Der bestinformierteste Mann Botswanas ist gestorben

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Bereits vor einigen Wochen erreichte mich die traurige Nachricht, dass Thomakgosi Mabe aus Kanye in Botswana am 17. November im Alter von 83 Jahren gestorben ist. Mein Nachruf.

Der bestinformierteste Mann Botswanas ist tot. Mit Rra Mabe konnte ich immer meine Zeitungen teilen, wenn ich in Kanye war. Die meisten wollten die Ausgaben fürs Feuer haben – er las sie. „Mmegi“ ziemlich gern, „The Voice“ nur, um sich wieder mal zu vergewissern, dass Yellow Press aus Francistown einfach nicht an die Hauptstadtpresse heranreicht. Wobei – eigentlich hätten Kanye und die Bangwaketse eine eigene Tageszeitung verdient, den „Bakwena Daily“, würde zumindest Nnana vielleicht einwerfen…

In dem kleinen Haus mit dem großen Garten, nicht weit vom Royal Plot in Kanye entfernt (an der neuen Kgotla vorbei, links rein, wieder links, geradeaus am Tuck Shop vorbei, halb links am Strommast vorbei, wieder links, um den Baum herum das Auto wenden, aussteigen) war Rra Mabe der Zuhörer. Er öffnete seine Ohren – für die Ratschläge seiner Frau, die Geschichten des deutschen Besuchers – und für Radio Botswana und BBC World Service. „Eure Kanzlerin wird immer mächtiger, wie eure Wirtschaft“, hatte er mir einmal erklärt. Und in diesem Frühjahr fragte er mich, wie wohl die nächsten Wahlen in Deutschland ausgehen würden. Wir können nicht mehr darüber sprechen.

Vor sechs Jahren und zwei Monaten hatten wir uns kennengelernt. Tshadi hatte mich mit zu ihrem Plot genommen. Sie schlachtete für unsere Gruppe ein Huhn. Sie wollte Fotos davon. Mein Glück – als Fotograf brauchte ich erst einmal keine Hand an das designierte Tswana Chicken zu legen. Hinterm Haus traf ich Thomakgosi Mabe. Wir unterhielten uns, über Botswana, Deutschland, Politik. Ich fragte, ob ich ein Foto von ihm machen könne. Er stimmte zu – und stellte sich an den Zaun des benachbarten Kraals, mit der linken Hand an dem dicken, verzwirbelten Draht, der die krummen Stämme zusammenhält; fast so, als wollte er prüfen, ob der Zaun noch stabil genug ist, um als Barriere das kostbare Vieh zusammenzuhalten.

Als wir vor zwei Jahren mit einer für mich sehr schwierigen Exkursionsgruppe in Kanye waren, sprach mich Tshadie an. Ob es mir besser gehen würde, wenn ich mit zu ihr auf einen Kaffee oder Tee kommen würde. Und ob ich bei der Gelegenheit nicht ein schönes Foto von ihr und ihrem Mann machen könnte. Ich willigte freudenstrahlend ein, und am Nachmittag verrückten wir Sessel und Sofa im Mabe’schen Wohnzimmer, um ein improvisiertes Studio zu schaffen. Wir hatten viel Spaß, lachten viel – aber es war nicht einfach, die beiden entspannt und trotzdem würdevoll abzulichten. Zum Glück fiel mir der Film „The Queen’s Courtyard“ von Eva Heldmann ein (Trailer) – ich erinnerte mich daran, dass Tshadie Jazz mag. Ich spielte „Pata Pata“ von Miriam Makeba auf meinem Handy ab, und plötzlich fing zuerst Tshadi, dann Thomakgosi an zu tanzen. Dann war auch ich dran. Irgendwie ist dabei auch dieses Foto entstanden, auf dem Tshadie ihren Mann lächelnd und verliebt anschaut, während er direkt in die Kamera blickt, etwas verschmitzt. Es ist eines meiner Lieblingsfotos aus Botswana, und immer wenn ich es sehe, stelle ich mir vor, dass die beiden auch früher ein unglaublich schönes Paar gewesen sein müssen, verliebt in sich, in den Jazz, und dann vielleicht auch etwas deplatziert in Botswana auf dem Land.

Die beiden waren wie ein altes Ehepaar, und in diesem Jahr feierte Tshadie den Geburtstag ihrer Freundin Nnana ohne ihren Mann. Er sei müde und könne deswegen nicht mitkommen, sagte mir Tshadie, als ich sie zur Feier abholte. Sie selbst hatte die Feier am späten Nachmittag fast vergessen – ich musste versprechen, sie am Abend mit dem Auto zurückzubringen. Sie berichtete – mit dem Unterton des Selbstverständlichen -, dass sie ihren Mann manchmal hinter einer verschlossenen Tür zurücklässt, wenn sie das Haus verlässt. Nicht, dass er rausgeht und sich nicht mehr zurechtfindet, so wie es schon einmal passiert war. Es war eine komische Geschichte, die aber einen ernsten Kern hatte. Boerewors, Steaks, Goat Chops, Coleslaw – wir statteten Tshadie an diesem Abend mit allem Leckeren aus, was das Geburtstags-Braii zu bieten hatte, einschließlich Wein aus Südafrika, damit auch Rra Mabe in dem kleinen Haus feiern konnte.

Tage später verabschiedete ich mich aus Kanye – auch von Thomakgosi Mabe. Ich schenkte ihm einen Stapel Zeitungen, die ich im Auto versteckt hatte, damit sie niemand zum Feuermachen nimmt. Er sagte, er könne nicht mehr so gut sehen, aber das mit dem Lesen würde er noch hinbekommen. Dann meinte er noch, er habe mich an meiner Stimme erkannt. Tshadie hatte mir ein paar Tage zuvor erzählt, ihr Mann sei ein Süßschnabel. Also schenkte ich ihm auch eine Tüte Gummibärchen. Wir gaben uns die Hand und empfingen Tshadies Reisesegen.

Für mich ist es traurig, auf diese Begegnungen zurückzublicken und zu wissen, dass sie ein Nachruf sind. Mir tut es unendlich für Tshadie leid, die jetzt von ihren Touren durch Kanye in ein leeres Haus zurückkehren wird. Ich wünsche ihr von Herzen viel Kraft, viele Gäste auf dem Plot und viele gesprächsfreudige Kunden für Kräuter und eingelegte Grenadillen. Der Garten, in dem all das wächst, mittendrin das kleine Haus mit der stets aufgeräumten Küche, aber mit einem Wohnzimmer, in dem nun niemand mehr ausdauernd und aufmerksam Nachrichten verfolgt – spätestens beim nächsten Besuch in Kanye werde ich den bestinformiertesten Mann Botswanas vermissen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de