauten und verpackten Beitrag – O-Töne aus Brasilien stehen auch unbearbeitet im WAV-Format im Mediapark von Brot für die Welt bereit. Als Service für Redaktionen bieten wir die Übersetzungen ins Deutsche an.

Natürlich haben wir auch unsere Fans, Freunde und Follower im Social Web auf die neue Ausgabe hingewiesen:

Hier ist das Manuskript des Podcast-Beitrags:

Hunderttausende Menschen leben in Brasilien von dem, was andere wegwerfen: Glas, Papier, Plastik und Metall – der Verkauf dieser Wertstoffe bringt Geld, und davon leben ganze Familien. Dieses Leben ist oft schwierig. Aber es gibt Hilfe: von der Lutherischen Stiftung für Diakonie – einem Projektpartner von Brot für die Welt. Die Stiftung setzt sich für die Rechte der Menschen ein, die Wertstoffe sammeln – unter anderem im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Dort ist es gelungen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Sammlerinnen und Sammler zu verbessern.

Eine von ihnen ist Celoi de Fátima Raiva da Rosa. Die 46-Jährige arbeitet in der Kooperative Ascat in einem Armenviertel im Süden von Porto Alegre. Die Frauen und Männer haben sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen – und sie sind stolz auf ihre Arbeit. Natürlich trennt die ganze Familie auch zu Hause den Abfall. Papier, Glas, Plastiktüten, PET-Flaschen, Metall und Restmüll…

„Das sind Wertstoffe – wir nennen das nicht „Müll“. Und wenn es jemand tut, dann bin ich die erste, die schimpft. Bei mir zuhause habe ich sechs Behälter und meine Kinder wissen schon, wie sie zu trennen haben. Ihnen ist klar, dass sie davon leben. Für mich bedeutet die Arbeit in der Kooperative alles. Wenn ich mit dem Präfekten die Arbeit tauschen könnte, ich würde es nicht tun. Er war nämlich mal hier in der Schule und hat gefragt: „Wie können Sie hier im Müll arbeiten?“ Da habe ich gesagt: „Meine Arbeit hier ist genauso würdevoll wie Ihre und ich wollte nicht mit Ihnen tauschen.““

Celoi de Fátima Raiva da Rosa ist arm. Sie lebt mit ihren Kindern und Verwandten, das sind insgesamt 22 Menschen, in einem Haus mit vier Zimmern. Aber ihr und ihrer Familie geht es verhältnismäßig gut, denn die Kooperative unterstützt sie: Sie ist krankenversichert und hat ein gesichertes Einkommen.

Anders sieht es bei Antônio da Rosa aus. Er ist nicht-organisierter Müllsammler in Porto Alegre. Den Sammelkarren muss er jeden Tag mieten. Er ist ein Einzelkämpfer beim Zwischenhändler, der ihm für die Wertstoffe nur wenig zahlt. Am Ende bleibt nur ein geringer Lohn für harte Arbeit. Antônio da Rosa hat Angst um seine Existenz – vor allem jetzt, da die Fußball-Weltmeisterschaft ins Land kommt:

„Wenn es hier mit der WM losgeht, dann werfen sie uns mit unseren Karren aus der Innenstadt. Dann wird es für uns noch schlechter. Wir werden dann wohl bei der Verwaltung kämpfen müssen, dass sie uns nicht vertreiben. Denn wenn sie unsere Karren verbannen, was wird dann aus uns? Klar gefällt mir Fußball, wir sind schließlich das Land des Fußballs. Aber wenn der Fußball hierherkommt, um uns Nachteile zu bringen, wie soll er mir dann noch gefallen?“

Antônio da Rosa hat sich noch keiner Kooperative angeschlossen. Auch die 64-jährige Loreci Vieira zögerte lange, bevor sie es tat. Sie sagt, sie sammelte zehn Jahre lang ohne Transportwagen –nur mit den eigenen Händen – Alteisen und verdiente nur wenig. Manchmal sei sie verzweifelt gewesen, berichtet sie. Dann wurde sie von Alex Cardoso von der Nationalen Wertstoffsammler-Bewegung MNCR angesprochen. Vor drei Jahren schloss sich Loreci Vieira einer Kooperative an. Als Mitglied einer Genossenschaft verbesserte sich ihr Einkommen: Früher verdiente sie 200 Reais im Monat. Das sind umgerechnet gut 60 Euro. Heute sind es mehr als 1.000 Reais – das Fünffache. Gerade hat sie begonnen, ein Haus zu bauen, sagt sie stolz. Dank ihrer Mitgliedschaft in der Kooperative ist sie krankenversichert und wird im Alter eine kleine Rente haben. „Kooperativ“ – gemeinsam sind die Sammler und Sammlerinnen stark: Sie erzielen bessere Preise für Papier, Plastik und Co, weil sie ohne die Zwischenhändler auskommen. Die Genossenschaft kümmert sich um die Verwaltung von Einnahmen und Ausgaben und sorgt auch für das Handwerkszeug: So stellt sie den Mitgliedern die Sammelkarren bereit. Teures Mieten ist damit vorbei.

Dass es Loreci Vieira und allen, die sich einer Kooperative angeschlossen haben, heute besser geht, ist das Verdienst der Wertstoffsammler-Bewegung MNCR. Die Lutherische Stiftung für Diakonie unterstützt das Projekt. Das Geld dafür kommt aus dem Kleinprojektefonds von Brot für die Welt. Viel bewegen – das ist auch mit kleineren Beträgen machbar. Oft geht es um eine Initialzündung, damit eine Kooperative auf die Beine kommt: Erste Treffen, die Zusammenarbeit mit anderen Projekten, Aufbau einer gemeinsamen Buchhaltung. Angelique van Zeeland, Projektkoordinatorin bei der Lutherischen Stiftung für Diakonie in Porto Alegre, erklärt, wie eine Genossenschaft das Laufen lernt:

„Der Kleinprojektefonds stärkt mit seiner Finanzierung vor allem die Durchsetzungskraft der Menschen. Denn sie stellen die Projekte auf die Beine – nicht die Stiftung. Über den Fonds finden Menschen zusammen, organisieren sich, informieren sich. Der Fonds reicht also nicht nur Geld weiter und dann wird ein schöner Bericht darüber geschrieben, er ermöglicht Fortbildungen zu fachlichen oder wirtschaftlichen Themen, zu demokratischer Betriebsführung, Vernetzung oder der Arbeit mit Behörden. Und das sind wichtige Dinge, die den Beteiligten konkret helfen.“

Solidarisches Wirtschaften – das steht bei den Kooperativen im Mittelpunkt. Es geht nicht um Profit, sondern darum, für die Mitglieder da zu sein, damit sie ein Leben in Würde führen können. Jede Kooperative kann vom Sammeln über das Trennen bis zum Verkauf der Wertstoffe selbstständig handeln. Für alle Mitglieder gilt ein Verhaltenskodex: Arbeitszeiten einhalten, keine Drogen, kein Streit, keine Intrigen. So wächst Gemeinschaft: Wer zum Beispiel länger krank ist und von der eigenen Versicherung nicht den vollen Lohn erhält, bekommt Geld aus einem Notfonds. Dafür zahlen die Mitglieder fünf Prozent ihrer Einnahmen in die gemeinsame Kasse der Kooperative. Solche Sicherheiten sind in Brasilien unendlich wertvoll, erklärt Celoi de Fátima Raiva da Rosa. Sie blickt mit Zuversicht in die Zukunft und hofft, sich bald einen großen Wunsch erfüllen zu können:

„Naja, einen Traum habe ich schon – das wäre, eines Tages aus der Wohnung ausziehen zu können, wo wir jetzt sind. Die ist zu klein. Und in eine große Wohnung umzuziehen mit einem Hof. Ich möchte mehr Platz für die Kinder. Die sind den ganzen Tag weg, können nur am Wochenende spielen. Sie haben ja Fahrräder, haben alles wie andere Kinder auch, aber keinen Platz, um sie zu benutzen, weil kein Innenhof da ist. Und sie auf der Straße spielen zu lassen, ist heutzutage schlecht.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


Kanäle: Online, Foto, Video, Audio und Print.


Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).


Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte


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