Der Wahl auf die Sprünge helfen

Wie viele haben bis dato ihre Stimme abgegeben? Sind die Urnen richtig verplombt? Wo ist das Wäherverzeichnis? Wie sieht der Rückmeldebogen für die Wahlkommission aus – ist er womöglich blanko unterschrieben? Können alle, die rechtzeitig im Wahllokal sind, wählen?

Es sind diese Fragen, die mich bei meinen Wahlbeobachtungsmissionen für Brot für die Welt in Ghana und Kenia umgetrieben haben – und auf die ich Antworten von den Männern und Frauen wollte, die ehrenamtlich in den Wahllokalen arbeiteten. Sofort. Und ohne Ausreden.

Sie waren oft irritiert, manche sogar ziemlich nervös. Die Gedanken in den Köpfen der Männer und Frauen, die seit dem frühen Morgen Dienst taten, konnte ich nur erahnen: Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet vor mir, steht einer dieser internationalen Wahlbeobachter, mit Akkreditierung der nationalen Wahlkommission, und schaut sich genau um. Auf was er achten muss? Gibt es einen Verdacht? Habe ich etwas falsch gemacht? Was schreibt er auf, was gibt er „nach oben“ weiter?

Bei der jüngsten Mission in Kenia reifte in mir der Gedanke, dass ich diese Situationen im Nachhinein gerne entschärfen würde. Quasi als Element der ausgleichenden Gerechtigkeit habe ich mich vor einigen Tagen als ehrenamtlicher Wahlhelfer gemeldet. Für „meine“ Stadt Berlin geht das online (über eine gesicherte Internetverbindung). In kleineren Gemeinden geht es evtl. auch per Anruf oder E-Mail an „die Verwaltung“.

Ich finde, es geht um ziemlich verantwortungsvolle Aufgaben, und beim Lesen musste ich erst mal schlucken: Obwohl ich Politikwissenschaften studiert habe und bei „heißen“ Wahlen in Kenia und Ghana genau hingeschaut habe, traue ich mir das, worüber der Bundeswahlleiter schreibt, zu?

Sie haben folgende Aufgaben:

  • Sorge für die ordnungsgemäße Durchführung der Wahl,
  • Überprüfung der Wahlberechtigung auf Grund des Wählerverzeichnisses,
  • Ausgabe des Stimmzettels,
  • Vermerk über die Wahlteilnahme im Wählerverzeichnis,
  • Freigabe der Wahlurne für den Einwurf des Stimmzettels,
  • Ermittlung des vorläufigen Wahlergebnisses im Rahmen einer sog. Schnellmeldung, die an die Gemeindebehörde weitergeleitet wird.

Ich werde es herausfinden! Ich habe mich online angemeldet (und erwarte jeden Tag per Post ein umfangreiches Infopaket mit gut gemachten Infos, wie es etwa die kenianische Wahlkommission aufgelegt hatte).

Wichtig sind für mich auch diese Aspekte:

  • Ich habe in Afrika Tausende Menschen gesehen und mit einigen von ihnen gesprochen, die sich teils mitten in der Nacht in eine Warteschlange eingereiht hatten, um an der Wahl teilnehmen zu können. Viele sagten mir, es sei für sie alles andere als selbstverständlich, dass ihre Stimme Gewicht hat und überhaupt zählt. Dass es Wahlen gibt, freie Abstimmungen, die geheime Abgabe der Stimme, eine öffentliche Auszählung – das war für die Menschen in Ghana und Kenia ein Geschenk, das sie selbstbewusst und würdevoll annahmen. Wer würde hier in Deutschland stundenlang in praller Sonne warten, um dieses Bürgerrecht wahrzunehmen?
    In Ghana lag die Wahlbeteiligung bei knapp 80 Prozent; in Deutschland sind es bei Bundestagswahlen locker einmal zehn Prozentpunkte weniger. Bei Regional- und Europawahlen gehen die Werte weiter in den Keller. Bei aller Kritik, die wir alle gerne und auch zurecht an unserem politischen System äußern: Dass wir zumindest unser Wahlrecht wahrnehmen, sind wir meiner Meinung nach unserer Demokratie schuldig.
  • Es geht um die Wahrnehmung eines sehr wichtigen Bürgerrechts. Über solche grundlegenden Rechte für uns alle diskutiert die deutsche Öffentlichkeit gerade im Zuge der PRISM- und Aushorchungs-Debatte. Ich kann nur immer wieder sagen: Gerade jetzt ist die richtige Zeit, dass Bürger (und Bürgerinnen) ihre Rechte in Anspruch nehmen – demonstrativ. Für mich zählt dazu auch das Engagement bei der nächsten Wahl. Klar geht es dann um Inhalte – aber es geht auch um die Wahl als demokratischer Akt an sich.

Artikel-Tools:

Shortlink:

Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de