Heiligabend – für Arme ein Tag wie jeder andere

Heute ist Weihnachten, doch arme Menschen müssen mit „Mark und Pfennig“ rechnen

Wenn eines Tages der soziale Friede aus den Fugen gerät, wird es vielleicht so sein: Ein Mann, Mitte 30, ohne Arbeit und Perspektive, steht im Diakonie-Laden „Mark und Pfennig“, redet sich in Rage. Diejenigen, die überhaupt noch etwas haben – Arbeit, Familie, Geld oder Freunde – sind Zielscheibe für seine Anfeindungen und Vorwürfe. Immer lauter, immer feindseliger werden seine Beschimpfungen. Schuld ist, wer noch hat. Schuldig wird, wer sich nicht daran stört.

Peter Hübinger, Direktor des Diakonischen Werks Mannheim, kennt solche Verbitterung, aus der persönliche Ausweglosigkeit spricht. Keine drei Wochen ist es her, dass eine kleine Gruppe Hartz IV-Gegner die Stadtsynode aufmischte. Hübinger profitiere von den neuen Regeln, warfen sie ihm vor, „Sozialschmarotzer“ an den Kopf. Doch der Diakonie-Chef ist umtriebig, wenn es um die Sache der sozial Schwachen geht. Gerade gegen Armut in Mannheim setzt er sich ein: „Hier sind alle gesellschaftlichen Gruppen, vor allem die Kirchen, aufgefordert, etwas zu tun.“

Eines der Projekte, mit denen etwas getan wird, ist „Mark und Pfennig – der Laden für alle, die rechnen müssen“. Dort können Menschen, die am Rand des Existenzminimums leben, günstige Lebensmittel einkaufen. „Unsere Kunden sind Sozialhilfeempänger, Arbeitslose, Studenten, Alleinerziehende und Familien mit Kindern“, erklärt Angelika Gölz, Mitarbeiterin der Einrichtung. Schon über 200 Mannheimer zählt sie zu ihren regelmäßigen Kunden, seit den Vorbereitungen von Hartz IV mit zunehmender Tendenz.

Paradoxerweise profitieren arme Menschen in Mannheim von unserer Überschussgesellschaft. Lebensmittel werden jenseits des Bedarfs produziert und teilweise an soziale Einrichtungen abgegeben. Zu den regelmäßigen Spendern von „Mark und Pfennig“ zählt Projektleiter Hans-Ulrich Schmidt zehn Großmarkthändler aus Mannheim, die Bäckereiketten Kaiser, Kamps und Grimminger sowie Edeka-Südwest in Heddesheim und viele Einzelhändler in der Region. Den größten Anteil machen verderbliche Lebensmittel aus, „doch es fehlen viele Grundnahrungsmittel, gerade da bräuchten wir mehr Spenden“, erklärt Schmidt.

Das Weihnachtsfest der Armen in Mannheim ist vor allem arm an sozialen Kontakten. Das berichtet Martin Söhl (Name geändert) ein, Kunde beim Diakonie-Laden in den Quadraten. An Weihnachten erhält der ehemalige Parkhaus-Pförtner von seinem Betreuer und seinen Eltern eine Zuwendung, mit der ein Restaurantbesuch möglich ist, zu dem er eine „weitläufige Bekannte“ einladen möchte. „Ansonsten habe ich niemanden zum Beschenken“, erklärt Martin Söhl. Den zweiten Feiertag wird er wieder allein verbringen.

Viele Mannheimer sind arm und leben von staatlichen Transfers: Laut dem jüngsten Sozialhilfebericht der Stadt gab es Ende 2002 rund 19.100 Empfänger von Sozialhilfe. Ein Drittel von ihnen sind Kinder und Jugendliche bis zu 24 Jahren. Bestimmte Quartiere sind besonders betroffen. In Waldhof-Ost und Casterfeld-Ost erhält mehr als jeder fünfte Bewohner Sozialhilfe. Etwa 15.000 Mannheimer waren im November arbeitslos gemeldet. Ein Drittel ist langzeitarbeitslos. Neckarstadt West, Schönau, Luzenberg und Hochstätt haben eine besonders hohe Arbeitslosenquote.

In zwei dieser Quartiere, in Neckarstadt-West und auf der Rheinau, hat der Diakonie-Laden seit drei Wochen Zweigstellen eingerichtet. Sie sind nötig, weil sich viele Bedürftige die teurer gewordenen Einzeltickets für eine Fahrt in die City nicht mehr leisten können, erklärt Projektleiter Hans-Ulrich Schmidt.

„Ich bin froh, dass ich mal jemanden zum Reden habe“, sagt die 65-jährige Reno Hauschild, die einst als Schwimmmeisterin in Mannheim arbeitete und heute zum ersten Mal im mobilen Laden in der Neckarstadt einkauft. 90 Euro hat die Rentnerin nach Abzug von Miete, Nebenkosten, Strom und Gas monatlich zur Verfügung. „Ich koche oft Reis mit Soße oder Grießbrei mit Obst“, erläutert die Dame ihre Spar-Strategien. Regelmäßig frische Nahrungsmittel einzukaufen – dafür fehle ihr schlicht das Geld. Das neue Angebot, ein Mal wöchentlich in der Neckarstadt einkaufen zu können, sei für sie ein Segen. Brot, Joghurt, Gemüse, Weintrauben, Kaffeestückchen und sogar eine Packung Lachs hat sie heute für sieben Euro eingekauft: „Ich war überrascht, wie wenig das alles kostet. Im Laden hätte ich bestimmt 20 Euro dafür bezahlt.“ Was, wenn es den mobilen Laden in ihrer Nachbarschaft nicht gäbe? „Dann hätte ich mich irgendwie arrangiert, und wieder Reis mit Soße gekocht.“

Weihnachten ist auch für Reno Hauschild das Fest der Einsamkeit. „Gar nichts mache ich an Heiligabend“, sagt sie, „das ist für mich ein ganz normaler Tag“. Ihr Mann, ihre Freunde, die alten Nachbarn sind tot. Sie wird Heiligabend vor dem Fernseher verbringen. Am ersten Weihnachtstag haben sie die türkischen Nachbarn zum Essen eingeladen – eine Einladung, die die einsame Rentnerin nur zu gerne annimmt.

Denn wer arm ist, spürt die gesellschaftlichen Gegensätze besonders an Weihnachten stark. Mit leeren Taschen die weihnachtlichen Planken zu passieren, schmerzt. In Zeiten der Weihnachtsfeiern immer zu Hause zu sitzen, nagt am Selbstvertrauen. Zum Fest der Liebe keinen Menschen zu haben, ist traurig.

Auch wenn die evangelische Kirche in der Quadratestadt selbst arm ist, bleibt die Unterstützung dieser Menschen ein wichtiges Anliegen, versichert Dekan Günter Eitenmüller. „Jesus Christus hat nicht nur gepredigt, sondern auch gehandelt“, sei das Motto. Denn Gott selbst begegne einem in Menschen in Not.

Grundsätzlich lösen kann die Mannheimer Diakonie die Probleme von Martin Söhl und Reno Hauschild zwar nicht. „Aber wir versuchen, punktuell zu helfen“, verspricht Eitenmüller. Einer dieser Punkte, mit dem die Protestanten Zeichen setzen und Hilfe anbieten wollen, sind die Offenen Kirchen: Am heutigen Heiligabend stehen unter anderem die Türen der Citykirche Konkordien bis in die Nacht offen. Arme und einsame Menschen wie Söhl und Hauschild sowie Verbitterte und Hoffnungslose, wie der Mann, der sich in Rage redete, sind eingeladen, gemeinsam Weihnachten zu feiern. Armuts-Experte Hübinger findet auch dafür klare Worte: „Ein kleines bisschen Paradies auf Erden zu schaffen, das ist die Aufgabe der Diakonie.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de