„Mautlose Flucht“ von A nach B?

Anwohner und Pendler ärgern sich über mutmaßliche Mautflüchtlinge – Zahlen für Region Mayen stehen noch aus

Müssen die Bundes- und Landstraßen für die Lkw-Maut büßen? Viele Menschen in der Region glauben, dass Brummis von den mautpflichtigen Autobahnen aus Kostengründen ausscheren und auf gebührenfreie Straßen ausweichen. Die Folgen: mehr Lärm und Abgase innerorts, zäh fließender Verkehr außerhalb.

Die Lkw-Maut geht Bodo Jahnz aus Polch auf die Nerven – im wahrsten Wortsinn. Seit Einführung der Maut sind auf der L 52, die parallel zur A 48 verläuft, spürbar mehr Brummis unterwegs, berichtet der 53-jährige Pendler. Egal, ob er mit seiner Fahrgemeinschaft morgens um 6 Uhr nach Kob-lenz oder nachmittags um 16 Uhr zurück nach Polch fahre, immer treffe er auf Lkw, die eine lange Schlange Autos hinter sich herziehen. Noch bis Ende Dezember 2004 habe es so etwas nicht gegeben.

Die Sicherheit kommt dabei zu kurz, sagt der Pendler, der seit 25 Jahren die L 52 befährt: Oft überholen genervte Autofahrer an unübersichtlichen Stellen. Und unter der alten Eisenbahnbrücke bei Kerben, wo die Straße eng ist, kam es bei Bodo Jahnz fast zu einem Zusammenprall mit einem Brummi, der ihm entgegenkam: „Nur mit einer Notbremsung konnte ich Schlimmeres verhindern.“

Diese Erfahrung ist kein Einzelfall und nicht nur auf Landstraßen beschränkt. Viele Lkw entfliehen der Maut von A nach B – von den Autobahnen auf die Bundesstraßen. Reinhard Moll, Pressesprecher des ADAC Mittelrhein, bestätigt: „Bei uns gibt es jede Menge Beschwerden.“ Anwohner klagen über mehr Verkehr vor der Haustür und Pendler über längere Fahrtzeiten sowie eine höhere Unfallgefahr, sagt Moll.

„Es sind sehr konkrete Hinweise, die wir erhalten“, berichtet der ADAC-Sprecher. Ausländische Kennzeichen und Lkw mit Aufschriften, aus denen hervorgeht, dass sie keineswegs in der Region unterwegs sind, seien Verdachtspunkte.

Michael Hochscherf von der Polizei Mayen weiß ebenfalls von spürbar mehr Verkehr auf den Straßen – auch wenn seine Dienststelle verdächtige Lkw weder gezählt noch kontrolliert hat. Allerdings ist der erhöhte Brummi-Verkehr erst einmal kein Problem, sagt der Polizist: „Es gibt dadurch weder ein erhöhtes Unfallaufkommen noch mehr Staus.“

Zahlen zum Phänomen Mautflucht gibt es nicht – noch nicht. Der Landesbetrieb Straßen und Verkehr (LSV) Koblenz betreibt an Bundes- und Landstraßen in der Region (B 256), Oberbaar (B 258) und Thür (B 262). Deren vollständige Daten werden erst in den kommenden Wochen vorliegen, sagt LSV-Sprecher Walter Schwarz.

Jedoch liegen bereits Ideen, wie die Brummis zurück auf die Autobahn gebracht werden können, auf dem Tisch. Drei Möglichkeiten sind denkbar. Jürgen Graf vom Bundesamt für den Güterverkehr, zuständig für Mautkontrolle, erläutert, dass laut Autobahnmautgesetz auch Bundesstraßen „bemautet“ werden können. Das wäre der erste Weg. Ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Verkehrsministeriums bestätigt, dass das Land an einer solchen Ausweitung der Gebührenpflicht – über die der Bund entscheidet – mitwirken würde. Betroffene Bundesstraßen könnten zweitens mit Fahrverboten für Lkw belegt werden.

Der ADAC Mittelrhein, der in der Region nach eigenen Angaben rund 69 000 Mitglieder hat, ist dagegen: „Der normale Zulieferverkehr würde leiden“, urteilt Moll. Er befürwortet stattdessen eine Regelung wie im Nachbarland Luxemburg – und damit Lösung Nummer drei. Dort darf der Transitverkehr, der beispielsweise von Frankreich nach Deutschland unterwegs ist, nur Autobahnen benutzen.

„Für Abhilfe wird gesorgt“, versichert LSV-Sprecher Schwarz. Bodo Jahnz hofft, dass sich möglichst bald etwas tut: Sein Wunsch ist es, dass beim täglichen Pendeln weniger Zeit und Nerven auf der Strecke bleiben.

Das Foto erscheint mit freundlicher Genehmigung von Franz-Josef Dosio.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de