Grundschüler sind Feuer und Flamme

Übung deckt auf: In manchen Klassenräumen ist Feueralarm kaum hörbar

Feuer in der Urmitzer Grundschule: Das Treppenhaus ist verraucht, 50 Schüler sind in ihren Klassenräumen eingeschlossen. Die Freiwillige Feuerwehr rückt mit 16 Mann aus. Das Schreckensszenario ist zum Glück nur eine Übung.

Feueralarm! Freitagmorgen, Grundschule Urmitz: Mitten in der Stunde läutet die Pausenklingel wie sonst nie – drei Mal hintereinander. Schüler und Lehrer wissen, was zu tun ist. Fenster schließen, geordneter Rückzug aus dem Gebäude, organisiertes Gruppieren am äußersten Rand des Schulhofs, ordnungsgemäßes Feststellen der Vollzähligkeit.

Feueralarm? Zum Glück ist der Ernstfall nur ein Testfall. Das wissen Schüler und Lehrer. Doch an diesem Freitagmorgen ist die Übung ernster als sonst. Nicht bloß Fenster zu, runterlaufen, aufstellen, abzählen, fertig.

Einsatzleiter und Wehrführer Norbert Oster, Freiwillige Feuerwehr Urmitz, strickt das Szenario: In der Schule brennt es. Von den 160 Schülern zwischen sechs und zehn Jahren, aufgeteilt in acht Klassen, sind in drei Räumen rund 50 Kinder eingeschlossen. Wegen des dichten Qualms im Flur bleibt der rettende Schulhof unereichbar. Helfen muss die Feuerwehr.

Wenn es wirklich brennen würde, käme das Übungsgeschehen der Realität vielleicht unerträglich nahe: Die im ersten Stock würden betreten aus den Fenstern schauen. Die im Erdgeschoss würden kreischen und an die Fenster klopfen. Die im Keller würden schreien, um sich bemerkbar zu machen. Es wäre der Ernst des Lebens.

Die im ersten Stock sind die beiden Zehnjährigen Nicole Herzog und Stefan Wall. Die Schüler der Klasse 4 b lassen sich mit Lehrerin Elisabeth Alt aus dem Klassenzimmer retten, über die 32 rutschfesten roten Sprossen der Feuerwehrleiter.

Nicole befürchtet, dass sie aus dem Fenster auf das Sprungpolster der Feuerwehr hüpfen muss. Doch sie darf hinunterklettern, begleitet von einem Wehrmann. „Wenn es hätte sein müssen, wäre ich aber auch gesprungen“, sagt Nicole tapfer.

Einer von denen aus dem Erdgeschoss ist David Häring, Klasse 3 a. Er ist der erste Gerettete. Zwei Männer mit Atemschutzgerät haben sich zuvor über den verqualmten Flur in Davids Klassenraum gekämpft. Drei stehen draußen, halten die Leiter mit den rutschfesten roten Sprossen und helfen beim Klettern.

Die im Keller sind Schüler der Klasse 4 a. Die Kinder sind im Gymnastikraum, als die Übung beginnt. „Aber wir haben keinen Alarm gehört“, bedauert Klassenlehrerin Aloisia Niekrawietz. Erst durch das Blaulicht seien sie und ihre 17 Schüler alarmiert worden. Ähnliches beschreibt Hilde Weinert, ein Mitglied der Schulleitung und Klassenlehrerin der 1 b: „Wir haben die Klingel nicht gehört und weiter gefrühstückt.“

Auf den letzten Metern zur Grundschule tun sich die großen Feuerwehrautos schwer, berichtet die Lehrerin weiter: An der Einfahrt zur Schule stehen Bäume im Weg. Ein Fahrzeug büßt einen Außenspiegel ein.

Das sind die Lehren aus der Übung: Einen Anfahrtsweg ohne störende Äste zu schaffen und eine zusätzliche Alarmglocke anzubringen. Hans-Joachim Hamm, stellvertretender Wehrführer: „Bei einer solchen Übung geht es auch darum, Schwachstellen zu erkennen und auszumerzen.“ Der Urmitzer Bürgermeister Manfred Kuhn verspricht, nachzubessern.

„Was die Kinder bei einer solchen Übung lernen, merken sie sich viel besser“, lobt Lehrerin Gertrud Ehrenfried die Übung. Sie hat auch die Zeit zwischen Alarmierung und Eintreffen der Feuerwehr gestoppt: Vier Minuten – nicht schlecht, findet die Pädagogin. Feuerwehrchef Oster ist zufrieden: „Die Übung ist sehr gut verlaufen.“ Sein Stellvertreter Hamm zollt Respekt: „Die Zusammenarbeit war gut, die Lehrer haben ordentlich reagiert.“

Welche Erwachsenen welche Schlussfolgerungen aus der Übung ziehen, ist den Schülern egal. Sie sind Feuer und Flamme. Erleben, wie es ist, wenn Rauch jede Sicht nimmt. Wenn der Schulhof vor Blaulicht schillert. Wenn Feuerwehrleute in voller Montur zum Löschen anrücken. Und wie es sein könnte, wenn es wirklich brennt. Der neunjährige Max Schaller: „Das möchte ich lieber nicht. In der Klasse ist noch mein Gameboy.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de