Evakuierung weckt Erinnerungen an Bombennächte

Verlassen der vertrauten vier Wände und Warten in der Betreuungsstelle: Viele Senioren denken an den Krieg zurück

Die Evakuierung und Entschärfung am gestrigen Sonntag sind ohne Zwischenfälle verlaufen. Doch vielen Älteren, die ihre vertraute Umgebung verlassen mussten, rief die Räumung die Angriffe alliierter Bomber und die Zerstörung von Hab und Gut ins Gedächtnis.

„Das, was man 60 Jahre verdrängt hat, ist plötzlich wieder da“, erklärte Notfallseelsorger Rainer Gotter. Der Schönstätter Marienbruder betreute die Evakuierten in der Burghalle. Rund 80 Mayener, die bis um 10 Uhr das Sperrgebiet verlassen mussten, fanden dort vorübergehend Unterschlupf. Auch Bewohner des AWO-Zentrums Mayen saßen in der Sporthalle zusammen. Nach Gotters Erfahrung erinnert die Räumung viele an die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. So habe er bei der Evakuierung eine ältere, alleinstehende Frau getröstet, die ihm voller Panik und unter Tränen sagte: „Ich habe doch niemanden mehr.“

„Da kommt einiges hoch“

Ähnliche Erfahrungen hat Altenpflegehelferin Marianne Weingart gemacht. Sie wartete mit einigen Bewohnern des AWO-Seniorenzentrums auf den Fahrdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der sie in die Cafeteria des Krankenhauses, eines der Ausweichquartiere, brachte. „Da kommt einiges hoch“, berichtet die Mayenerin aus ihren Erlebnissen. Einer der dementen Bewohner habe sie gefragt, wer „die Bombe“ wohl geworfen habe. Doch nicht alle leiden derart stark unter den Kriegserfahrungen, hat Weingart beobachtet: Manche Bewohner sehen die Evakuierung als willkommene Abwechslung.

Im Aufenthaltsraum des Mayener AWO-Seniorenzentrums wartete Gertrud Weiler auf die Abfahrt ins Klösterchen. Sie hat die Bombenangriffe auf die Eifelstadt miterlebt – meist im Bunker unter der Burg. Furcht vor der Evakuierung und der Bombenentschärfung hatte die gebürtige Maifelderin nach eigenem Bekunden nicht: „Angst – die haben wir abgelegt.“ Doch der kurzzeitige Ortswechsel machte der Seniorin zu schaffen, weil er die gewohnte, tägliche Ordnung durcheinanderbringe.

Zahlreiche ehrenamtliche Helfer setzten gestern viel daran, es den Evakuierten so angenehm wie möglich zu machen. Der DRK-Ortsverein Mendig etwa postierte sich mit seinem selbst angefertigten Küchenanhänger hinter der Halle. Rund 30 Liter Fleischbrühe mit Gemüse und Nudeln, 250 Lunchpakete und Kuchen für den Nachmittag bereiteten die vier Ehrenamtlichen zu – neben Koffeinhaltigem für die Helfer. „Die Kaffeemaschinen laufen ohne Ende“, erklärte der Vorsitzende des Ortsvereins, Lothar Spitzley, der auch die Suppe kochte. 40 Ehrenamtliche aus vier DRK-Ortsverbänden taten gestern Dienst in der Burg-halle. Nach den Worten von Bereitschaftsleiter Andreas Adler, der für die Halle zuständig war, stellte der Ortsverband Mayen 26 Helfer. Elf kamen aus Mendig, drei aus Bendorf und Weitersburg.

Dienst ist ein Muss

Alle Mitarbeiter, die nicht krank oder im Urlaub sind, seien dienstverpflichtet, berichtete der Einrichtungsleiter des AWO-Zentrums, Karl-Werner Strohe. Damit solle die beste Betreuung der 121 Bewohner gewährleistet werden. 32 von ihnen mussten liegend transportiert werden. Zahlreiche Senioren verbrachten den Sonntag bei Angehörigen und bekamen von der Evakuierung kaum etwas mit, erklärte Strohe.

Die meisten der 80 AWO-Mitarbeiter, die gestern im Dienst waren, leisteten den in Sicherheit gebrachten Bewohnern Gesellschaft. Das Pflegepersonal hatte nicht nur Medikamente und Schnabeltassen im Gepäck, sondern auch Gesellschaftsspiele wie etwa „Mensch ärgere dich nicht“. Wohnbereichsleiterin Waltraud Riek und ihre Bewohner vertrieben sich die Zeit bis zum Rücktransport mit Gesprächen – auch über die schrecklichen Bombennächte. Die 85-jährige Betty Mrosek aus Mayen, seinerzeit selbst ausgebombt, blickt auf den Zweiten Weltkrieg zurück: „Das alles ist nicht abgehakt. Das begleitet mich bis zum Tod.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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