Ernesto Cardenal: Deutsche müssen sich ändern

Die Kultfigur der Revolution in Nicaragua im Interview – „Ich bin kein Politiker, sondern Revolutionär!“

Ernesto Cardenal, Jahrgang 1925, ist die bekannteste Figur der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Der Spross einer wohlhabenden Familie besuchte ein Jesuitenkolleg und studierte Philosophie, Literatur und Theologie. Er schloss sich der Opposition in Nicaragua an, wurde verfolgt und musste das Land verlassen. Im Exil wurde er zum Vertreter der Befreiungstheologie. 1965 wurde er zum Priester geweiht. Er gründete eine christliche Genossenschaft; dort entstand sein bekanntes Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“. Weitere Werke folgten. Von 1979 bis 1987 war er Kulturminister seines Landes. 1980 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ernesto Cardenal war kürzlich für Lesungen in Deutschland unterwegs. Unsere Zeitung sprach in Koblenz mit ihm.

Ist das Zeitalter der Revolutionen zu Ende?

Solange es arme Menschen auf der Welt gibt, gibt es auch Revolutionen. Fidel Castro hat einmal gesagt – und das kann ich bestätigen -, dass es heute noch mehr Bedarf an Revolutionen gibt als damals, als er in Kuba die Revolution angeführt hat.

Wie zum Beispiel in Südamerika – auf einem ganzen Kontinent hat es einen ideologischen Linksruck gegeben. Würden Sie das als Revolution bezeichnen?

Es gab immer Revolutionsbewegungen, die einen Wechsel in Südamerika erreichen wollten. Es ist konsequent, dass diese Entwicklung nun auf breiter Grundlage stattgefunden hat. Ich bin mir sicher, dass es noch weitere Länder gibt, wo diese fortschrittlichen Kräfte siegen werden.

Sie reisen gerade durch Deutschland, eines der materiell reichsten Länder der Welt. Wie erleben Sie das?

Für mich ist das Schöne an Deutschland, dass es sehr viel Solidarität mit Entwicklungsländern und Ländern, die Hilfe brauchen, gibt. Und das, obwohl Deutschland ein sehr reiches Land ist. Es gibt bis heute sehr viel Solidarität mit Nicaragua – schon früher, als es dort eine Revolution gab und heute auch noch.

Was würden Sie sagen, ist ein Land wie Deutschland ärmeren Ländern schuldig?

Das Erste ist, dass die Ausbeutung der Dritte-Welt-Länder aufhören muss. Es geht darum, sozusagen nicht bei der Produktion von armen Menschen beizutragen. Denn das ist das Allerwichtigste: Etwas dafür zu tun, dass nicht noch mehr Armut in der Dritten Welt entsteht. Eine Firma wie Volkswagen beispielsweise verursacht im Amazonasgebiet große Umweltschäden.

Was können die Deutschen tun?

Sie können einen Beitrag zum Abbau von Armut leisten – und zwar auf der ganzen Welt.

Welche Idee haben Sie dazu?

Das ist eine Sache der Bewusstwerdung jedes Einzelnen. Es geht um „Konversion“, also um eine Verhaltensänderung.

Welches Verhalten soll sich denn ändern?

Die Menschen sollten das Evangelium in die Praxis umsetzen, weil es in seiner Substanz Revolution ist: Dem Armen, dem Hungrigen zu essen geben und dem Nackten etwas zum Anziehen – und das für alle Länder auf der Welt. Eine Gesellschaft, die so etwas in die Tat umsetzt, wäre revolutioniert.

Viele Menschen kennen Sie als Poet, Politiker und Priester. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich bin kein Politiker, sondern Revolutionär! Ich sehe mich als Revolutionär, aber nicht als Politiker. Poet, Priester und Revolutionär – für mich sind diese drei Bezeichnungen eine einzige.

Sie sind vor Kurzem 81 Jahre alt geworden. Ihre Erinnerungen haben Sie als Buch veröffentlicht. Was würden Sie rückblickend in Ihrem Leben anders machen?

Mit 21 Jahren habe ich mich zu Gott bekehrt. Ich hätte das gerne noch früher gemacht. Das ist das Einzige.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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