Der letzte Gang der einsamen Toten ist oft ein Verwaltungsakt

Jährlich gibt es rund 150 angeordneten Bestattungen in Mannheim – Kosten trägt die Allgemeinheit

Wer in Mannheim stirbt und keine Angehörigen hat, wird von Amts wegen bestattet. Rund jede 20. Beisetzung auf den Friedhöfen der Quadratestadt ist mittlerweile eine von der Ortspolizeibehörde angeordnete Bestattung. Die Fallzahlen nehmen seit Jahren zu. Die Stadt wendet Jahr für Jahr sechsstellige Summen auf. Doch im Unterschied zu anderen Städten spart Mannheim nicht auf Kosten der Würde.

3200 Bestattungen gab es im vergangenen Jahr in Mannheim, 150 von ihnen waren amtlich angeordnet, sagt Lutz Tybussek, stellvertretender Betriebsleiter der Friedhöfe Mannheim. Dabei gebe es keine stark steigende Tendenz, „aber man merkt, dass es seit fünf bis zehn Jahren kontinuierlich etwas mehr wird.“ Jedoch sei dies nicht nur in Mannheim so. Das bestätigt eine Sprecherin des Bundesverbands der Bestatter: „Wir wissen, dass die Zahlen seit Jahren deutschlandweit zunehmen.“

Die Rechtslage ist eindeutig: Das Bestattungsgesetz Baden-Württembergs verlangt, dass jede Leiche bestattet werden muss. Gibt es keine Angehörigen, die sich darum kümmern, werden die Friedhöfe Mannheim – als Ortspolizeibehörde – aktiv und ordnen die Beisetzung an. Eine solche „von der Ortspolizeibehörde angeordneten Bestattung“, so die amtliche Bezeichnung, zählt zu den hoheitlichen Aufgaben der Friedhöfe Mannheim, des städtischen Eigenbetriebs, der zehn Friedhöfe betreibt.

Die meisten Meldungen zu Verstorbenen ohne Angehörige kommen aus den Krankenhäusern Mannheims, so Betriebsleiter Tybussek. Wenn sich binnen drei Tagen niemand um einen Toten kümmere, werde die Friedhofsverwaltung eingeschaltet. Sie sucht nach den so genannten Bestattungspflichtigen wie Ehepartner, Kinder, Eltern, Geschwister und Großeltern. Manche Nachforschungen dauern mehrere Tage, bei der auch Standesämter eingeschaltet und ehemalige Mitbewohner des Verstorbenen befragt werden. Bleibt die Suche erfolglos, wird die Beisetzung angeordnet.

„Wir führen dann eine ortsübliche Bestattung durch“, sagt Lutz Tybussek. Sie sei wie eine normale Trauerfeier, nur auf einem kostengünstigen Niveau. Die Kosten trägt die Stadt: Neben den Friedhofsgebühren muss die die Allgemeinheit für die Kosten von Sarg, Totenkleid, Blumenschmuck und Trauerfeier aufkommen. 2003 gab Mannheim insgesamt 348.000 Euro dafür aus, sagt Rolf Eberhart vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung – pro Bestattungsfall seien dies durchschnittlich 2200 Euro. Jedoch würden Recherchen, manchmal erst Jahre später, in einigen Fällen doch noch bestattungspflichtige Angehörige ergeben, die im Nachhinein die Kosten tragen müssen. Im vergangenen Jahr seien dadurch rund 163.000 Euro zurück in die Stadtkasse geflossen.

Andere deutsche Großstädte haben bei den angeordneten Beisetzungen längst den Rotstift angesetzt. So verzichtet Hamburg bei seinen „Zwangsbeisetzungen“ auf Feier, Blumen und Grabstein. Mannheims einsame Toten erhalten eine Feuerbestattung und für 15 Jahre einen Platz in einem Gemeinschaftgrab, das sich unter den Arkaden auf dem Hauptfriedhof in Wohlgelegen befindet. Doch geht diese anonyme Bestattung laut Tybussek nicht auf Kosten der Würde – „gerade in Mannheim nicht“.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de