Die Langsamkeit im Überfluss

Gemächlich unterwegs auf den Flüssen und Kanälen der Bretagne: Bei einer Reise mit dem Hausboot ist der Weg das Ziel

Hausboot fahren ist wie Campen auf dem Wasser: Auf den ersten Blick scheint dieser Vergleich zu stimmen. Doch eine Reise mit den voll ausgestatteten, langsam vorankommenden Wasserfahrzeugen hat nichts mit Ferien auf einem überfüllten Zeltplatz gemein.

Es ist wie eine Szene aus Kindertagen, wie ein seliger Blick zurück in die Zeit der Baumhäuser und selbst gegrabenen Staudämme: Die tief hängenden Äste der Bäume am Ufer reichen bis ins Wasser des kleinen Flusses. Sanft gurgelt das Nass um die Steine. Nur das selbst gebastelte Floß ist mit den Jahren ein gutes Stück staatlicher geworden, wie auch die Kinder, die darauf spielen. Sie sind längst erwachsen. Und sie touren mit einem Hausboot durch die Bretagne.

Dort, wo die französische Provinz noch Provinz ist, ziehen sich ungezählte Flüsschen und Kanäle durchs Land: die Vilaine, der Blavet, der Canal de Nantes à Brest – und der Aff, der kleine Fluss, der sanft gurgelt. Seit Langem sind sie zu schmal und zu flach, als dass noch Güterschiffe auf ihnen fahren. Doch die Kähne haben den Weg frei gemacht für andere, die mühselig und beladen sind: Reisende, die sich den Luxus der Langsamkeit gönnen.

Entspannte Stunden…

Höchstens zwölf Kilometer pro Stunde schafft das Hausboot, das seine Passagiere zur Gemächlichkeit anhält. Wenn das Wasser der Weg und der Weg das Ziel ist, bleiben entspannte – und vielleicht auch erholsam einsame – Stunden an Bord, auf Deck, in der Kombüse und in der Kajüte. Wer so in Frankreich schippert, braucht, anders als in Deutschland, keinen Bootsführerschein. Bei der Einweisung stellt der Reeder einfach eine vorübergehend gültige Fahrerlaubnis aus.

Wer in Frankreich weilt und an bretonischen Ufern anlegt, hält sich lieber mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auf – wie etwa dem Essen. Die Bretagne lockt mit dem herzhaften Urahn der süßen Crêpe: der Galette. Beim Landgang findet sich meistens schnell ein ruhiges Bistro, das die Speise aus Buchweizenmehl in Hülle und Fülle auftischt. Als „complète“ sehen die Bretonen eine Galette aber nur an, wenn sie mit Käse, Schinken und Eiern serviert wird. Etwas raffinierter – also regelrecht französischer – geht es in einigen der hochdekorierten Restaurants zu. Wer es sich leisten mag, entert beim Landgang ein Sterne-Restaurant und gibt sich stundenlang den Delikatessen wie gegrilltem Loup de Mer (Wolfsbarsch) mit Pernod beträufelt und Fenchelgemüse hin.

Doch der Hochgenuss kann auch ein ganz anderer sein: auf Deck des Hausboots zu sitzen und mit dem Steuermann die Route für den nächsten Tag abzustecken. Mit der Mannschaft in Gemeinschaftsarbeit Schleuse um Schleuse zu passieren. Den Kanuten, die stromabwärts fahren, und den Anglern, die am Ufer auf den großen Fang warten, zu winken. Bei einem guten Glas Cidre den Blick den dichten gelben Blütenteppichen auf sattgrünen Wiesen unter dem weiten blauen Himmel zuwenden. Oder Zuflucht vor all der Weite in der geborgenen Enge der Kajüte suchen.

Für Entdeckungsreisende gibt es in manchem Seitenarm einiges zu ergründen. Wer dem Flüsschen Aff folgt, muss in La Gacilly anlegen. An der großen Schleuse kommen die Hausboote nicht mehr weiter. Doch direkt neben dem Wehr hat der bekannteste Sohn der 2300-Seelen-Gemeinde ein besonderes Museum aufgebaut: Yves Rocher, Gründer des gleichnamigen Parfum-Imperiums und seit Jahrzehnten Bürgermeister des Ortes, hat dort ein Pflanzenmuseum errichtet. Im „Vegetarium“ wachsen Pflanzen aller Klimazonen. Unter freiem Himmel findet sich ein internationaler Lehrgarten der Baumarten. Und in jedem Sommer lockt das Dorf, in dem 25 Kunsthandwerker ihre Ateliers haben, mit seinem renommierten Foto-Festival.

… und turbulente Märkte

Die Hafenstadt Redon, in der sich der Canal de Nantes à Brest und die Vilaine kreuzen, bietet Einblicke in die bretonische Lebensart. Montags ist Markttag, und in der Messehalle scharen sich Tausende Kunden um die Stände mit vom Ufer der Vilaine, Meersalz aus dem nahen Atlantik, verfeinert mit würzigem Pfeffer und frischem Knoblauch, Käse, Brot – und natürlich Fisch.

Es tut gut, sich nach dem turbulenten Marktgang mit seiner Beute aufs gemütliche Hausboot zurückzuziehen. Während der Steuermann Kurs auf den nächsten Kanal nimmt und das Boot gemächlich in Richtung Abendrot tuckert, geht es unter Deck ans Zubereiten der Köstlichkeiten. Wenn nach einem langen Tag auf dem Wasser in der Kajüte nur das verhaltene Schlagen der Wellen an den Rumpf des Bootes zu hören ist, kehrt eine aparte Stille ein. Sie macht glücklich – alle, für die es eine Gnade ist, unterwegs sein zu dürfen, ohne ankommen zu müssen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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