Geheimes Lager für den Notfall

Der Bund bunkert im Raum Andernach 5500 Tonnen Weizen – Deutschlandweites Netzwerk von 100 Lebensmitteldepots

Mangel, Hunger, Nahrungsmittelknappheit – wer heute einen Supermarkt betritt, kann sich kaum vorstellen, dass plötzlich die Regale leer sein können. Doch für diesen Fall der Fälle betreiben Zivilschutz-Experten in ganz Deutschland geheime Lebensmittellager. Die RZ konnte sich in einem Depot in der Region umschauen.

5500 Tonnen Weizen lagern als Notfallreserve im Raum Andernach. In der unscheinbaren Halle bunkert die Bundesrepublik Deutschland einen Teil der staatlichen Nahrungsmittelreserve. Das Lager gehört zu einem Netz von rund 100 geheimen Standorten in ganz Deutschland. In Rheinland-Pfalz gibt es mehrere dieser Geheimdepots.

Beklemmendes Szenario

Dr. Dieter Schneider leitet das Referat Notfallvorsorge beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Wenn er über den Zweck des Andernacher Getreidelagers spricht, macht sich Beklemmung breit: Nach Naturkatastrophen, Tierseuchen, Terroranschlägen oder großtechnische Unfällen – etwa in einem Atomkraftwerk – könnten die Regale der Supermärkte leer bleiben. Dann soll die Stunde der staatlichen Notfalllager schlagen. Schneider erklärt: „Das sind schon schlimme Szenarien.“ Bislang habe aber noch nicht nie auf die Notrationen zurückgreifen werden müssen – selbst nicht bei dem Jahrhunderthochwasser 2002 in Ostdeutschland.

Die Verwalter der staatlichen Vorratskammern halten die genauen Standorte geheim – auch das ist Teil eines beklemmenden Szenarios: „Bei einer Veröffentlichung der Standorte der Lagerstätten würde die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Versorgungskrise die Lager das Ziel von Plünderungen würden, deutlich zunehmen“, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums. Die Verschwiegenheit diene der „passiven Sicherheit“ der Lager. Referatsleiter Schneider erklärt: „Im Katastrophenfall verhalten sich die Betroffenen nicht mehr rational.“ Und er ergänzt: „Das ist das letzte Geheimnis, das wir haben.“

Die Idee, solche Depots anzulegen, stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, blickt Schneider zurück. Dass es in Deutschland noch einmal Krieg gibt, sei „zum Glück relativ unwahrscheinlich geworden“. Doch andere Szenarien seien denkbar. Schneider spricht von „Versorgungssituationen, die der Markt nicht mehr beherrscht“. Für die Bürger könnte das bedeuten: In den Geschäften gibt es noch nicht einmal mehr Grundnahrungsmittel. Bis die Versorgung wieder in geordneten Bahnen verläuft, müssen die Lebensmittel aus den Depots ausreichen. Das kann Tage bis Wochen dauern, erklärt Schneider.

Weizen, Hafer, Reis, Erbsen, Linsen, Vollmilchpulver und Kondensmilch – solche Lebensmittel hortet der Bund in riesigen Vorratskammern überall in Deutschland. Viele Depots finden sich in der Nähe der großen Städte. Dort leben die meisten Menschen, und im Notfall gilt es, sie schnell zu versorgen – auch aus der Gemeinschaftsküche. Das Getreide aus dem Andernacher Raum würde im Katastrophenfall in einer Mühle zu rund 5000 Tonnen Mehl verarbeitet. 150 Millionen Brötchen könnten Bäckereien damit backen.

Immer weniger Menschen betreiben eine echte Vorratshaltung, erklärt Referatsleiter Schneider. Die Bürger seien es mittlerweile gewohnt, jeden Tag einkaufen zu können – ganz nach Bedarf. Das Ministerium hat dazu eine eigene Internetseite ins Leben gerufen. Dort heißt es: „Es ist äußerst ratsam, stets einen Nahrungsmittelvorrat für einen Zeitraum von 14 Tagen im Haus zu haben.“ Pro Person empfehlen die Zivilschützer unter anderem einen Vorrat von 4,6 Kilo Brot, Kartoffeln und Getreideprodukte, 5,6 Kilo Gemüse und Hülsenfrüchte und 24 Liter Getränke. Schnell kommen knapp 50 Kilo Lebensmittel und Getränke zusammen – pro Person.

Für die Notfallreserve sorgt aber auch der Staat – mit seinen riesigen Depots. Auf die Qualität des bei Andernach gelagerten Weizens achtet Klaus Müller. Er ist Oberprüfer der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Der Fachmann erklärt: „Das Getreide ist so gut, es kann problemlos zehn Jahre gelagert werden.“

Reserve kostet Millionen

Ist die Lagerzeit um, verkauft die Bundesrepublik das Getreide – eventuell mit Verlust. Ausnahmsweise spendet der Staat Lebensmittel auch für humanitäre Zwecke im Ausland – wie Ostern 1999, als Flüchtlingen im Kosovo Hunderte Tonnen bundesdeutscher Notfallvorräte zugute kamen. In diesem Jahr sind im Bundeshaushalt 15,45 Millionen Euro für die Lagerhaltung selbst sowie die sogenannte Ein- und Auslagerung vorgesehen.

Zwar zahlt der Bund, doch bei einer Krise können die Länder die Nahrungsmittel anfordern. Das Ministerium würde dann der Landesregierung mitteilen, wo welche Lebensmittel lagern. Dann wäre es an Land und Landkreis, den Transport zu organisieren, sich um die Weiterverarbeitung zu kümmern und Gemeinschaftsküchen auf die Beine zu stellen. Ein düsteres Szenario? Oberprüfer Müller findet das ganz und gar nicht. Dass es in ganz Deutschland Lebensmitteldepots wie im Raum Andernach für Krisenzeiten gibt, ist für ihn „eigentlich beruhigend“. Niko Wald

Informationen zur persönlichen Notfallreserve gibt es auch im Internet unter der Adresse www.ernaehrungsvorsorge.de

Im Detail

Eine warme Mahlzeit pro Tag

Es gibt zwei unterschiedliche Lebensmittel-Reserven des Bundes: zum einen die Bundesreserve Getreide. Sie besteht aus Weizen und Hafer. Damit will der Staat im Krisenfall die Versorgung der Bevölkerung mit Brot sicherstellen. Zum anderen hält der Staat die „Zivile Notfallreserve“ vor: Das sind gebrauchsfertige Lebensmittel wie Reis, Erbsen, Linsen, Kondensmilch und Vollmilchpulver. Im Fall einer Krise sollen diese Nahrungsmittel laut Ministerium vor allem an Verbraucher in den Ballungsräumen abgegeben werden – sie sollen zumindest eine warme Mahlzeit pro Tag bekommen. Die deutschlandweit gelagerten Mengen erscheinen riesig: 365 Tonnen Weizen, 90 Tonnen Hafer, 65 Tonnen Reis, 24 Tonnen Erbsen und 24 Tonnen Linsen. Bei den Molkereien haben die Zivilschützer zudem ständig Zugriff auf 6 Tonnen Kondensmilch und 500 Tonnen Vollmilchpulver. Die vielen Lebensmittel reichen – je nach Zahl der Esser und der Tagesration pro Person – laut Ministerium „zwischen wenigen Tagen bis hin zu mehreren Wochen“.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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