Beim „ersten Mal“ tut’s nicht weh

Die Blutspenden-Premiere auf dem Lande: Ermutigende Erfahrungen als nervöser Erstspender beim DRK-Ortsverein in Löf

Ohne die kleineren Gemeinden mit ihren treuen Spendern sähe es bei der Versorgung mit Blutkonserven düster aus. Auch Löf an der Untermosel zählt dazu. Nicht nur Stammspender fühlen sich dort gut aufgehoben, auch um Erstspender kümmern sich die Ehrenamtlichen des DRK-Ortsvereins liebevoll.

An diesem Abend werde ich mein erstes Mal erleben. In der Löfer Turnhalle, auf einer Klappliege mit blauen, abwaschbaren Bezügen, vor den Augen von mindestens 15 Anderen, darunter vier Ärzten.

Mein erstes Mal Blut spenden: „In ein paar Minuten ist alles vorbei“, beruhigt mich Sebastian Balasus, Arzt vom Blutspendedienst West, Institut Bad Kreuznach. Ich strecke ihm meinen entblößten linken Arm entgegen und starre auf die Armbeuge. Genau dort wird der junge Arzt in wenigen Augenblicken eine Kanüle in meine Vene stechen. In Gedanken höre ich die Berichte von Blut spendenden Freunden: Schmerzen beim Einstich, Qualen während der Spende, Blutvergießen beim Entfernen der Kanüle.

Eine halbe Stunde später sitze ich mit einer Tasse Kaffee, zwei Käsebrötchen und drei Mitspendern im Aufenthaltsraum. Mein „erstes Mal“? Mehr Schreck als Schmerz, antworte ich dem Ehepaar neben mir. Sie hat schon 15 Mal gespendet, er neun Mal. Alte Hasen also.

Kaum Jüngere beim Aderlass

Dass Jüngere überhaupt erscheinen, wenn die Ortsvereine zum Aderlass bitten, ist längst die Ausnahme. „Es ist nur eine Generation, die uns treu bleibt, aber die werden immer weniger“, sorgt sich Franz-Josef Schneider, Referent des Blutspendedienstes West. Menschen, die über Jahrzehnte regelmäßig Blut spenden – eine Seltenheit.

Kein Wunder, dass sich die Ehrenamtlichen des Ortsvereins unter dem Vorsitz von Rüdiger Dung rührend um mich, den Erstspender, kümmern. „Haben Sie genug getrunken?“ – diese Frage höre ich an diesem Abend sehr oft. Und um meinem Flüssigkeitshaushalt auf die Sprünge zu helfen, gießt Josef Pies, langjähriges Mitglied des DRK-Ortsvereins, in mein gerade geleertes Glas noch mal Sprudel nach. Auch seine Frau Elisabeth, die sich mit ihrer Freundin Erika Zidar um die Verpflegung der Spender kümmert, bringt Herzenswärme in den nüchternen Spendenablauf. Die beiden älteren Damen verteilen Doppelkekse und Nuss-Schokolade, füllen leere Kaffeetassen auf und reichen belegte Brötchen. Ehrenamtlich natürlich.

Doch bevor es Kaffee und Käsebrötchen gibt, muss ich viel Bürokratie und noch mehr Fragen über mich ergehen lassen. Hauptstation dabei: Das in einer Umkleidekabine improvisierte Sprechzimmer von Dr. Cornelia Kalchthaler, Ärztin vom Entnahmeteam aus Bad Kreuznach.

Viele Fragen an die Spender

Die junge Ärztin erwartet von mir viele Antworten, die ich ihr unter vier Augen gebe. Sie ermittelt aus aktuellem Anlass, ob ich an Grippe leide und ob ich zu einer Risikogruppe gehöre (siehe „Hintergrund“). Sie misst Blutdruck und Puls, erklärt mir, dass gespendetes Blut routinemäßig auf HI- und Hepatitis-Viren untersucht wird. Erst danach gibt es grünes Licht für meine erste Blutspende.

Dr. Kalchthaler mit ihren vielen Fragen ist Teil der minutiös festgelegten Spenden-Prozedur: An deren Anfang sitzt Erika Langen aus Kattenes. Die Ehrenamtliche des Ortsvereins bedient einen tragbaren Computer und gibt die persönlichen Daten der Spender ein. Wer schon mal gespendet hat, ist dank Blutspende-Pass, der die wichtigsten Daten enthält, klar im Vorteil. Ich als Erstspender muss persönliche Daten und den Personalausweis herausrücken. Danach fülle ich den anonymen Selbstausschluss (siehe „Im Detail“) und die Blutspenderkarte – eine Art Fragebogen – aus. In 18 Fragen werde ich darin zu 70 Gegenanzeigen befragt. Unmittelbar vor der Blutentnahme kontrolliert eine weitere Ärztin den Eisenwert – wichtig für den Sauerstofftransport – meines Blutes und misst die Körpertemperatur.

Mein Spenderkollege Gerd Liesenfeld aus Hatzenport kennt diese Prozedur bereits seit Jahren und nimmt auch den Stich in die Armbeuge gelassener. Der routinierte Spender tritt heute zum 113. Mal an und entspannt sich auf der blauen Klappliege, während aus seinem rechten Arm das Blut in den Plastikbeutel fließt. Bereits 1957 – das Blut wurde damals noch in Flaschen abgefüllt – hat er das erste Mal gespendet, immer beim Ortsverein Löf: „Das tut mir gut, und mittlerweile meine ich, dass ich die Blutspende brauche.“ Sein Beweggrund, immer wieder dabei zu sein, ist „auch, aber nicht nur Nächstenliebe, und die regelmäßige Kontrolle über meine Gesundheit“.

Auf die Löfer ist Verlass

Bei Blutspenden muss das große Rote Kreuz auf kleinere Gemeinden wie Löf und langjährige Spender wie Gerd Liesenfeld bauen. In den Dörfern ist es noch selbstverständlich, Blut zu spenden, weiß Referent Schneider. „Ja, das macht viel aus“, bestätigt Josef Pies vom Ortsverein: Er kennt die meisten „seiner“ Blutspender mit Namen und weiß, dass auf sie auch beim nächsten Termin Verlass ist.

Im Detail

Spenden, um doch nicht zu spenden?

Jeder Spender füllt während der Blutspende einen besonderen Fragebogen aus – den anonymen Selbstausschluss. Darin entscheidet er, ob das ihm entnommene Blut verwendet werden darf oder ob es gesperrt werden muss. Entscheidet er sich für die Sperrung, weil er beispielsweise zu einer Risikogruppe (siehe Hintergrund) zählt, wird das Blut zwar wie bei jedem anderen entnommen, später aber nicht zur Transfusion freigegeben. Niemand von den Anwesenden bekommt davon etwas mit. Warum? Gerade in kleineren Gemeinden ist Blutspenden oft mit sozialem Druck verbunden. Angehörige von Risikogruppen können durch den Selbstausschluss zur Spende gehen und ihr Gesicht wahren, gleichzeitig aber eine Gefährdung der Blutempfänger sicher ausschließen.

Hintergrund

Nicht erlaubt…

Angehörige von Risikogruppen dürfen kein Blut spenden. Ausschlusskriterien sind: Drogenabhängigkeit, Homosexualität bei Männern, Tropenaufenthalt und Tätowierungen innerhalb der vergangenen sechs Monate. Auch, wer jüngst Kontakt zu solchen Personen hatte, ist nicht zur Blutspende zugelassen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de