Beim Kirchentag viel erlebt

RZ traf Koblenzer Jugendliche in ihrem Kölner Gemeinschaftsquartier

„Klasse 1c“ steht auf dem Schild neben der Tür im ersten Stock einer Grundschule am Niederrhein. Doch in dem Raum, in dem sonst Erstklässler Lesen und Schreiben lernen, sind während des Kirchentags Jugendliche aus dem Evangelischen Kirchenkreis Koblenz einquartiert. Jugendgruppen aus Lützel, Pfaffendorf, Urmitz-Mülheim, Winningen und Andernach haben in der Grundschule Geilenkirchen die Schulbänke beiseitegeschoben und Platz für ihr Nachtlager gemacht.

Statt im Bett im eigenen Zimmer schlafen auf dem Boden eines Klassenraums campieren – mit bis zu 20 anderen: Diese Form der Unterkunft ist typisch für Kirchentage. Für die 28 Jugendlichen aus der evangelischen Kirchengemeinde Lützel, die mit Diakon Martin Grasteit und Gemeindepfarrer Tillmann Böhme angereist sind, ist die Massenunterkunft kein Problem: „Das ist hier wie im Zeltlager“, sagt Nadine Neckenich aus Bisholder – was für die 17-Jährige ein Pluspunkt des Quartiers ist. Lukas Stein (14) aus Metternich findet: „Eine Luxus-Suite wie im Hotel brauche ich nicht.“ Es sei schöner, mit den Leuten aus der Jugendgruppe in einem Raum zu übernachten.

Nicht nur die Schlafplätze verlangen von den jungen Protestanten eine gehörige Portion Gelassenheit: Ganze vier Duschen stehen den mehreren Hundert Gästen des Quartiers zur Verfügung. Morgens zwischen 6 und 8 Uhr und abends nach 23 Uhr müssen die jungen Leute in der Sporthalle der Grundschule erst einmal Schlange stehen. „Einen Platz in der Dusche muss man sich hart erkämpfen“, sagt Lukas.

Die besondere Atmosphäre des Kirchentags lässt die Koblenzer den sanitären Engpass schnell vergessen: „Es ist bewegend, wie viel Menschen nach Köln gekommen sind“, berichtet Nadine. Sie ist eine der Kirchentagsneulinge – wie etwa zwei Drittel aus der Gruppe ihrer Kirchengemeinde. Rund jeder Dritte aus der Gruppe ist in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, erklärt Pfarrer Böhme. Die weit mehr als 100 000 Besucher sorgen aber auch für langsames Vorankommen, hat Nadine festgestellt: „Manchmal muss man sehr lange anstehen.“

Die Wartezeit lässt sich meist kreativ nutzen – das haben die Gäste aus Koblenz schon am ersten Tag in der Großstadt gelernt: Etwa mit Musizieren in der U-Bahn, was bei Kirchentagen zum guten Ton gehört. Das hat auch Anne Rothmund beobachtet. Die 17-Jährige aus Güls findet das Singen zur Gitarre in öffentlichen Verkehrsmitteln „cool“. Die Reaktionen der meisten Fahrgäste sind positiv, pflichtet Nadine bei.

Trotz des Wartens bei schwülem Wetter haben die Jugendlichen ein strammes Programm gemeinsam absolviert, berichtet Larissa Wohn (16). Sie kommt aus der Nähe von Bingen, und die Koblenzer Jugendlichen haben sie als Gast in ihrer Gruppe aufgenommen. In der Kölner Innenstadt waren sie bei einem Rockkonzert dabei. Außerdem haben sie an einer Arbeitsgruppe zu Gospelmusik teilgenommen. Viel Zeit verbrachten sie auf der Kirchentagsmesse, dem „Markt der Möglichkeiten“. Larissa absolvierte dort einen Hindernisparcours – im Rollstuhl.

Der 15-jährige Alexander Faust aus Güls bestand am Infostand der Schwangerenberatung des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Koblenz den „Kondomführerschein“. Und Lukas entspannte sich bei einer Fußwaschung mit anschließender Nackenmassage. Felix Geisler (15) aus der Goldgrube weist auf die interessanten Infoangebote zahlreicher Hilfsaktionen hin – und die Vorträge: „Überall gibt es Reden“, sagt Felix.

Für den nächsten Tag hat Diakon Grasteit seiner Gruppe etwas Besonderes vorgeschlagen: eine Bibelarbeit mit dem südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. Um es rechtzeitig zu dem prominenten Theologen zu schaffen, will die Gruppe um 8.15 Uhr am Gemeinschaftsquartier Geilenkirchen aufbrechen – allen Staus an der Dusche zum Trotz. Für die Gäste im Raum der Klasse 1c heißt das: Aufstehen um 7 Uhr.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de