Rupert Neudeck: Vom Glück, kein Zuschauer sein zu müssen

„Cap Anamur“-Gründer stellte in Simmern sein neues Buch vor

Er hat Menschen gerettet und qualvoll sterben sehen, er hat untätigen Politikern die Hölle heiß gemacht und eine vielbeachtete Hilfsorganisation ins Leben gerufen: Rupert Neudeck, Gründer des Not-Ärzte Komitees Cap Anamur, sprach am Montagabend in Simmern über die Geschichte seiner Organisation und ihr weltweites humanitäres Engagement, über seine Erfahrungen mit Krieg, Leiden und Sterben sowie über das aktuelle Projekt des Komitees in Afghanistan. Zudem stellte er sein vor wenigen Tagen erschienenes Buch „Die Menschenretter von Cap Anamur“ vor.

Während seines Vortrags kritisierte Neudeck scharf humanitäre Großorganisationen und forderte Politiker sowie Bürger auf, noch in diesem Jahr gegen Landminen vorzugehen. Der Abend war Teil der Veranstaltungsreihe „Leiden sind Lehren?“, die mehrere regionale Veranstalter zur vorösterlichen Passionszeit organisiert hatten.

Als konkretes Beispiel einer Hilfsaktion von Cap Anamur nannte Rupert Neudeck die am 3. Oktober 2001 aufgenommene Arbeit in Afghanistan. Medizin und Nahrungsmittel wurden vom Flughafen Hahn aus in Flüchtlingslager gebracht. Mitarbeiter von Cap Anamur begleiteten die Flüchtlinge auch dann, als sie auf dem Weg zurück in ihre Dörfer waren. Mittlerweile werden zwei Krankenhäuser und sieben Schulen aufgebaut. Er bezeichnete es als hoffnungsvolles Zeichen, dass die Mehrheit der Afghanen nichts mehr mit Krieg zu tun haben möchte: „Die Bevölkerung will den Neuanfang.“

„Die arme Welt hat andere Menschenrechte als wir“, lautete ein verbittertes Fazit Neudecks. Er führte den Völkermord in Ruanda 1994 an, als innerhalb zweieinhalb Monaten 800.000 Menschen getötet wurden. Westliche Staaten hätten den UN-Truppen in Ruanda dringend notwendige Unterstützung versagt; der Sicherheitsrat keinen Völkermord festgestellt. Er beklagte, dass es eine der „beschämendsten Situationen“ gewesen sei, als die Welt beim Massaker in Afrika zugesehen hat.

In seinem Vortrag wies Neudeck auf den stetig anwachsenden Verwaltungsaufwand von großen humanitären Organisationen wie dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hin. In diesen Verbänden würden 20 bis 25 Prozent der verfügbaren Mittel für administrative Ausgaben verwendet. Dies sei Geld, das von Steuerzahlern entrichtet und von Staaten gezahlt würde, aber nie Flüchtlingen und notleidenden Menschen zu Gute käme. „Die gesamte Operationalität dieser Organisationen liegt brach“, kritisierte Neudeck das von ihm beobachtete Vorgehen, nach dem praktische Hilfsleistungen von den „großen Elefanten“ zunehmend an kleine Verbände delegiert würden. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Cap Anamur lediglich zwei Hauptamtliche beschäftige und alle weiteen Mitarbeiter ehrenamtlich tätig seien.

„Für mich war es ein Glück, dass ich nicht nur Beobachter war“, antwortete Rupert Neudeck auf die Frage aus dem Publikum, wie er mit erlebtem Leid umgehe. Helfen sei für ihn eine „privilegierte Situation“, in der er Möglichkeiten finde, Trauer, Wut, Krankheit und Tod zu verarbeiten. „Der Blick in die Augen eines Überlebenden ist eine Genugtuung“, so Neudeck.

„Ich bin ganz aus dem Häuschen“, sagte der Komitee-Gründer zu Beginn angesichts des mit etwa 140 Zuhörern voll besetzten Kinosaals. Das Publikum genoss den lebendigen Vortrag sichtlich, spendete spontan Applaus und beteiligte sich an der anschließenden Fragerunde. Buchhändler Karl-Friedrich Werner, Mitveranstalter der Passions-Reihe, hatte den Cap Anamur-Gründer nach Simmern geholt. Nach dem etwa zweistündigen Auftritt von Rupert Neudeck zeigte das ProWinz-Kino den Film „Die Reise nach Kandahar“, der das Afghanistan unter Taliban-Herrschaft aus der Sicht einer Frau schildert. Wolfgang Stemann vom ProWinz-Kino sagte am Rand des Vortrags, dass die Kino-Initiatoren das Anliegen von Cap Anamur voll unterstützen; 1270 Euro an eingenommenen Eintrittsgeldern gingen als Spende an die Organisation.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de