Die Wahl gilt bei Senioren als Pflicht

Warum zwei Bewohnerinnen des Mayener Altenheims St. Johannes wählen

Die 96-jährige Mayenerin Gertrud Jung wurde in ihrem Leben nicht immer nach ihrer Meinung als Bürgerin gefragt. Jung überdauerte Kaiserreich und Nazi-Diktatur – und überlebte die Gräuel der beiden Weltkriege. Für sie gehört die Teilnahme an der Wahl zur Pflicht in unserer Demokratie.

„Wählen – das ist unsere Pflicht“, findet Gertrud Jung. Die 96-Jährige lebt im Mayener Altenheim St. Johannes der Caritas. Am späten Sonntagvormittag kommt sie der selbst auferlegten Pflicht nach. Peter Conrad, einer der vier Helfer im Wahllokal des Stimmbezirks 1162, hilft ihr: Er erklärt die Funktion von Erst- und Zweitstimme und schiebt den Rollstuhl der weißhaarigen alten Dame zur Wahlurne, in die sie ihren selbst ausgefüllten Stimmzettel zufrieden einwirft.

Seit einigen Jahren haben die Bewohner des Altenheims einen kurzen Weg zur Stimmabgabe, berichtet Heimleiterin Brigitte Lampmann: Im Saal der Tagesbetreuung von St. Johannes ist ein Wahllokal eingerichtet. Damit sind die so genannten beweglichen Wahlvorstände, die im Altenheim von Zimmer zu Zimmer wanderten und zur Stimmabgabe baten, Vergangenheit.

Unterstützung bei der Wahl bietet Helga Müller. Die Sozialhelferin des Altenheims hilft den 100 Bewohnern beim Beantragen von Briefwahlunterlagen und begleitet zur Stimmabgabe – ohne auf die Stimmen Einfluss zu nehmen. „Viele fragen aber nach, wer gerade an der Regierung ist und was heute gewählt wird“, sagt Müller.

Gertrud Jung findet Politik auch im Alter von 96 Jahren interessant: „Ich schaue mir die Streitereien im Fernsehen an. Dabei hört man die Ansichten und Argumente der Politiker.“ Mit einigem ist sie nicht einverstanden. Sie erinnert sich an den Fall einer Hartz-IV-Empfängerin, die ihre Altersvorsorge auflösen musste: „Das habe ich als großes Unrecht empfunden.“

„Manche Politiker nehmen den Mund zu voll“, urteilt Maria Knieps (90), ebenfalls Bewohnerin von St. Johannes. So glaubt die Vorsitzende des Heimbeirats nicht mehr, die Rente sei sicher. „Was verfahren ist, ist verfahren.“

Doch auch wenn die alte Dame nicht alles Beschlossene gut findet, bleibt sie der Demokratie treu: „Ich darf sagen, dass ich bislang immer zur Wahl gegangen bin.“ Auch die Bundestagswahl ist für sie wichtig, „weil wir mitbestimmen, wer die Regierung führt“.

Die vier Wahlhelfer in St. Johannes, unter ihnen der stellvertretende Wahlvorsteher Thomas Haupt, freuen sich über eine solche Einstellung. Es sei etwas Besonderes, ein Wahllokal in einem Altenheim zu unterhalten, findet Haupt, der seit rund 20 Jahren Wahlhelfer ist: „Man muss darauf achten, den Bedürfnissen der alten Menschen gerecht zu werden.“ Sehbehinderten Wählern beispielsweise liest ein Wahlhelfer den Stimmzettel vor; auf Wunsch wird – unter gegenseitiger Kontrolle von zwei Wahlhelfern – auch das Kreuz bei der vom Wähler gewünschten Partei gemacht. „Wir helfen, dass es die Wähler in ihrem Sinne richtig machen“, so Haupt.

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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de