Keller-Kritzeleien von Mannheims Zwangsarbeitern

Bauarbeiten in der Kepler-Schule fördern Wandsprüche von NS-Opfern zutage

Die Mannheimer Johannes Kepler-Schule hat etwas Einzigartiges im Keller, das fast 60 Jahre auf seine Entdeckung wartete. Im Quadrat K5 haben Zwangsarbeiter aus der Zeit des Dritten Reichs Spuren hinterlassen. In zwei bislang unzugänglichen Kellerräumen der Schule wurden Anfang Dezember bei Umbauarbeiten mehrere bemalte und beschriebene Backsteine entdeckt. Denkmalschützer versuchen nun, Genaueres zu erfahren. Denn bislang gibt der regional einmalige Fund viele Rätsel auf.

„10 Tage in diesem Loch verblieben nur für die Lieb!“ steht auf einem Stein geschrieben. Datiert ist das Graffito auf 1944 – Hochzeit des Zweiten Weltkriegs. An anderen Stellen hat sich ein gewisser „Leo Pok“ mehrmals verewigt. Einige Kritzeleien sind offenbar Datumsangaben: „26 VI – 29 VI – 3 dni“. „Dni“ ist tschechisch und bedeutet „Tage“. Warum waren Menschen in den kleinen Räumen anscheinend tagelang eingesperrt? Bernd Fillafer vom Mannheimer Verein „Pro Denkmal“ ist sich sicher: Die beiden kleinen Räume, die sich an Luftschutzkeller der Schule anschließen, wurden während des Dritten Reichs als Arrestzellen genutzt, um Vergehen der ausländischen Arbeiter zu ahnden. Liebesbeziehungen zu Deutschen seien solche Übertretungen gewesen.

Ganz so sicher ist sich Martin Wenz vom Landesdenkmalamt Karlsruhe nicht. Bewiesen ist lediglich, dass in der K5-Schule seinerzeit je ein wallonisches und tschechisches Zwangsarbeiter-Bataillon untergebracht war, die an „verschiedene Arbeitgeber“ in Mannheim verliehen wurden. Das geht aus Akten der Nationalsozialisten, die heute beim Stadtarchiv verwahrt werden, hervor. Alles andere muss, so Martin Wenz, noch geklärt werden. So sei es ungewöhnlich, dass eine Schule als Zwangsarbeiter-Unterkunft gedient hat, wo Barackenlager die Regel gewesen seien. Auch Rolle und Organisation der vermeintlichen Schutz- und Hafträume sei ungeklärt. Generell sei für Mannheim das Wissen über die Unterbringung der Zwangsarbeiter noch dürftig. Wenz hofft auf Erinnerungen von Zeitzeugen.

Die derzeitige Renovierung der 1885 bis 1887 errichteten Schule in K5 brachte die Wandsprüche an den Tag. Als in der Gebäuderückseite ein Aufzug eingebaut werden sollte, räumten Arbeiter zwei Kellerräume, die nach dem Krieg hastig mit Bauschutt und Erde zugeschüttet worden waren, frei. Dadurch wurden die Graffiti sichtbar. Bernd Fillafer von „Pro Denkmal“ war der erste, der die Funde unter die Lupe nahm, fotografierte und sich um eine Zuordnung bemühte. Er versucht nun, Kontakte zu den ehemaligen Insassen herzustellen. Die Chancen stünden nicht schlecht, zumal einige Namen lesbar seien.

Zwischen 1938 und 1945 arbeiteten in Mannheim 25.000 Zwangsarbeiter – Kriegsgefangene nicht mitgerechnet. Diese Zahl hat das Stadtarchiv mit Hilfe von Unterkunftslisten errechnet. „Pro Denkmal“ liegen Statistiken der NSDAP vor, wonach diese Arbeiter, zu einem Drittel Frauen, aus 37 Nationen stammten und in 139 Lagern im Stadtgebiet untergebracht waren. Firmen wie BBC, Lanz und Daimler-Benz beschäftigten Zwangsarbeiter, die auch zu Aufräumarbeiten nach den zahlreichen Bombennächten sowie zum Bunkerbau herangezogen wurden. Für wen die je 180 Belgier und Tschechen, die in K5 untergebracht waren, arbeiteten, lässt sich heute schwer rekonstruieren, erklärt Michael Caroli, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs.
Das Archiv der Stadt arbeitet derzeit an einer Übersetzung der tschechischen Texte und versucht sich an der „innerstädtischen Abstimmung“ des weiteren Ablaufs, berichtet Caroli. Das Stadtarchiv denkt daran, die beschriebenen und bemalten Backsteine in der neuen Ausstellung zur Stadtgeschichte im renovierten Zeughaus auszustellen.

Das Landesdenkmalamt und der „Pro Denkmal“ haben dagegen andere Ambitionen. Martin Wenz vertritt die Meinung, dass die meisten Steine durch den Einbau des Aufzugs nicht berührt werden und daher als Teil der denkmalgeschützten Schule an Ort und Stelle bleiben müssen. Backsteine, die wegen des Umbaus heraus müssen, sollen ihren Platz im Schulhaus selbst finden – möglicherweise in einer Vitrine ausgestellt und mit wissenschaftlich aufbereiteten Texten ergänzt. Bernd Fillafer fordert, dass die Vergangenheit der K5-Schule auch für heutige Schüler erfassbar bleiben muss.

Eine Ortsbegehung, wahrscheinlich im Januar, soll nun klären, wer in Sachen Zwangsarbeiter-Graffiti das städtische Zepter in der Hand hat – auf dass die kleine Sensation aus einem dunklen Mannheimer Kapitel nicht zu einem Stein des Anstoßes wird.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de