Fischer mit Holzbooten auf der ueberfluteten regionenin der Naehe von Shyamnagar in Sued - Bangladesh. Hier sind die sind die Auswirkungen des Klimawandels besonders zu spüren Die Partnerorganisation von "Brot für die Welt" CCDB (Christian Commission for Development in Bangladesh) fördert anpassenden Maßnahmen an den Klimawandel. Ziel ist es, dass die Menschen mit den Klimaveränderungen überleben können. (z.B. durch salzresistentes Saatgut, Regenwasserbehältnisse, Mangovenpflanzungen, Schutzbauten (Shelter), verbesserte Hausbauweise, alternative Einkommensmöglichkeiten). Foto: Frank Schultze / Brot für die Welt

Komplizierte Themen am Haken: Ein Podcast erklärt den globalisierten Handel mit Fisch

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Das FotoZu sehen sind Fischer mit Holzbooten in den ueberfluteten Regionen in der Nähe von Shyamnagar in Süd-Bangladesh. Dort sind die Auswirkungen des Klimawandels besonders stark zu spüren Die Partnerorganisation von Brot für die Welt, CCDB (Christian Commission for Development in Bangladesh), fördert Projekte, damit sich die Menschen in der Region an die Folgen des Klimawandels anpassen. Ziel ist es, dass die Menschen trotz der Klimaveränderungen überleben können, etwa mit salzresistentem Saatgut, dem Auffangen von Regenwasser, Neuanpflanzungen von Mangoven, Schutzbauten und verbesserte Hausbauweisen. Foto: Frank Schultze/Brot für die Welt

Kabeljau aus der Ostsee, Wildlachs aus Alaska, Saibling aus deutschen Teichen – Fisch liegt im Trend. Der Handel ist längst globalisiert. Es gibt ein riesiges Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage – mit fatalen Folgen für Menschen woanders auf der Welt. Welchen Fisch können wir mit gutem Gewissen essen? Wie sieht es aus mit nachhaltiger Fischerei und umweltverträglicher Fischzucht?

Antworten auf diese komplizierte Fragen liefert der aktuelle Podcast von Brot für die Welt. Zu Wort kommt mein Kollege Francisco Marí, Projektreferent Agrarhandel und Fischerei bei Brot für die Welt. Ihn habe ich aus Anlass einer Fischerei-Fachtagung der Evangelischen Akademie Loccum für unsere Podcast-Reihe interviewt.

Der fertige Beitrag (eingebaut mit der Embed-Funktion der Mediathek der Website von Brot für die Welt):

Diese neue Ausgabe des Podcasts von Brot für die Welt ist auch in der Mediathek erschienen. Wir haben den Beitrag auch über unsere Social Media-Kanäle verbreitet:

Übrigens: Wir haben passend zu dem Thema eine Medienmitteilung versandt:

Mein Dank geht an meinen Kollegen Francisco Mari, den mir für die O-Töne zur Verfügung stand, und an das Team der Tonjuwelen, die (Post-) Produktion, Verpackung und das Texten übernommen haben.

Zum Nachlesen hier das komplette Manuskript des Podcast-Beitrags:

Intro

Kabeljau aus der Ostsee, Wildlachs aus Alaska, Saibling aus deutschen Teichen – Fisch liegt im Trend. Der Handel ist längst globalisiert. Es gibt ein riesiges Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage – mit fatalen Folgen für Menschen woanders auf der Welt. Welchen Fisch können wir mit gutem Gewissen essen? Wie sieht es aus mit nachhaltiger Fischerei und umweltverträglicher Fischzucht? Francisco Marí, Projektreferent Agrarhandel und Fischerei bei Brot für die Welt, kennt sich aus im weltweiten Handel mit dem Fisch:

„Wir hätten ja eigentlich auch genug Fisch, hätten wir nicht unser Küsten leergefischt, weil wir einfach zu viel herausnehmen, den Fisch nicht alt genug werden lassen, dass er sich überhaupt vermehren kann. Und dann geht man in die Länder des Südens mit den großen Trawlern und nimmt den Armen, küstennah auch noch, ihren Fisch weg, obwohl es in vielen Fällen eigentlich illegal ist, geschieht es trotzdem. Wenn nicht europäische Trawler selber, haben wir dann chinesische Partner in Anführungszeichen, die für uns fischen, von denen wir uns dann den Fisch holen, um sie in unsere Häfen bringen.“

Für dieses Vorgehen gibt es ein extremes Rechenbeispiel: Am 6. April ist Fish Dependance Day. Ab diesem Tag – bis zum Ende des Jahres – stammt rein rechnerisch der gesamte in Deutschland gegessene Fisch aus dem Ausland.

Retten soll es jetzt die Aquakultur, also die kontrollierte Aufzucht von Fischen, Muscheln, Krabben in riesigen Zuchtanlagen im Meer und in Küstengewässern:

„Heute wird’s verkauft als die große Alternative zur Überfischung. Man hat überfischt und denkt, weil Fisch ein gesundes Nahrungsmittel ist, könnte man das jetzt mit Fischzucht ersetzen. Und es ist, wenn man das statistisch sieht, inzwischen so: alle Steigerungen an Fischkonsum der letzten 10 bis 15 Jahre waren nur möglich durch einen Ausbau der Fischzucht.“

Aquakulturen bringen neue Probleme mit sich: Die Tiere leben auf engem Raum – der Stress schwächt sie, führt zu Verletzungen und zieht Parasiten an. Chemikalien und Arzneimitteln müssen her, und durch die Mast wird die Umgebung überdüngt. So haben die Hinterlassenschaften der Zuchtgarnelen in Südostasien bis zu 70 Prozent der empfindlichen Mangrovenwälder zerstört – und damit den natürlichen Küstenschutz. Zudem sind die Arbeitsbedingungen, unter denen Lachs, Shrimps oder Pangasius in Aquakultur gezüchtet werden, oft kritikwürdig. Und zu guter Letzt: Fische sind größtenteils Raubtiere. Es braucht also Fisch, in diesem Fall Fischmehl, um Fisch zu züchten – ein absurder Wettlauf, kritisiert Francisco Marí:

„Für ein Kilo Fischmehl braucht man fünf Kilo Fisch und für ein Kilo Fisch, den man mit Fischmehl zugefüttert hat, braucht man 3 bis 12 Kilo. Das heißt, man verschwendet das Zigfache, manchmal das Zwanzigfache an Fisch, den die Menschen hätten essen können, um einen tollen gezüchteten Lachs zu bekommen.“

Genau dieser Punkt ist aus entwicklungspolitischer Sicht ein Problem: Fisch versorgt die Menschen in ärmeren Regionen mit lebenswichtigen Nährstoffen. Reis, Maniok, Mais – die Grundnahrungsmittel in vielen armen Ländern – enthalten viele Kohlehydrate, aber zu wenige Mikronährstoffe:

„Wir nennen das Eiweißlücke. Es gibt immer weniger Produkte, die eiweißhaltig sind. Fisch hat alle Mikronutrienten, die der Mensch braucht, alle elf sogar. Und deswegen ist Fisch in vielen, vielen Ländern der Hauptbestandteil (von) tierischem Eiweiß. Deswegen, wenn Brot für die Welt, sich auf die Fahne schreibt, dass wir Hunger und Mangelernährung beseitigen zu wollen, dann gehört Fisch dazu.“

Was heißt das nun für uns, in Deutschland? Nicht Fisch, nicht Fleisch, was sollen wir denn essen – ohne schlechtes Gewissen? Francisco Mari hat ein paar Vorschläge, in die Zukunft gedacht:

„Es heißt zwar immer noch: Zweimal die Woche Fisch soll man essen. Bei Portionen von 200 bis 250 Gramm kann man das nicht weltweit machen, weil so viel Fisch gibt es auf der Welt nicht, auch mit Aquakultur nicht. Letztendlich heißt das, die eigenen Gewässer aufbauen. Man sieht momentan auch, z. B. in der Ostsee, dass der Dorsch, der woanders Kabeljau heißt, wieder zurückkommt. Wenn man den Fisch nicht so stark überfischt, dass er sich nicht vermehren kann, wenn er groß genug werden kann, wenn er zeugungsfähig wird, dann kann man auch Fischarten wieder aufbauen. Man kann auch eine vernünftige regionale Aquakultur oder Fischzucht als Zusatzangebot durchführen. Aber man hat z. B. im Moment, weil es nicht sehr viel Fisch gibt, ein wahnsinniges Angebot an Nordseekrabben. Und warum Pizzabäcker oder andere sich die Shrimps, unter unmöglichen Bedingungen produziert in Bangladesch, auf die Pizza legen und nicht die Nordseekrabbe, das muss man die Pizzabäcker fragen.“

Brot für die Welt unterstützt Partner dabei, unabhängiger arbeiten zu können, um etwa Fisch für den eigenen Bedarf und unter besseren Umständen fangen oder züchten zu können. Fisch aus fairem Handel gibt es nicht, sagt Francisco Marí. Die existierenden Siegel wie MSC sind industrieeigene Label, deren Standards aus entwicklungspolitischer Sicht zu lasch sind. Aber: Ein interessantes Projekt hat er sich vor einiger Zeit in Asien angesehen:

„Es gibt Naturland-Zertifizierung, eine sehr entwickelte, sowohl für frischen Fisch als auch für Aquakultur. Da haben wir einige Projekte uns angeschaut in Bangladesch, die durchaus interessant sind, die z. B. auch einen halbjährlichen Wechsel zwischen Shrimps-Anbau, wo die Shrimps-Teiche auch nicht nur Krabben haben, sondern auch anderen Fisch, Tilapia, Krebse. Also, nur der Shrimps wird exportiert, das andere wird als Eiweiß für die eigene Versorgung… und die Flüsse des Himalaya reinigen dann die Fischteiche und dann kann ein halbes Jahr lang Reis angebaut werden.“

Wie also lautet das Fazit – aus Sicht von Brot für die Welt? Zunächst: Für die Fischwirtschaft und den Handel, aber auch für Aquakultur, muss es verbindliche Richtlinien für Soziales und Umwelt geben. Und: Die Menschen und Länder, die vom Fischfang leben, brauchen mehr Mitspracherecht. In diesem Sinn ist die neue EU-Fischereireform ein erster, wichtiger Schritt. Ansonsten bleibt noch der Appell an die Kundschaft, den Handel und alle, die gerne Fisch essen: Bio, regional und so fair wie möglich sollte es sein. Dann lässt sich genießen, ohne im Trüben zu fischen.

Outro


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


Kanäle: Online, Foto, Video, Audio und Print.


Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).


Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte


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