Autobahn mit viel Gefühl

Tausende Sensoren in der Straße steuern Verkehr

Gerade ist die Ferienzeit mit der Rückreisewelle ausgestanden, da bringt der Herbst die ersten nebligen Tage. Gerade auf stark befahrenen Fernstraßen wie der A 61 spüren Autofahrer Reisezeit und Wetterkapriolen schnell: Auch wenn der Verkehr nur langsam oder manchmal gar nicht mehr fließt, haben Experten und eine ganze Armada an Technik ein Auge auf die Straßen.

In Koblenz haben sie wieder UFOs auf dem Schirm. Keine fliegenden Untertassen irgendwo da draußen, sondern Bodenständigeres: In der Verkehrsrechnerzentrale des Landesbetriebs Mobilität (LBM) in Koblenz laufen Informationen von mehr als 18 000 Kilometern Straßen im Land zusammen. Die „UFOs“ tauchen immer wieder in der Datensammlung für die Verkehrsstatistik auf. Dahinter stecken Fahrzeuge, deren Art und Größe für die Messschleifen unter dem Asphalt Phantome bleiben. Frank Diercks, der in der Verkehrsrechnerzentrale Koblenz für die Technik zuständig ist, erklärt: „Es gibt definitiv Fahrzeuge, die in keine der Kategorien hereinpassen.“

1400 Messschleifen zählen

Wie ist das Wetter auf der Strecke? Gibt es Staus? Und welche Fahrzeuge sind eigentlich auf Tour? Antworten finden die Experten vom LBM mithilfe von 270 Dauerzählstellen, 70 Glättemeldeanlagen und 50 Kameras im gesamten Bundesland. Die Verkehrsexperten betreiben auch 1400 Induktionsschleifen, die unter den Fernstraßen im Land montiert sind – sie führen eine automatische Strichliste des Verkehrs auf der Strecke.

Diese Zählschleifen unter dem Asphalt registrieren, wenn ein Fahrzeug über sie fährt. Mit zwei in kurzem Abstand eingebauten Zählschleifen lässt sich das Tempo berechnen. Doch die Technik kann noch mehr: Sie unterscheidet zwischen acht verschiedenen Fahrzeugtypen. Normales Auto oder eins mit Anhänger, kleiner Laster oder Megatruck, Motorrad oder Reisebus – sie alle erkennt die zehn Zentimeter unter dem Asphalt verlegte Technik anhand des „Fingerabdrucks“ in den Messschleifen automatisch. Doch Fahrzeuge, die zu langsam sind oder zu wenig Metall auf der Unterseite haben, lassen die Sensoren ratlos zurück. Smarts etwa gehören zu jener Gattung Autos, die einfach zu wenig Metall auf die Straße bringen – und damit die Technik verwirren. Solche für die Zählschleifen unidentifizierbaren Fahrzeuge haben die Verkehrsexperten vom LBM liebevoll „UFOs“ getauft.

Oberstes Ziel: Wenig Staus

Die Datenjäger haben ein Ziel: Der Verkehr soll weiter fließen und möglichst selten ins Stocken geraten, auch, wenn der Platz auf den Straßen im Land immer knapper wird. Jahr um Jahr sind mehr Fahrzeuge unterwegs, und es lassen sich nicht einfach immer neue Straßen oder zusätzliche Fahrstreifen bauen.

Mit dem Raum auf der Strecke haushalten – dabei helfen die Schilderbrücken, wie sie auf der A 61 etwa am nördlichen Teil des Landes stehen. Je nach Verkehrslage geben sie eine Höchstgeschwindigkeit vor. Die Ziele: für einen reibungslosen Verkehrsfluss sorgen, den Ausstoß des klimaschädlichen COx senken und den Straßenverkehr sicherer machen. LBM-Sprecherin Sabine Cibura erklärt: „Solche Leitsysteme erhöhen nachweislich die Verkehrssicherheit.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass dort, wo Schilderbrücken eingesetzt werden, die Unfallzahlen um bis zu 30 Prozent sinken.

Die Spannweite der blau lackierten Stahlkonstruktionen kann bis knapp 40 Meter betragen. Die leuchtenden Schilder sitzen in etwa 1,80 Meter hohen Schaltschränken. Glasfaserleitungen bringen das Licht von Halogenlampen zur Front des Schildes. Dort ergeben einzelne Lichtpunkte – zusammen betrachtet – das Verkehrsschild. Bei den elektronischen Schildern geht der LBM auf Nummer sicher: Für jede Lampe ist ein Ersatz gleich mitmontiert. Auf den Schilderbrücken sitzt übrigens keine Technik, um Raser oder Drängler zu blitzen, versichert die Sprecherin.

Meldungen im Sekundentakt

Tempo 130 oder doch nur 80? Ist die Straße trocken oder nehmen Nebel und Regen den Fahrern die Sicht? Die Leuchtsignale auf den Schilderbrücken reagieren schnell. Die Daten flitzen über mehr als 1000 Kilometer Kupfer- und 150 Kilometer Glasfaserkabel zum Hirn der intelligenten Schilder. Es steht in Koblenz, ganz in der Nähe des Koblenzer Kreuzes. Dort betreibt der LBM jene Verkehrsrechnerzentrale, in der auch die Daten über die „UFOs“ auflaufen. Inmitten von Computern, Bildschirmen und Kabeln überwachen vier LBM-Mitarbeiter die Messanlagen und Informationssysteme.

Sie erhalten aus ganz Rheinland-Pfalz Meldungen über die Auslastung der Straßen, die Zahl der freien Lkw-Stellplätze und den Straßenzustand – im Sekundentakt. Aus diesen Datensätzen berechnet die Technik die passenden Anzeigen auf den Schilderbrücken. Frank Diercks erklärt, dass die Rechner das Verkehrsgeschehen und die passende Steuerung der Leuchtschilder ziemlich gut im Griff haben: „Die Anlagen draußen arbeiten zu 99 Prozent autonom.“ Die Systeme berechnen selbstständig das Tempolimit auf bestimmten Abschnitten der Autobahn, damit es keinen Stau gibt. Diese Geschwindigkeit wird automatisch auf den Schilderbrücken angezeigt.

Doch trotz der 99-prozentigen Selbstständigkeit der Anlage sind die Techniker nicht überflüssig – sie können jederzeit eingreifen, etwa, wenn es einen Unfall oder eine Baustelle auf der Strecke gibt und die Schilderbrücke ihre Anzeige ändern muss. Auch Störungen an den Tausenden Sensoren kann es immer geben: Wenn ein Bagger ein Kabel kappt oder eine Spinne ihr Netz genau vor einem Sensor spannt, der daraufhin mitten im Hochsommer vermeintlichen Dauernebel meldet. Martin Ternes, ebenfalls Mitarbeiter der Fachgruppe, ergänzt: „Wir schicken dann jemanden hinaus, der die Ursache herausfindet und behebt.“

Straßenschau im Internet

Verkehrsdichte, Staus und das Wetter – viele Daten rund um den Verkehr auf den Straßen im Land lassen sich mittlerweile auch über das Internet abrufen. Der LBM stellt die Informationen in seinem Mobilitätsportal kostenlos bereit. Dort gibt es auch viele Livebilder von stark befahrenen Autobahnabschnitten. Schon vor Beginn der Fahrt lässt sich so schauen, wie es auf der Strecke aussieht. Mit etwas Glück lassen sich dort auch die „UFOs“ in freier Fahrt entdecken, denn in der Verkehrsstatistik tauchen die Phantome nicht auf: Diercks, Ternes und ihre Kollegen in der Koblenzer Zentrale rechnen die unbekannten Fahrzeuge aus der Statistik heraus – denn die Wahrheit ist nicht immer nur irgendwo da draußen.

Das „Mobilitätsportal“ des LBM im Internet: www.verkehr.rlp.de.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de