Nachruf auf den Mittelwellensender Britz: Funkstille auf 990 kHz – das Ende einer Radio-Ära

Morgen, am 4. September, endet in Berlin eine Ära: Nach 65 Jahren zieht das Deutschlandradio der Sendestelle Britz im Süden der Hauptstadt den Stecker. Damit wird die letzte Mittelwellenfrequenz – 990 Kilohertz (kHz) – des Senders Deutschlandradio Kultur abgeschaltet. Diese Frequenz ist, wenn man das so sagen kann, historisch wertvoll: Auf ihr wurde vor 90 Jahren das erste Hörfunkprogramm in Deutschland ausgestrahlt.

Es war der RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor), der Ende der 1940er-Jahre den Sendemast in Britz errichtete. Das Ziel: Vor allem in Teilen Ostdeutschlands sollte der „West-Sender“ gut empfangbar sein. Mit der Wiedervereinigung änderte sich die Rundfunklandschaft in Berlin grundlegend: Unter anderem ging der RIAS im Deutschlandradio auf, und somit war auf 990 kHz das Programm von Deutschlandradio Kultur zu hören.

Im Kalten Krieg waren gerade die Mittelwellenfrequenzen heißt begehrt: Mittelwellen haben eine größere Reichweite als UKW. Hörfunkprogramme waren weit über das eigentliche Sendegebiet hinaus zu hören. Beispiel Deutschlandfunk: Er entstand mitten im Kalten Krieg, weil Westdeutschland möglichst unabhängige Informationen in die DDR senden wollte. Mit UKW war das technisch nicht flächendeckend möglich – mit Mittelwelle kaum ein Problem. Immer neue Sender entstanden für den Deutschlandfunk, etwa 1967 der Mittelwellensender Neumünster.

Auch die damaligen Stationen Südwestfunk (SWF) und Süddeutscher Rundfunk (SDR) sendeten über Mittelwelle. Auf den Frequenztableaus vieler Radiogeräte der 1960er-Jahre sind diese südwestdeutschen Stationen noch zu erkennen, etwa der Rheinsender in Wolfsheim auf 1017 kHz. Über Jahrzehnte versorgten diese Sender Millionen Menschen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, aber auch in den Nachbarregionen und -ländern, mit den Programmen von SWF und SDR. Neben Nachrichten und der beliebten Samstags-Bundesligakonferenz waren auch Klassiker wie „Vom Telefon zum Mikrofon“ oder der „ARD-Nachtexpress“ zu hören. Zuletzt sendete der Südwestrundfunk (SWR), in dem SWF und SDR 1998 aufgegangen waren, sein „Content Radio“, SWR Cont.Ra, über die Mittelwellenfrequenzen. Im Raum Stuttgart gab es erst ab Anfang 2012 eine UKW-Frequenz für Cont.Ra (das mittlerweile „SWR Info“ heißt und nachts die ARD-Infonacht übernimmt); in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz waren die Mittelwellenfrequenzen der einzige Weg, die Infowelle des SWR außerhalb von Digitalradio und Internetstream zu hören.

Die Ära der Mittelwelle in Südwestddeutschland endete unspektakulär, und vor allem unwürdig: Am 8. Januar 2012, angekündigt von einer kurzen Pressemeldung des SWR, wurde um 23 Uhr der Rheinsender endgültig abgeschaltet. Das laufende SWR-Programm endete mit einem Havariebett, das zur vollen Stunde verstummte. Danach waren andere Sender aus dem europäischen Ausland zu hören, die auf derselben oder einer benachbarten Frequenz, aber mit einem schwächeren Signal, sendeten. Der Rheinsender war damit Geschichte; der Sendemast wurde im Februar 2013 gesprengt. Von der Sprengung gibt es einen sehr interessanten Videobericht auf Youtube. Nachdem SWR Info nicht mehr auf 1017 kHz sendete, ist in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz das Wort- und Infoprogramm des SWR ohne DAB+ und Internet nicht mehr zu empfangen – obwohl die Menschen auf Hunsrück, Eifel, Westerwald und am Rhein natürlich auch Gebühren zahlen, mit denen dieses Programm entsteht.

Das morgige Aus des Senders Britz reißt eine weitere Lücke in die einst umfangreiche Liste der auf Mittelwelle empfangbaren deutschen Radiostationen. In Deutschland wird sich die Trauer in Grenzen halten – Radioempfang über Mittel-, Kurz- und Langwelle spielt für die meisten keine Rolle. In anderen Ländern ist das anders: In den USA sind kommerziell erfolgreiche Nachrichten- und Talksender traditionell auf Mittelwelle zu hören, und im südlichen Afrika setzen viele staatliche und private Sender auf die Verbreitung über Mittel- und Kurzwelle – was allein angesichts der großen geographischen Entfernungen wirtschaftlicher ist als eine reine Verbreitung über UKW, bei der – vereinfacht dargestellt – ein Empfang nur möglich ist, wenn es eine Sichtverbindung zwischen Empfänger und Sendeantenne gibt.

Die Digitalisierung des Rundfunks und die Verbreitung via Internet verbessern die Qualität der Übertragung deutlich. Der Betrieb der – angeblich – energiehungrigen und wartungsintensiven Mittelwellensender* rechnet sich für die Stationen schon längst nicht mehr. Als öffentlich-rechtliche Anstalten sind sie in schier endlose Spardebatten verwickelt. Wirtschaftlich sinnvoll ist es allemal, die Sender abzuschalten – und trotzdem bleibt ein wehmütiger Blick zurück: Die Freude, mit einem kleinen, unkomplizierten Radio jederzeit auf Entdeckungsreise in die europäische Radiolandschaft gehen zu können und dabei Stationen zu hören, die teils Tausende Kilometer entfernt sind. Für das Gefühl von Freiheit, sich grenzüberschreitend und ideologieüberwindend einschalten zu können, gibt es in den politisch bestimmten Senderetats keinen Platz mehr.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de

(4) Kommentare

  1. Ich weiß nicht wirklich, was an den Mittelwellensendern „wartungsintensiv“ sein soll, immerhin hat der SWR erst Anfang der 2000er Jahre sein komplettes Sendernetz modernisiert und auf volltransistorisierte (!) moderne Sender – auch mit teils deutlich geringerer Leistung – umgestellt.

    Früher sendete der Rheinsender z. B. mit bis zu 700kW, zuletzt noch mit 100kW.
    Gleiches gilt für Bodenseesender und Mühlacker (300kW => 100kW).
    Alle paar Jahre muß halt der Mast gestrichen werden. Aber was kostet die Wartung der vielen UKW- und DAB+-Türme, die stattdessen aufgestellt werden müssen?

  2. Danke für den Hinweis – ich habe den Passus (im letzten Absatz) angepasst und auf deinen Kommentar verlinkt, damit deutlich wird, dass die Argumentation der Sendeanstalten, AM sei auch wegen der Wartungsintensität zu teuer, nicht von allen geteilt wird.

  3. ergänzend sei aktuell noch hinzuzufügen:
    Deutschlandradio hat zum Jahreswechsel 2014/2015 seine 3 Langwellensender abgeschaltet.
    Auch hier gilt: diese Anlagen sind hochmodern: die beiden DLF-Langwellensender stammen aus 2008, Deutschlandradio aus 1999 mit Modernisierung 2006
    siehe http://www.transradio.de/index.php/de/referenzen
    Alle diese Sender sind auch digitalfähig – das Verfahren heißt DRM und wurde in Europa lange rundfunkpolitisch ignoriert (nicht von den Sendeanstalten, die haben modernisiert), sodaß die Industrie sich mit Empfängern zurückhielt, bis es jetzt als „gestorben“ gilt.

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