Von Wohntürmen und Wohnträumen

Mannheims Stadtteil Vogelstang wird 40 Jahre alt

Anonymes Wohnen in der Schlafstadt aus der Retorte: Die Vogelstang, einer der jüngsten Stadtteile Mannheims, gilt gemeinhin als unattraktiv. Doch Wohnen in dem Viertel, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert, ist beliebt. Leben im Grünen, Nähe zur Natur und ein ruhiges Wohnumfeld zeigen, dass die Mannheimer Version einer Großwohnsiedlung – im Unterschied zu vielen vergleichbaren, aber gescheiterten Projekten in Deutschland – geglückt ist.

Wer heute über die Modulbauten an der Peripherie Mannheims lästert, vergisst oft, dass die Bauten ein Kind ihrer Zeit sind. Eine Zeit, die vor allem von Wohnungsnot geprägt war. Mitte 1964 waren rund 12.400 Familien und 2250 Einzelpersonen allein in der Quadratestadt als Wohnungssuchend gemeldet – Handlungsbedarf für die Stadt. Zunächst sollte rund 20 Kilometer außerhalb der Innenstadt, zwischen Hemsbach und Hüttenfeld, die neue Siedlung entstehen. Doch die Wahl fiel schließlich auf die fast unbebaute Gemarkung zwischen Wallstadt und Käfertal im Mannheimer Nordosten. Wie für nahezu alles, was im roten Mannheim aus Beton geklotzt und vom Stadtbild her gewöhnungsbedürftig ist – Uni-Mensa, Neckarpromenade, Collini-Center und Fernsehturm – war die gewerkschaftseigene „Neue Heimat“ auch bei der Wohnsiedlung Vogelstang, seinerzeit das größte Bauprojekt Baden-Württembergs, Hauptträger.

Die Planer wollten die bekannten Probleme zeitgenössischer Großsiedlungen vermeiden. Schlafstädte wie der Pariser Vorort La Sarcelle, der heute als „Vorhof der Hölle“ gilt oder kalte Betonwüsten mit Sozialwohnungen, mit denen sich Städte wie Berlin (Märkisches Viertel, Gropiusstadt), Bremen (Neue Vahr) oder München (Hasenbergl) soziale Brennpunkte heranzüchteten, sollten vermieden werden.

„Die Mischung macht’s“ hätte denn auch das Motto des neuen Quartiers lauten können – gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen setzten die Planer auf Gebäude mit unterschiedlichen Geschosszahlen, umgeben von Grünflächen. Zum anderen wurden die Unterkünfte für verschiedene Bewohner konzipiert. Die fast 20.000 Einwohner des Stadtteils sollten „eine konforme Abbildung der Mannheimer Gesamtbevölkerung“ darstellen, schrieb der damals amtierende Oberbürgermeister Ludwig Ratzel.

Der entscheidende Faktor des Quartiers, das auf Reißbrettern entstand, waren und sind die Menschen. Vielleicht liegt es am etwas rüden, aber geselligen Kurpfälzer Wesen, dass sie schon 1965, als die Vogelstang mehr Baustelle als funktionierender Stadtteil war, einzogen. Sie lebten nicht nur dort, sondern belebten das Viertel und nahmen die geplante Lebenswelt an, im Unterschied zu den Bewohnern des wenige Jahre später aus dem Boden gestampften Collini-Centers am Rand der Innenstadt. Einer dieser Pioniere ist Gunter Heinrich, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Bürgervereins Vogelstang. Der gemeinnützige Verein wurde 1966 in der Baubaracke des Viertels ins Leben gerufen und ist mit Freizeitgruppen, Mieterausschuss und einer eigenen Stadtteilzeitung heute Mittelpunkt des ehrenamtlichen Bürgerengagements.

Heute, nachdem die Pioniertage längst vorbei sind, hat die Vogelstang Nachteile und Probleme, aber auch Vorzüge wie andere Stadtteile Mannheims auch. Die Schwachstellen des Viertels haben sich im Lauf der Zeit verändert. Anfangs machten zu wenig Geschäfte, fehlende Ärzte und eine mangelhafte Anbindung an den Nahverkehr der MVV den Bewohnern Sorgen. Heute, fast 40 Jahre später, sind die Probleme wesentlich handgreiflicher. Misswirtschaft und Niedergang der „Neuen Heimat“ Mitte der 1980er Jahre sorgten für Verkäufe zahlreicher Vogelstang-Wohnungen. Die Angst vor Kündigungen und Spekulanten machte die Runde. Die drei 23-geschossigen Hochhäuser befinden sich noch heute in der Konkursmasse. Das einst junge Viertel ist mit seinen Menschen älter geworden; die Kinder der ersten Vogelstängler-Generation zogen fort. Zwischenzeitlich sank die Einwohnerzahl auf 16.000. Durch den Zuzug von Neubürgern, auch Aussiedlern aus der Ex-Sowjetunion, verbucht der Stadtteil seit einigen Jahren wieder Zuwächse. Der Integration der Russlanddeutschen, gerade der Jugendlichen, soll mit bürgerschaftlichen Engagement gelingen.

Allem Spott zum Trotz ist Wohneigentum im Viertel heute relativ teuer – hier ein Zeichen für hohe Nachfrage. Vogelstang wurde nicht zum Abschiebequartier für sozial Schwache. Die zahlreichen Gründflächen schaffen abschnittsweise Parkcharakter, und auch zum Naherholungsgebiet Käfertaler Wald ist es nicht weit. Viele der Waschbeton-Fassaden sind modernisiert und strahlen heute in hellen Farben. Die Bewohner haben die Fronten ihrer Reihenhäuser mit Farben und Windfängen persönlich gestaltet; in vielen Gärten entstanden kleine Idyllen. „Wir fühlen uns wohl hier und wollten nicht mehr wegziehen“, lautet Heinrichs Credo, zu dessen Nachbarn Oberbürgermeister Gerhard Widder zählt. Er sagt das stellvertretend für die vielen Menschen, die sich heute selbstverständlich als Vogelstängler bezeichnen und für ihren, mit ihrem Stadtteil leben.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de