„Oben ohne“ lernt es sich einfach besser

Die Mannheimer Uhlandschule verbietet seit 13 Jahren nationale und religiöse Symbole – und damit auch das Kopftuch

Deutschland streitet über das islamische Kopftuch im Klassenzimmer, doch Schüler und Lehrer der Uhland-Hauptschule in Mannheim sind sich bereits seit 13 Jahren einig: Währen der Schulzeit sind sie „oben ohne“ unterwegs, das Tragen von jeglichen Kopfbedeckungen ist auf dem Schulgelände verboten.

Die Kopftücher muslimischer Frauen sorgen derzeit für Wirbel: Anfang Februar brachte der baden-württembergische Landtag ein Gesetz auf den Weg, das muslimischen Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht verbietet. Auch Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen planen ähnliche Richtlinien. Im Nachbarland Frankreich verabschiedete die Nationalversammlung jüngst einen Gesetzentwurf über ein Verbot aller auffälligen religiöser Zeichen an öffentlichen Schulen. Doch während seit Monaten emotional die Kopftuch-Debatte geführt wird, hat die Mannheimer Uhland-Hauptschule schon 1991 für Klarheit gesorgt. Kopfbedeckungen sind dort nicht erlaubt. Bei dieser Regelung geht es jedoch nicht ausschließlich um das Kopftuch, das manche Muslimin tragen muss, erklärt Rektorin Vera Vaihinger.

Wie kam es zu der für die Quadratestadt einmalige Vorschrift? 1991, als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien tobte, gelangten viele Flüchtlinge auch nach Mannheim. Einige von ihnen, mittlerweile Schüler der Uhlandschule, trugen mit und auf der Kleidung zur Schau, welcher Ethnie sie angehörten und welche politische Einstellung sie hatten, erinnert sich Vaihinger. Zudem seien viele muslimische Schülerinnen für ein bis zwei Jahre in türkischen Koranschulen untergebracht worden. Die meisten seien unglücklich aus Kleinasien zurückgekehrt; manche Mädchen fragten sogar, ob sie nun auch in der Uhlandschule ein Kopftuch tragen müssten. Seinerzeit herrschte eine „aggressive Stimmung“ in Klassenzimmern und auf dem Pausehof, so die Rektorin, und fasst zusammen: „Im Sinne von Schulfrieden und Integration haben wir uns für eine eindeutige Regelung entschieden“.

Diese „eindeutige Regelung“ umfasst für die 230 Schüler und 24 Lehrer das generelle Verbot des Tragens von Kopfbedeckungen wie Kappen, Mützen und Tüchern auf dem gesamten Schulgelände. Rektorin Vaihinger verdeutlicht ihren Standpunkt: „Wir wollen keine demonstrativen nationalen, religiösen und ethnischen Symbole“. Dazu zähle auch das Kopftuch. Das sei nicht bloß religiöses Bekenntnis, sondern besitze auch politische Symbolkraft. Die neu eingeführte Regelung habe indes schell Wirkung gezeigt: Es sei zu einer Befriedung des Schullebens gekommen, und seit über zehn Jahren herrsche ein „relativ freies und freundliches Klima“. Zudem hätten die jungen Musliminnen besser integriert werden können.

Heißt die Devise also: Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Schulleiterin, die neben der Bibel auch den Koran im Bücherregal stehen hat, widerspricht: „Mit der Regelung machen wir es uns nicht einfach.“ Es gebe mit ihren Schülern, die zehn unterschiedlichen Religionen angehörten und aus 25 Nationen stammten, viele Diskussionen um Glauben und Religion. Vaihinger kritisiert dagegen die scheinbar liberale Position von Kollegen und Politikern, die propagierten, alles sei möglich, und sich dadurch Kontroversen entzögen. Sicher sei die Regelung eine Gratwanderung, „aber in der Schwierigkeit liegt die Chance der Auseinandersetzung“.

Solchen Auseinandersetzungen mit Schülerinnen und Eltern begegnet die Rektorin offen, aber bestimmt. Sie argumentiert, dass 1991 die Schulkonferenz, besetzt mit Lehrern, Schülern und Eltern, der – staatlichen – Uhland-Hauptschule einstimmig für die neue Regel votierte. Und sie führt an, dass Jugendliche an ihrer Schule lernen sollen, wovon religiös und ethnisch motivierte Konflikte ablenkten. Denn der erste von drei Grundsätzen der Uhlandschule lautet: Jeder Schüler und jede Schülerin hat das Recht, ungestört zu lernen. „Wir konnten uns immer gütlich einigen“, sagt Vaihinger hinsichtlich der Auseinandersetzungen. Sie befürwortet es jedoch, dass die baden-württembergische Landesregierung mittlerweile ein Gesetz auf den Weg gebracht hat, das zumindest einen Teil der Kopftuch-Frage verbindlich für alle Schulen im Land regelt.

Nur einmal hat es, berichtet die Rektorin, wegen der schulinternen Lösung Streit gegeben, als ein Vater nicht einsah, dass seine Tochter sich ohne Kopftuch in der Schule aufhält. Der Konflikt endete vor dem Oberschulamt, das in dem Einzelfall bestimmte: Diesem Mädchen muss das Kopftuchtragen erlaubt werden. Die Behörde hat aber – so die Chefin der Uhlandschule – nicht allgemein gegen die Regelung der Schule widersprochen.

Religion ist an der Uhlandschule kein Tabu. Seit sieben Jahren findet einmal jährlich ein interreligiöser Gottesdienst statt – abwechselnd in der evangelischen und katholischen Kirche oder in der Moschee. Auch in weltlichen Dingen gibt sich das Kollegium alle Mühe mit seinen Schützlingen zwischen zehn und 16 Jahren. Gemeinsam mit Jugendamt und Polizei bieten Lehrer Gewaltpräventionskurse an. Im benachbarten Ida-Scipio-Heim betreuen Schüler ältere Menschen. Für verhaltensauffällige Schüler gibt es ein Projekt zur reflektierten Selbstkritik – für das alle Lehrer der Schule freiwillig eine Stunde mehr pro Woche arbeiten.

Nicht um Schüler, sondern um Lehrer geht es beim so genannten Kopftuchstreit in Deutschland. Den brachte die angehende Lehrerin Fereshta Ludin ins Rollen. Sie erhielt in Baden-Württemberg keine Anstellung im Schuldienst als Beamtin auf Probe, weil sie nicht dazu bereit war, während des Unterrichts ihr Kopftuch abzulegen. Die Schulbehörde argumentierte, die Kopfbedeckung sei Ausdruck kultureller Ausgrenzung und somit ein politisches Symbol. Das Bundesverfassungsgericht lehnte diese Begründung im September vergangenen Jahres ab. Das höchste deutsche Gericht entschied, dass ein entsprechendes Verbot für Lehrkräfte im geltenden Recht des Bundeslandes keine gesetzliche Grundlage hat. Baden-Württemberg und andere Länder besserten nach und initiierten in den vergangenen Wochen entsprechende Gesetzesvorlagen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de