Eine ehrliche Haut trägt sich zu Markte

Nach Jahren der Geringschätzung putzt Mannheim das Schmuddelkind Jungbusch mit Popakademie und Co. heraus

Der Jungbusch ist Mannheims ehrlichstes Viertel. Voller Widersprüche, verkörpert das Quartier zwischen Rhein, Neckar und Verbindungskanal die Quadratestadt im Kleinformat. Gründerzeit-Schick in Hafennähe, eine vielfältige Kneipen- und Kulturszene, lebendiges Bürgerengagement und eine bunte Bewohnerschaft sind typisch; ebenso wie heruntergekommene Depots, vernachlässigte Häuser, störender Verkehrslärm, mangelnde Infrastruktur – und das Stigma, eines der schlechteren Viertel Mannheims zu sein.

Über Jahrzehnte eilte dem Jugbusch ein eindeutiger Ruf als Arme-Leute-Gegend, Rotlichtmilieu und Kriminalitätsschwerpunkt voraus. Die Stadtoberen interessierte lange Zeit kaum, was sie in den 70er Jahren mit neuen Hoch- und Schnellstraßen angerichtet hatten: Der Ausbau der B 44 und der vierspurigen Ringstraße hatten das einst mondäne Gründerzeitviertel am Handelshafen, bewohnt von Kaufleuten, gleichsam durch- und von der Innenstadt abgeschnitten. Anwohner klagen seitdem über den Verkehrslärm vor der Haustür. Das städtebauliche Abseits wuchs schnell zu einer sozialen Randlage heran. Für besser gestellten Familien verlor der Jungbusch an Reiz; das Viertel glitt ab. Hauseigentümer vernachlässigten notwendige Reparaturen. Einzelhändler gaben auf, Filialen schlossen.

Zwar wurde der Jungbusch bereits in den 80er Jahren saniert, doch erst, seit sich Mannheim auf das Jubiläum 2007 vorbereitet, findet die Stadt: Das Quartier soll zum 400. Geburtstag mit seinen Pfunden – die Lage am Wasser, Gründerzeit-Bauten und eine vielschichtige Bewohnerschaft – wuchern. Europäische Union und baden-württembergische Landesregierung unterstützen die Investitionen. Vor allem die Musikszene soll im Quartier eine neue Heimat finden. Für Schlagzeilen sorgte Mannheim, als die Popakademie des Landes in den Jungbusch geholt wurde. In der Nachbarschaft entsteht der Musikpark Mannheim, ein Zentrum für Existenzgründer der Musikwirtschaft.

Mittelpunkt wird jedoch der Verbindungskanal, bis dato ein unattraktives, stehendes Gewässer am westlichen Rand des Jungbuschs. Eine Promenade soll am rechten Ufer, parallel zur Hafenstraße, entlangführen. Südlich der Schumacher-Brücke ist ein „Strand“ mit Sitzstufen und Sonnensegeln geplant, hinter dem Studentenwohnheim eine Freizeitwiese. Die ehemalige Kauffmann-Mühle, ebenfalls am Kanal gelegen, baut ein privater Investor in ein modernes Loft zur gewerblichen Nutzung um. Auf dem Gelände des Spielplatzes entsteht eine Turn- und Mehrzweckhalle, die auch Gruppen aus dem Stadtteil nutzen sollen; das Flachdach wird zum Spielen hergerichtet.

Dem Bemühen der Stadt, frischen Wind in das Quartier zu bringen, begegnen einige Bewohner mit Misstrauen. Die „linkes Ufer-Kampagne“ fürchtet, dass indirekt die Mieten im Viertel steigen könnten und Alteingesessene, oft mit wenig Geld, verdrängt werden könnten und hat zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen. Zeichen des Protests war auch die Besetzung eines leer stehenden Lagerhauses im Dezember des vergangenen Jahres.

Quartiermanager Michael Scheuermann, der im Gemeinschaftszentrum Jungbusch die Aktivitäten im Viertel koordiniert, versteht solche Sorgen und gibt zu bedenken, dass mit ungewöhnlichen Einrichtungen auch neue Kaufkraft ins Quartier fließt, von der auch die „Stamm-Bewohner“ profitieren. Popakademie und Co. könnten zudem das schlechte Image des Viertels zu verbessern.

So ist die Kleinkriminalität zurückgegangen, berichtet Scheuermann. Im Gegensatz zu anderen Quartieren Mannheims gebe es im Jungbusch eine intakte Nachbarschaft sowie familiengeeignete Mehrzimmerwohnungen. Der Quartiermanager ist überzeugt, dass Mannheims ehrlichstes Viertel lebenswert ist: „Der Jungbusch ist vielfältig, lebendig, multikulturell.“


Artikel-Tools:

Shortlink:

Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de