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Mehr Senioren gelten als arm

Bei Tausenden Älteren im Land fehlt das Geld für das Nötigste – Sozialverbände gehen von hoher Dunkelziffer aus

Ein ganzes Leben lang haben sie gearbeitet: für Familie, Lebensunterhalt – und für ihre alten Tage. Doch der wohlverdiente Ruhestand ist für immer mehr Senioren in Rheinland-Pfalz ein tägliches Ringen um das Allernötigste.

Die Zahl der Senioren im Land, die Grundsicherung bekommen und damit als arm gelten, steigt. „Es wird immer schlimmer“, berichtet eine Fachfrau. Sie leitet im nördlichen Rheinland-Pfalz eine Beratungsstelle. Dort kümmert sich die Expertin um bedürftige Menschen – unter ihnen immer mehr Ältere: „Die Leute wissen weder ein noch aus.“

Die Erfahrungen aus der Beratungsstelle auf dem Land sind typisch für ganz Rheinland-Pfalz. Das bestätigen die Wohlfahrts- und Sozialverbände. Auch neue Zahlen des Statistischen Landesamtes belegen: Allein 2005 erhielten rund 700 Senioren mehr die sogenannte Grundsicherung als ein Jahr zuvor. 15 900 Menschen über 65 Jahre bezogen diese Sozialleistung. Sie sind arm – amtlich bestätigt. Die Experten gehen davon aus, dass in Zukunft die Zahl der armen Senioren steigt.

Betroffene schämen sich

„Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Günther Salz. Er ist Geschäftsführer der Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Land. In ihr sind Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Paritätischer Wohlfahrtsverband zusammengeschlossen. Salz nimmt an, dass längst nicht alle armen Senioren die Grundsicherung beantragen: „Wir glauben an eine Dunkelziffer.“ Bei vielen sei die Scham zu groß. Das bestätigt auch Andreas Peifer, Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK: „Eine große Rolle spielt vor allem im ländlichen Bereich die Angst, Nachbarn und Bekannte könnten von der finanziellen Notlage erfahren.“

Als Ursache für die Zunahme in weiten Teilen des Landes sehen die Wohlfahrtsverbände vor allem den seit Jahren anhaltenden Trend zu fallenden und immer unsichereren Löhnen. „Wenn die Einkommen sinken, wird Alter zu einem Risiko“, erklärt Liga-Geschäftsführer Salz. Er hält es für wichtig, dass es existenzsichernde Löhne gibt. Vor allem im Bereich der Dienstleistungen werde oft nur wenig gezahlt. In der Folge seien die Rentenansprüche entsprechend gering.

Arbeitslosigkeit hat Folgen

Arm im Alter, weil die eigene Erwerbsbiografie nur wenig für die Rente hergibt – dieses Schicksal droht auch immer mehr Jüngeren. VdK-Geschäftsführer Peifer etwa ist der Meinung, dass es für arbeitslose junge Menschen fast unmöglich ist, sich ein privates Polster fürs Alter anzulegen: „Aus unserer Sicht wird daher die Altersarmut in Zukunft drastisch zunehmen.“ 2005 stellten mehr Ältere den Antrag auf Grundsicherung als ein Jahr zuvor, wie ein Blick in die jüngste Statistik zeigt. Einige Landkreise im nördlichen Rheinland-Pfalz verzeichneten 2005 eine besonders hohe Zunahme. Im Westerwaldkreis stieg die Zahl der Senioren, die Grundsicherung erhalten, um fast 22 Prozent. 652 Bezieher wurden registriert. Cochem-Zell kämpft mit einem Anstieg von 16 Prozent: 278 Ältere sind dort auf Geld vom Staat angewiesen.

Altersarmut ist kein Phänomen, das nur auf dem Land auftritt: In der Stadt Koblenz haben im Jahr 2005 etwa zehn Prozent mehr Senioren die Grundsicherung bekommen. 1153 Empfänger waren dort registriert. In vier Landkreisen im nördlichen Landesteil nahm die Zahl der Bezieher ab: Rhein-Lahn-Kreis (minus 17 Prozent), Neuwied (minus 11 Prozent), Rhein-Hunsrück-Kreis (minus 7 Prozent) und Birkenfeld (minus 4 Prozent).

Von Altersarmut besonders betroffen sind Frauen. Unter den Empfängern ist die Gruppe der 65- bis 70-jährigen Frauen mit mehr als 3000 Bezieherinnen am größten. Das Statistische Landesamt stellte unlängst fest: Mit steigendem Alter finden sich mehr Frauen unter den Empfängern. Auf die gesamte Altersgruppe der über 65-Jährigen bezogen bedeutet dies, dass fast 2,4 Prozent der Frauen, aber nur 1,3 Prozent der Männer Grundsicherung erhielten.

„Armut ist noch immer weiblich“, bestätigt Liga-Geschäftsführer Salz. Viele der heute armen Seniorinnen hätten früher nur für ein geringes Gehalt gearbeitet. Für die meisten standen Familie und das Erziehen der Kinder im Mittelpunkt. Entsprechend niedrig seien die Ansprüche aus der Rentenkasse.

Auch der Sozialverband VdK stellt fest, dass ältere Frauen heute schneller in die Armutsfalle geraten: Von Armut besonders betroffen seien allein lebende Personen, insbesondere Frauen, berichtet Landesvorsitzender Peifer. Das wird beim Vergleich zwischen den Geschlechtern deutlich. Peifer: „28 Prozent der allein lebenden Frauen und 18 Prozent der allein lebenden Männer über 65 sind armutsgefährdet.“

Verbände: Hilfen erhöhen

Die Liga fordert von der Politik, nach jahrelangen Nullrunden endlich die Grundsicherung zu erhöhen. „Nach Meinung aller Wohlfahrtsverbände sind die Regelsätze nicht bedarfsdeckend“, berichtet Salz. Ein menschenwürdiges Leben sei mit den derzeitigen Zahlungen nicht möglich. Dass arme Alte mehr Geld bekommen, ist Sache des Bundes – aber nicht ausschließlich, wie Salz betont: „Die Erhöhung könnte vom Land unterstützt werden.“

Die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) hält die Zahlungen dagegen für ausreichend. „In der Summe sind die Leistungen der Grundsicherung so ausgestattet, dass sie den notwendigen Lebensunterhalt sicherstellen.“ Der Regelsatz in Rheinland-Pfalz entspreche dem in anderen westdeutschen Ländern. Über dessen Höhe werde jährlich entschieden, erklärt die Ministerin. Mit einer Erhöhung ist nach ihren Worten dann zu rechnen, wenn das Statistische Bundesamt in einer sogenannten Einkommens- und Verbrauchsstichprobe feststellt, dass der Regelsatz von 345 Euro nicht mehr ausreichend ist.

Vor dem Zusammenbruch?

Um die Frage, wie hoch die Grundsicherung im Alter ausfällt, müssen sich offenbar immer mehr Rheinland-Pfälzer Gedanken machen: Das Statistische Landesamt weist in seinen Bevölkerungsprognosen auf die Folgen der alternden Gesellschaft hin. Schon jetzt ist fast jeder fünfte Rheinland-Pfälzer älter als 65 Jahre. Dieser Anteil steigt – und damit auch die Zahl der armen Alten, die auf Grundsicherung angewiesen sind.

Für die Expertin aus der Beratungsstelle ist diese Prognose schon eingetreten. Immer mehr Senioren kommen zur Sprechstunde: „So kann es nicht weitergehen. Wir stehen kurz vor dem totalen Zusammenbruch.“

Im Detail

Auch mit Staatsgeld bleibt nicht viel

Seit 2003 gibt es die Grundsicherung als Sozialleistung. Anspruch darauf haben zwei Gruppen: aus Gesundheitsgründen nicht arbeitsfähige („voll erwerbsgeminderte“) Personen zwischen 18 und 65 Jahren und über 65-Jährige, wenn ihre Rente unter bestimmten Grenzen liegt.

Am Beispiel einer 68-jährigen, gehbehinderten Witwe und zweifachen Mutter erklärt das Bundessozialministerium die Berechnung der Grundsicherung. Dazu wird zunächst der Bedarf ermittelt: Zur Grundsicherung von 345 Euro werden Miete und Heizkosten hinzugerechnet. Wegen der Gehbehinderung hat sie einen Mehrbedarf von 17 Prozent des Regelsatzes. Davon abgezogen wird das Renteneinkommen:

  • Bedarf:
  • Regelsatz 345 Euro
  • Wohnung 275 Euro
  • Heizkosten 46 Euro
  • Mehrbedarf 59 Euro
  • Summe 725 Euro
  • Einkommen:
  •  eigene Rente 86 Euro
  • Witwenrente 310 Euro
  • Summe 396 Euro

725 Euro Bedarf minus 396 Euro Einkommen ergibt eine monatliche Grundsicherung von 329 Euro. Nach Abzug von Wohnungs- und Heizkosten bleiben der Seniorin 404 Euro zum Leben. Ohne Grundsicherung blieben ihr nur 75 Euro.

Dieser Hintergrund mit einem verifizierten Fallbeispel ist nicht erschienen.

Leben ohne Bad

Ein Fallbeispiel aus dem Armutsbericht

Alle fünf Jahre lässt die Landesregierung den sogenannten Armutsbericht erstellen. In der aktuellen Ausgabe findet sich das Beispieln einer 92-jährigen ehemaligen Schneiderin, im Bericht „Frau Xaver“ genannt.

„Bei einem Hausbesuch stellte sich heraus, dass Frau Xaver zur Miete in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung auf dem Speicher eines Mehrfamilienhauses wohnt. Um ihre Wohnung zu erreichen, musste sie eine steile Speichertreppe bewältigen sowie über einen langen unebenen Speicher gehen.

Ein Zimmer der Wohnung konnte durch einen Radiator beheizt werden. Dieser war aber teilweise trotz bestehender Kälte ausgeschaltet. EIne weitere Heizmöglichkeit existierte nicht. Ein Bad oder eine Dusche waren nicht vorhanden. Die Toilette lag auf der gegenüberliegenden Seite des Speichers, in einem separaten, kleinen, unbeheizten Kämmerchen.

Frau Xaver verfügte weder über eine Waschmaschine noch über einen Kühlschrank. Auch waren Telefon und Fernseher nicht vorhanden. Waschen musste Frau Xaver in der Küche. Auch die Körperhygiene wurde am Spülbecken erledigt. Eine Warmwasserversorgung gab es dabei nicht.“

Zu diesem Thema hatte ich auch diesen Kommentar geschrieben, der aber leider nicht gedruckt wurde.

Die Frauen zahlen die Zeche

Alt sein in Rheinland-Pfalz – das bedeutet für immer mehr Menschen auch arm sein. Was für ein beklemmendes Bild: Was wir an Lebenszeit gewinnen, sind womöglich Jahre in Not und Entbehrung. Natürlich sind Geld und Besitz nicht alles. Auf der anderen Seite: Wer träumt nicht von einem verdienten sorgenfreien Auskommen im Alter?

Dieser Traum ist erst mal ausgeträumt. Die Krise auf dem Arbeitsmarkt setzt sich fort zum Dilemma der gesetzlichen Rentenkasse. Die heutigen Minijobs und Hartz-IV-Regelungen sorgen in Zukunft dafür, dass es immer mehr mittellose Senioren gibt. Das sind die unterschätzten Spätfolgen jener sogenannten Reformen.

Ein zynisches Fazit drängt sich auf: Für das scheinbar so perfekte Weltbild vieler Konservativer – fürs Einkommen sorgt der alleinverdienende Mann, um die Familie kümmert sich die Ehefrau – zahlen viele Seniorinnen heute die Zeche. Genau jene Frauen, die über Jahrzehnte für ihre Kinder gerackert und damit die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung gehegt und geplegt haben, gewährt der Staat nur Almosen. Was für ein Hohn!

Mit gutem Gewissen kann das niemand mehr gerecht nennen. Armut im Alter – genau das hält die Rentenversicherung für immer mehr verwitwete Mütter über 65 Jahren bereit. Die zunehmende Verelendung und die ihr zugrundliegende Ungerechtigkeit zeigen drastisch: Die gesetzliche Altersvorsorge ist in ihrer derzeitigen Form am Ende.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de