Irritierende Störung der Idylle

Das Dokumentations- und Begegnungshaus des ehemaligen KZ Hinzert im Hunsrück: Rostig, ruppig und überraschend kultiviert

Das jüngst eröffnete Dokumentations- und Begegnungshaus des ehemaligen KZ Hinzert im Hunsrück ragt als Störfaktor in die ländliche Idylle. Der Architekt möchte mit dem irritierenden Bauwerk den Anstoß für eine Auseinandersetzung mit der historischen Stätte liefern.

Kein Haus, keine Skulptur, kein Mahnmal: Architekt Wolfgang Lorch fällt es leichter zu beschreiben, was das Objekt auf dem Gelände des ehemaligen KZ Hinzert zwischen Morbach und Trier nicht ist. „Dieses Gebäude irritiert erst einmal“, sagt er über das Dokumentations- und Begegnungshaus.

Das neue Gebäude spielt in der Tat mit Irritation und Verwerfung. Das Saarbrücker Architektenbüro Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, bekannt geworden durch die neue Sy-nagoge Dresden und das Mahnmal Börneplatz in Frankfurt, setzte das Haus gleichsam auf die grüne Wiese – neben den 1946 angelegten Ehrenfriedhof und die zwei Jahre später entstandene Sühnekapelle, die dem Areal den friedvollen Charakter eines Dorffriedhofs gaben. „Dieses Idyll muss kontrastiert werden, um deutlich zu machen, was hier war“, erklärt Lorch.

Abkehr vom rechten Winkel

Der Kontrast ist den Architekten gelungen: Für die Hülle des Gebäudes ließen sie mehr als 3000 dreieckige, 12 Millimeter dicke, rostige Stahlplatten von Hand verschweißen. Durch die winklige Strukturform der Elemente ist die Hülle stabil genug, um das Gebäude zu tragen. Diese Abkehr vom rechten Winkel gibt die Form für Türen und Fenster und die Gestaltung der Innenräume vor.

Entstanden ist ein 43 Meter langes, zwischen zwei und sieben Meter hohes Gebäude, das die Geschichte von Hinzert mehrfach zurückwirft. Mit seiner einerseits organischen, aus dem Hang wachsenden Form, die andererseits ruppig und wie ein Fremdkörper in die Landschaft ragt, wurde für den geschichts-trächtigen Ort eine klare Aussage getroffen: Auch die oft verklärte Hunsrücker Heimat war ein Ort der Nazi-Gräuel. In Hinzert wurden 321 Menschen ermordet oder durch Hunger und Entkräftung zu Tode geschunden.

Der rostige Kontrapunkt zur Landschaft wirkt in seinem Inneren überraschend kultiviert: Dort ist es warm und hell, ohne die äußeren Strukturmerkmale Dreieck und Verwerfung aufzugeben. Die Wände tragen Birkenholzfurnier – ein Bezug zu dem nahen Steinbruch im Birkenwald, in dem die Häftlinge ausgebeutet wurden. Für die Dauerausstellung, an der das Architektenbüro ebenfalls mitarbeitete, wurde das Birkenholz zu einem buchstäblich tragenden Element: In einem Tintenstrahlverfahren wurde es mit Texten und Fotos
bedruckt.

Hinzert als Stätte des Erinnerns soll mit dem neuen Gebäude auch zum Ort des Lernens werden. Deswegen gibt es den großen Ausstellungsraum, der auch für Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen genutzt werden kann. Deswegen wurden auch ein Seminarraum und eine kleine Bibliothek eingerichtet. Seit der Eröffnung im Dezember des vergangenen Jahres kamen mehr als 2000 Besucher zum Erinnern und zum Lernen in das Gebäude.

Vierte Dimension eingebaut

Architekt Horch sieht einen Paradigmenwechsel, der auch das neue Gebäude geprägt hat: Nach fast sechs Jahrzehnten endet langsam die Ära der mündlichen Überlieferung, da die Zeitzeugen sterben. Eine neue Form der Vermittlung des Gewesenen ist nötig. „Heutige Besucher müssen die verflossene Zeit als vierte Dimension einarbeiten.“

Geglückt ist diese Einpassung beispielsweise bei der großen Fensterfront. Auf den Scheiben prangt transparent der Ausblick auf das KZ Hinzert. In den Augen des Besuchers verschmelzen der historische Vordergrund mit den Barracken des Lagers, das es nicht mehr gibt, und der gegenwärtige, reale Hintergrund der sanften Hügel um Hinzert-Pölert, aus denen Windräder ragen.

Das Gebäude sorgte in Fachkreisen für großes Interesse. Einerseits ist die Bauweise ungewöhnlich. Die Hülle, bestehend aus rund 100 Tonnen Stahl, ist Fassade und Tragwerk zugleich. Statt nach einem gewöhnlichen Bauplan wurde computergestützt nach Koordinaten einer isometrischen Projektion gearbeitet. Die einzelnen Dreiecksbleche wurden in einer Halle zu bis zu sechs Meter breiten und zehn Meter langen Elementen verschweißt.

Andererseits geben die Planer dem historischen Ort die Chance, ohne überladen wirkende Baukörper ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Für Architekt Horch ist der Bau keineswegs der politisch korrekte Abschluss der Akte Hinzert: „Das ist erst der Anfang einer Auseinandersetzung.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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