Geschichten an der großen Glocke

Die ältesten Glocken in Stadt und Region läuten in Kesselheim und Winningen und sind Zeitzeugen von Wundern und Wunden

Fast 600 Jahre haben die ältesten Geläute in Stadt und Region auf dem Buckel. Doch auch heute werden neue Glocken gegossen. Passend zur Osterzeit hat sich die RZ auf die Suche nach den ältesten und jüngsten Glocken in Koblenz und Umgebung gemacht.

„Die Glocken sind nach Rom geflogen“, sagt der Volksmund, wenn zwischen Karfreitag und Ostersonntag die Kirchenglocken stumm bleiben. Würde diese Erklärung stimmen, hätte sich die älteste Kirchenglocke im Stadtgebiet in diesem Jahr bereits zum 591. Mal auf den Weg in die heilige Stadt gemacht.

Seit fast 600 Jahren läutet jene Glocke im Turm der St. Martin-Kirche in Koblenz-Kesselheim, berichtet Bruder Michael vom Kloster Maria Laach. Der Mönch muss es wissen: Seit 1999 ist er der Glockenbeauftragte des Bistums Trier und inspiziert das Innenleben von bis zu drei Kirchtürmen pro Woche.

St.-Martin-Pastor Thomas Corsten und Küsterin Irene Perschke waren überrascht, dass der Kirchturm einen solchen Schatz aus der gotischen Epoche birgt. Auf demn ersten Blick ist der Glocke ihr Gussjahr 1414 nämlich nicht anzusehen. Typisch für das Gotik-Zeitalter: die ausgesprochene Schmucklosigkeit. Allenfalls ein schmales Band mit Inschriften ist – wie in Kesselheim – am oberen Rand zu finden, so Bruder Michael.

Auch die Region hat eine läutende Superlative zu bieten: Wer die 66 Stufen bis zur Glockenstube des Winninger Kirchturms aufsteigt, hat nicht nur einen wunderbaren Blick auf die Frühlingslandschaft der Untermosel, sondern ist auch der 1422 gegossenen Mittagsglocke zum Greifen nah. Sie ist die älteste Glocke in der Region, berichtet Ulrich Leykam aus Düsseldorf. Der Leiter des Glockenamts der Evangelischen Kirche im Rheinland ist wie sein Amtskollege Bruder Michael Sachverständiger für Glocken. „Ganz schön alt“, so das Fazit von Leykam, der vor zwei Jahren den Kirchturm in Winningen bestieg und einen Blick auf die jahrhundertalte Mittagsglocke warf.

„So ein paar Jahrhunderte sieht man der Glocke nicht an“, findet Gerhard Löwenstein. Der Winninger ist der Geschichte der Glocken seiner Heimatgemeinde auf den Grund gegangen und fand Interessantes heraus.

Schon im Ersten Weltkrieg mussten per Verordnung alle Kirchenglocken zum Einschmelzen bereitgestellt werden. „Dass unsere Glocken hängen geblieben sind, war ein reiner Glücksfall“, so Löwenstein. Auch während des Zweiten Weltkriegs hatten die Winninger Glück im Unglück: Drei der vier Glocken mussten vom Turm – nur die alte Mittagsglocke durfte, ausdrücklich nur vorläufig, hängen bleiben. Im Sommer 1941 feierte die Gemeinde einen ergreifenden Abschiedsgottesdienst ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen. „Doch das Wunder geschah!“, schildert Löwenstein: Unter hunderten anderer Glocken fanden sich nach Kriegsende in Hamburg zwei Glocken aus Winningen. Die Gemeinde setzte alles daran, diese 1507 gegossenen Glocken zurückzuholen. Trotz der chaotischen Nachkriegszeit glückte die Heimreise: Bis Koblenz über den Wasserweg, von dort mit dem Traktor eines Winzers nach Winningen. Doch eine Wunde blieb: „Et Glöggelsche“, die dritte abgehängte, 1819 gegossene Glocke, ist bis heute verschollen.

Auch vom Rhein gibt es Interessantes über Glocken zu berichten: Seit Weihnachten 1999 rufen in Weißenthurm acht neue Glocken der Kirchengemeinde Heilige Dreifaltigkeit zum Gottesdienst – die jüngsten Glocken der Region. Bruder Michael berichtet: Fünf Glocken aus Stahl hingen einst in dem Turm. Doch deren Pendelfrequenz hat den Turm aufgeschaukelt – „wie marschierende Soldaten auf einer Brücke“. Erst ein neuer Satz Glocken – vier große und vier kleine – brachten den Turm nicht mehr ins Wanken.

Spätestens im Juni wird die katholische Gemeinde St. Peter und Paul in Koblenz-Pfaffendorf den Weißenthurmern den Rang ablaufen: Die Pfarrgemeinde ersetzt ihre 1924 hergestellte Gusseisen-Glocke mit einem Modell aus Bronze, berichtet Franz-Josef Uhrmacher vom Verwaltungsrat: „Die alte Glocke hat einen ganz dumpfen Klang – nicht gerade schön.“

Von den betagten und jugendlichen Glocken in Kesselheim und Weißenthurm ist aber erst einmal nichts zu hören: Noch bis zur Osternacht schweigen die Glocken der katholischen Kirchen – als Bild für Trauer und Grabesruhe vor der Auferstehung.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de