Die Vesperkirche – mehr als eine warme Mahlzeit

Evelyn Vicente-Gama (Name geändert) gehört zur Vesperkirche, und das Projekt gehört zu ihr. Jeden Tag ist sie dort, seit sechs Jahren. Die 41-jährige Spanierin lebt seit 40 Jahren in Mannheim. Sie spricht mit Mannheimer Dialekt und ist längst eine Ureinwohnerin der Kurpfalzmetropole. Für eine Einbürgerung fehlt ihr jedoch das Geld. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, der zermürbende Kampf ums Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn folgte. In diesen Tagen sucht sie vergeblich eine neue Wohnung. Mittlerweile lebt sie von 236 Euro monatlich. Das ist ihr Lebenslauf, in dem es meist Stufe um Stufe abwärts ging.

Lebensgeschichten wie die von Evelyn Vicente-Gama sind typisch für viele der täglich rund 300 Vesperkirchen-Gäste: Irgendwann ereignete sich eine Episode, die das Leben aus der Bahn warf. Wer stabil genug ist, fängt sich wieder. Die anderen fallen – ohne Netz und doppelten Boden. Die Vesperkirche will für diese Menschen da sein und mehr als eine bloße Armenspeisung anbieten.

Ein Restaurant besuchen, andere Menschen treffen und einen Freundeskreis pflegen – viele Menschen in Mannheim können sich das nicht leisten. Die Vesperkirche will diese Isolation aufbrechen. Wo sonst Gottesdienste gefeiert werden, gibt es bis Anfang Februar Nahrung für Körper und Seele. Denn: „Keiner ist Bettler“, erklärt Peter Hübinger, Direktor des Diakonischen Werks Mannheim, ein Träger des Projekts. Wer zur Vesperkirche kommt, wird bedient und sitzt an dekorierten Tischen. Die ehrenamtlich Mitarbeitenden nehmen sich Zeit für Gespräche. Zum Nachtisch gibt es Kuchen, gestiftet von Bäckereien und Gemeindegliedern.

Doch auch, wenn es nicht den Anschein haben soll: Die meisten Gäste der Vesperkirche haben die günstigen Mahlzeiten bitter nötig. Obdachlose und Drogenabhängige kommen zum Essen nach R2, mit steigender Tendenz auch Rentner sowie Alleinerziehende mit ihren Kindern, verdeutlicht Ilka Sobottke, seit viereinhalb Jahren Pfarrerin der Konkordiengemeinde; Menschen, denen Armsein und Hunger nicht anzusehen sind. Der Anteil derer, die „versteckt arm“ sind, habe in der Quadratestadt in den vergangenen Jahren zugenommen. Viele gehörten seit Jahren zum festen Klientel der Vesperkirche.

Arme sparen zuerst an den eigene Hoffnungen und Erwartungen. Was ist die Perspektive für Evelyn Vicente-Gama? „Nächste Woche das Geld kriegen“, antwortet sie, ohne lange zu überlegen. Denn dann kommt sie einigermaßen über die Runden. Dann kann sie mit dem Zug zum Gericht ins Süddeutsche fahren, wo das Sorgerecht ihres 16-jährigen Sohns verhandelt wird. Dann ist wieder ein wenig Luft zum Atmen da. Armut verkürzt nicht nur das Budget, sondern auch die Perspektive.

Wer in Mannheim knapp bei Kasse ist, dessen Leben hat einen anderen Rhythmus. Wann gibt es wo günstige oder kostenlose Mahlzeiten? Die „Suppenschüssel“ in der Viktoriastraße, wo ein Pfarrer einmal pro Woche selbst kocht. Das Mittagessen bei den „Schwestern der Nächstenliebe“ in der Draisstraße. Das Frühstück bei der Heilsarmee. Die Mahlzeiten im Frauentreff „Oase“. Oder eben die Vesperkirche am Marktplatz. Evelyn Vicente-Gama und ihre Tischnachbarn kennen sich aus und versuchen, sich im Dickicht von Behörden, Beihilfen und Bedürftigkeit durchzuschlagen. Die Hoffnung, dass es irgendwann wieder bergauf gehen könnte, haben die meisten verloren.

Die Vesperkirche findet in Mannheim seit dem Dreikönigstag statt. Einen Monat lang erhalten alle Gäste in der Konkordienkirche in R2 ein warmes Mahl. Vor sieben Jahren setzte die evangelische Kirche Mannheim gemeinsam mit dem Diakonischen Werk die Idee, während des Winters in einer Kirche nicht nur warme Worte, sondern auch ein warmes Essen anzubieten, in die Tat um. Rund 45.000 Euro investieren die Protestanten jährlich in das Projekt. Zahlreiche Mannheimer spenden für die Aktion oder arbeiten ehrenamtlich mit. 1997 waren es rund 80 Mahlzeiten, die pro Tag abgegeben wurden. In diesem Jahr hat sich die Zahl der Abnehmer mehr als verdreifacht.

Auch an diesem Samstagvormittag stehen bereits um kurz vor elf rund 40 Menschen vor der Tür der Konkordienkirche. Männer und Frauen, zumeist etwas älter, aber auch junge Mütter mit Kindern. Die wenigsten wirken ihrem Äußeren nach hilfsbedürftig und mittellos. Wenige Minuten später werden sie von Ursula Kleber empfangen. Mit ihrer sechsjährigen Vesperkirchen-Erfahrung kassiert sie von den Gästen einen Obolus fürs Essen: Mindestens einen Euro, wem es besser geht, zahlt vier Euro. Kinder und Obdachlose winkt sie ohne Beitrag durch. Auch Menschen, deren Geld vorne und hinten nicht reicht, dürfen „so“ rein. „Ich weiß ziemlich genau, wer was bezahlen kann“, sagt die erfahrene Kassiererin, die fünf Tage pro Woche in der Vesperkirche freiwillig arbeitet.

Zwischen den hunderten Menschen, die sich in der Vesperkirche ein paar schöne Stunden machen, wuseln 35 Ehrenamtliche. Männer, Frauen, vom Teenager bis zur Rentnerin, alle Altersklassen sind vertreten. Christiane Anthes aus Ludwigshafen ist eine von ihnen. Seit Jahren engagiert in der heimatlichen St. Hildegard-Gemeinde auf dem Niederfeld und beim Deutschen Roten Kreuz, erklärt die 19-Jährige, warum sie an ihren Wochenenden in der Vesperkirche Mahlzeiten an die Tische trägt: „Ich sehe das nicht so sehr als Arbeit, eher als etwas Gutes und Wichtiges.“ Gäbe es die Vesperkirche das ganze Jahr, würde sie zwölf Monate mit anpacken.

Organisatoren und Mitarbeitende machen ihre Sache offenbar gut. Doch der starke Zuspruch droht indes, einen wichtigen Teil des Vesperkirchen-Konzepts zunichte zu machen. Denn das Projekt ist keine Armenspeisung, bei dem die Bedürftigen unter sich bleiben. Vielmehr war es als Begegnungsstätte gedacht; auch Nicht-Bedürftige dürfen mitessen. Jedoch kommen Jahr für Jahr mehr Arme – „Begegnung“ ist kaum noch möglich.

Die Kapazitätsgrenze des Projekts liegt bei 300 warmen Essen, erklärt Ex-Dekan Gernot Ziegler, der das Projekt damals nach zweijähriger Vorbereitungszeit initiiert hat. Wer zu spät kommt und kein warmes Mahl mehr bekommt, hat – im Unterschied zur alltäglichen Erfahrung vieler Vesperkirchen-Gäste – nicht das Nachsehen. Alle erhalten Getränke, belegte Brötchen, Kuchen und einen Vesperbeutel für den Rest des Tages, verspricht Ziegler. Ein Angebot, das Evelyn Vicente-Gama schätzt. Auch deswegen wird sie im nächsten Jahr wieder täglicher Gast der Vesperkirche sein.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de