Wegweisendes Gebäude für Blinde

Vor 25 Jahren entstand in Neuwied die Landesschule für Sehbehinderte – Architekt Otto Buhr sorgte für fühlbare Orientierung

Ein Gebäude, das Blinden und Sehbehinderten dient und ihnen Orientierung bietet: Bereits vor einem Vierteljahrhundert machte sich der Neuwieder Architekt und Künstler Otto Buhr daran. Er plante die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte.

Architektur für blinde und sehbehinderte Menschen zu schaffen – das klingt eigentümlich. Der Neuwieder Maler und Architekt Otto Buhr wagte Ende der 1970er-Jahre mit einem Wettbewerbsbeitrag für die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte genau das. Er schuf ein Gebäude mit dienendem und helfendem Charakter.

Der vor allem als Maler bekannte Otto Buhr (1928 – 2003) hat seine Wurzeln in der Baukunst: Er lernte das Maurerhandwerk und studierte Architektur. Ebenso wie er seine Bilder mit Leben füllte, sollte die Landesschule in Neuwied lebendig und erlebbar sein – für die überwiegend blinden und sehbehinderten Schüler. Die Schule vor den Toren des Neuwieder Stadtteils Feldkirchen erhielt 1985 den Staatspreis für Architektur und Kunst des Landes Rheinland-Pfalz. Architekt Buhr setzte für die Landesschule auf Elemente, die jenseits des Augenfälligen fühlbar Orientierung geben – aber sich auch Sehenden erschließen. Zentral im Raum- und Gebäudekonzept ist der Einsatz von rechten Winkeln. „Ein Grundproblem blinder Menschen ist, dass ihnen die Übersicht im Raum fehlt. Rechte Winkel helfen bei der Orientierung“, erklärt Rektor Karl-Ludwig Küster, der Entwicklung und Bau der neuen Schule erlebt hat. Die 90-Grad-Winkel schaffen klare Verhältnisse – in den Räumen, auf den Fluren und auf dem Hof des zwölf Hektar großen Areals.

Dort geben die so genannten Laufstreifen, aus kleinen Pflastersteinen zusammengesetzt, fühlbar die Wege zwischen Unterrichtsräumen, Aula, Sporthalle und Schwimmbad vor. Über den Tastsinn des Fußes ist die grob strukturierte Oberfläche des richtigen Weges gut zu spüren.

Buhr baute im wahren Wortsinn wegweisend: Vor den Stützsäulen und den Baumscheiben auf dem Hof gewinnt das Pflaster leicht an Höhe – Achtung, Hindernis. Ein plätschernder Springbrunnen am Haupteingang der Schule – ein akustisches Hinweisschild. Vor und nach Treppen wechselt der Bodenbelag von Linoleum zu einer weicheren Gummimatte – ein Hinweis auf die Stufen.

Ein weiteres Kennzeichen in dem von Buhr geschaffenen Orientierungskonzept sind starke Farbkontraste im Gebäude. Davon profitieren jene, die nicht vollständig das Augenlicht verloren haben. Rektor Küster: „Die Schüler finden auffallende, grüne Türen und rote Fenster. Diese Signalfarben sind im ganzen Gebäude gleich.“Auf den Treppen aus hellbeigem Kunststein ermöglichen kontrastierende schwarze Streifen das Abschätzen der nächsten Stufe.

Mit einer Idee preschte Buhr sehr weit nach vorne: Er setzte auch auf den Geruch als Wegmarke. Beete mit duftenden Rosen und stark riechendem Flieder sollten bei der Ortsbestimmung helfen. „Das würde ich als Orientierung weit gehend ausschließen“, beurteilt Rektor Küster diesen Aspekt des Konzepts, mit möglichst vielen Sinnen Orientierung zu ermöglichen.

Dennoch: Die Arbeit des sensiblen Architekten und die Qualität seiner Anteil nehmenden Bauweise gelten auch heute als richtungsweisend. „Solche Hilfen sollte es eigentlich in jedem öffentlichen Gebäude geben“, unterstreicht Küster. Ein leiser Hinweis darauf, dass es auch im Zeitalter der allseits geforderten Barrierefreiheit oft an der Umsetzung solcher – an sich einfachen – Konzepte hapert, wie sie Buhr bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten entwickelt hat.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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