Kontrolle im Vorbeifahren

Viele Lkw, keine Schwarzfahrer: Unterwegs mit zwei Prüfern auf der A 61 rund um Koblenz

Noch im Januar erhitzte die Lkw-Maut täglich die Gemüter: Offensichtliche Fehler bei der Berechnung, verärgerte Spediteure und das Debakel um den Betreiber Toll Collect sorgten für Schlagzeilen. Mittlerweile ist von einer mauen Maut keine Spur mehr – die Kontrolleure auf den Autobahnen stoßen kaum auf Mautpreller.

An Tagen wie diesem wirkt die deutsche Maut-Welt wie eine Idylle. Früher Nachmittag auf dem Rastplatz Moseltal an der A 61, am Rand der Moseltalbrücke: Die beiden Mautkontrolleure Jens Kröber und Herbert Andrich, seit drei Jahren als Team unterwegs, machen an dem Aussichtspunkt kurz Station. Schon seit den frühen Morgenstunden sind die beiden auf der Pirsch nach Mautprellern. Erfolglos.

Das Geheimnis des Erfolgs

Und genau das ist für sie ein Erfolg. Rund 150 Lkw haben die Mitarbeiter des Bundesamts für Güterverkehr (BAG) gerade auf ihrer Tour zwischen dem Kreuz Koblenz und dem Dreieck Nahetal überprüft. Jens Kröber zieht Bilanz: „Keine Beanstandungen. Nichts Auffälliges. So wie unsere Kontrollen im Moment sind, sind sie effizient und ausreichend.“

Heute touren die Maut-Aufpasser über die A 61, morgen ist es vielleicht die A 48 oder die A 3: Auf den Autobahnen der Region wurden Brummis noch nie so lautlos, unbemerkt und unvorhersehbar kontrolliert wie in Zeiten der Maut. Wer auf den Autobahnen zwischen Boppard, Andernach und Mayen unterwegs ist, bekommt von der Arbeit der Überwacher selten etwas mit. Die Kontrolleure sind überall und nirgendwo.

„Man weiß nie, wann wir vorbeikommen“, sagt Kröber und setzt mit dem Kleinbus in Höhe Dieblich zum Überholen an. Wenig später überholt er den Lkw mit SIM-Nummernschild. Als der Wagen auf gleicher Höhe mit dem Laster ist, zeigt der Monitor in der Mittelkonsole an: OK – Maut bezahlt.

Kontrolle im Vorbeifahren

Gewissermaßen im Vorbeifahren haben Truck und BAG-Kleinbus Funkkontakt aufgenommen. Davon bekommen die Lkw-Fahrer nichts mit. Sie sehen nur, dass sie von einem der 276 BAG-Fahrzeuge überholt werden. Das Kontrollgerät im Lkw übermittelt per Infrarot Fahrzeugdaten – Kennzeichen, Zulassungsland, Schadstoffklasse und gebuchte Strecke – an den Wagen der Kontrolleure. Dort werden die Lkw-Daten mit den Angaben im Zentralrechner in München ver-glichen: Liegt für dieses Fahrzeug für diese Strecke eine Buchung vor? Keine vier Sekunden dauert die Anfrage.

Hat der fragliche Lkw kein Kontrollgerät eingebaut, späht Beifahrer Andrich das Kennzeichen aus und gibt es mit einer kleinen Tastatur in den Rechner ein. Vielleicht hat der Fahrer ja von Hand gebucht – an einer Tankstelle oder über das Internet (siehe Hintergrund auf dieser Seite).

Wer auch dann nicht das OK des Rechners erhält, wird rausgewunken. Andrich sagt knapp: „Den nehmen wir mit – schauen wir mal.“ Dann schaltet er das Signal auf dem Dach seines Wagens ein: Mautkontrolle – Bitte folgen!

Milos Okruhlica muss heute Folge leisten: Der junge Mann ist in seinem leuchtend gelben Lkw von seinem Heimatland Slowenien in die Niederlande unterwegs, muss dort eine Ladung Mehl abliefern und reagiert gelassen: Er hat kein fest eingebautes Kontrollgerät an Bord, aber ein gültiges Mautticket, das er BAG-Mann Andrich zeigt. „Alles in Ordnung“, stellt der schließlich fest und wünscht dem Slowenen eine gute Fahrt. Okruhlica findet, dass die deutsche Lkw-Maut gut funktioniert und berichtet: „Es ist meine erste Kontrolle.“

Warum sich das slowenische Kennzeichen nicht in der Münchner Datenbank gefunden hat? Beim Ablesen des Kennzeichens, erklärt Andrichs, hat er die Ziffer 0 für den Buchstaben O gehalten. Während solche Unterschiede bei deutschen Nummernschildern eindeutig sind, machen vor allem osteuropäische und irische Kennzeichen manchmal Probleme – auch den Profis vom BAG.

Viele Ausreden sind faul

Fahrer wie der junge Slowene, die bei den Kontrollen gelassen bleiben, sind die Regel. Ausraster, Wutausbrüche und Beschimpfungen die Ausnahme, berichtet Kontrolleur Andrichs. „Eigentlich sind alle nett“, pflichtet Kollege Kröber bei. „Was wir machen, ist keine Jagd“, verdeutlicht er. „Wir müssen irgendwie miteinander leben.“

Was die beiden dagegen ärgert, sind die faulen Ausreden, die sie von ertappten Mautsündern immer wieder hören: Den Automaten nicht gefunden, verfahren oder vergessen, sich einzubuchen. „Zehn Kilometer um jede Anschlussstelle steht ein Terminal – da zählen keine Ausreden“, stellt Kröber klar.

Das Gesetz ist auf der Seite der unnachgiebigen BAG-Kontrolleure: Wer mit einen Lkw von mehr als zwölf Tonnen zulässigem Gesamtgewicht auf eine deutsche Autobahn fährt, muss die Maut entrichten. „Wenn wir das nicht durchsetzen würden, wären all jene die Dummen, die ordentlich zahlen“, ereifert sich Kröber. Nebenmann Andrichs ergänzt vom Beifahrersitz: „Auf Ausreden lassen wir uns gar nicht erst ein.“

Zur Kasse, bitte

Auch wenn dem eingespielten Kontrollteam an diesem Tag keine Mautpreller ins Netz gegangen sind: Im Schnitt ertappen die Prüfer pro Schicht bis zu zwei Brummifahrer ohne gültiges Maut-Ticket. „Die kommen in unserem Bus auf die Sünderbank – die ist ungepolstert“, scherzt Kröber. In der Tat kann der Aufenthalt im zum rollenden Büro ausgebauten Bus (siehe „Ein komplettes Büro …“) schnell unangenehm – und vor allem teuer – werden. Am billigsten kommen fahrlässige Mautpreller davon: Dann zahlt der Fahrer 75 Euro, der Spediteur 150 Euro. Vorsätzliches, also wissendes und willentliches Unterschlagen, kommt doppelt so teuer. Wiederholungstätern droht ein Bußgeld von bis zu 20 000 Euro. Die nicht gezahlte Maut ist zusätzlich fällig. Verweigert der Fahrer Angaben zu seiner Route, hat Maut-Mann Kröber ein gutes Druckmittel: „Wir können in einem solchen Fall die mautpflichtige Strecke pauschal auf 500 Kilometer festsetzen.“ Schweigen wird somit teuer – ein Kilometer entspricht durchschnittlich zwölf Cent.

Gute Zahlungsmoral

Die Zahl der ertappten Mautpreller ist wesentlich niedriger als erwartet, berichtet Jürgen Graf, Oberkontrolleur Maut von der BAG-Außenstelle Mainz: „Die Maut wird bezahlt“, lautet sein Fazit. Er nennt Zahlen: Das Bundesverkehrsministerium geht von 100 Millionen mautpflichtigen Fahrzeugen pro Jahr auf deutschen Straßen aus. Davon sollen zehn Prozent kontrolliert werden. Das Ministerium hatte erwartet, dass dabei jeder 20. Lkw als Mautpreller auffällt. Doch die Kontrollen seiner Behörden ergaben, dass nur jeder 50. Brummi ohne gültiges Ticket unterwegs ist. Die gute Zahlungsmoral füllt das Staatssäckel: Mitte März wurde bereits eine halbe Milliarde Euro an Mauteinnahmen verbucht, gibt Graf an.

„Wer ordnungsgemäß bezahlt, wird uns nie zu sehen bekommen“, sagt Jens Kröber und lenkt den Kontroll-Bus zum zweiten Mal an diesem Tag auf der A 61 in Richtung Süden. Bis halb fünf nachmittags läuft die Schicht der beiden, in der es noch einmal nach Mainz und dann nach Norden zum Kerpener Dreieck geht. Rund 600 Kilometer Autobahn werden sie dann während neun Stunden kontrolliert haben. Lautlos, unbemerkt und unvorhersehbar.

Im Detail

BAG – eine Behörde, viele Kontrollen

Mit dem Bundesamt für Güterverkehr (BAG) kommen Autofahrer in ihrem Alltag kaum in Kontakt. Denn das BAG ist die für das Güterverkehrswesen in Deutschland zuständige Bundesbehörde – und kümmert sich daher meist um Brummis. Die Behörde ist dem Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen unterstellt und hat ihren Sitz in Köln. Das BAG hat acht Außenstellen im Bundesgebiet, davon eine in Mainz. Das Bundesamt ist vor allem für Kontrollen des gewerblichen Güterverkehrs zuständig. So überprüfen BAG-Kontrolleure, ob die Fahrer von Lkw und Reisebussen Lenk- und Ruhezeiten einhalten und illegal beschäftigt sind oder ob Vorschriften zum Transport von Abfällen und gefährlichen Gütern eingehalten werden. Für Planung und Umsetzung der Lkw-Maut ist beim BAG eine eigene Abteilung zuständig.

Ein komplettes Büro im Kofferraum

Mautkontrolle - Foto: Niko Wald

Computer, Kopierer und Kreditkarten-Terminal: Der Kontrollbus ist Schreibstube und Kasse

Der Mautkontrolldienst des BAG setzt spezielle Fahrzeuge ein: Sie sind sowohl Transportmittel für die zweiköpfigen Kontrollteams als auch deren Büroarbeitsplätze. So enthält jeder Kleinbus gleich vier Computer. Mit Hilfe des ersten Rechners, dessen Bildschirm in der Mittelkonsole eingebaut ist, hat der Beifahrer die während der Fahrt überprüften Lkw im Blick. Zwei weitere Computer sind trag- und zusammenklappbar und fest in einem Tisch im hinteren Teil des Busses montiert. Dort bitten die Beamten Mautsünder zur Kasse und schreiben ihre täglichen Einsatzberichte. Der vierte Rechner verknüpft die elektronischen Bordsysteme untereinander und mit der Datenbank der Mautzahler und stellt so den Kontakt zur Außenwelt her. Kopierer, Drucker und Kreditkarten-Terminal vervollständigen die Ausstattung. Auffällig sind die Dachaufbauten der BAG-Fahrzeuge. Auf dem hinteren Ende des Fahrzeugdachs sitzen blaue Blinkleuchten und ein von Polizeiautos bekannter Anhaltesignalgeber. Ebenfalls auf dem Dach: Infrarotsender und -empfänger, mit denen die Mautgeräte in den Lkw abgefragt werden. Sie sitzen unter einer durchsichtigen orangefarbenen Haube und sehen einem Blinklicht zum Verwechseln ähnlich. Daneben gibt es weitere Antennen für Funk- und Handy-Empfang. Warnkegel, Sicherheitsleuchten und -westen runden die Ausrüstung ab. Für die Technik an Bord der vom Bund geleasten Kleinbusse muss übrigens Toll Collect und nicht der Steuerzahler aufkommen.

Hintergrund

Toll Collect

Die deutsche Mautrepublik ist die Domäne von zwei Akteuren mit getrennten Aufgabenbereichen: Dem BAG und Toll Collect. Letzteres ist ein Unternehmen, das von der Bundesregierung den Auftrag erhalten hat, das System zur Einnahme der Lkw-Maut auf deutschen Autobahnen aufzubauen und zu betreiben. Die Genauigkeit der Erfassungstechnik von Toll Collect wird ständig kontrolliert – vom BAG.


Artikel-Tools:

Shortlink:

Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de