Sand begräbt den Garten der Hoffnung

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Botswana hat die weltweit höchste Aidsrate – und unternimmt zaghafte Schritte im Kampf gegen die Auswirkungen der Immunschwäche

Gakelotshoge Dipitse, ehrenamtliche Helferin in der kirchlichen Aids-Arbeit, blickt besorgt auf die Beete mitten in der Wüste: Noch keimt nichts in dem Garten ihrer Kirchengemeinde, der in einigen Monaten Aidswaisen mit Gemüse versorgen soll. Die langsam keimende Saat ist ein gutes Bild für die Gesellschaft Botswanas. Denn die Botswaner realisieren zögernd, dass sie sich beeilen müssen, wenn sie dem todbringenden HI-Virus nicht zum Opfer fallen wollen.

Gerne wird das Land im südlichen Afrika als Musterbeispiel für friedliche und demokratische Entwicklung in der postkolonialen Zeit genannt. Mit seinem stabilen politischen System, freien Menschen sowie unabhängigen Medien bildet Botswana eine Ausnahme auf einem Kontinent, dessen Staaten zumeist von Monarchen, Diktatoren und Despoten geführt werden. Über 35 Jahre wies Botswana die weltweit höchste Wachstumsrate der Wirtschaft auf, hervorgerufen vor allem durch den Diamantenabbau, in dem das Land international führt.

Mit einer Aids-Rate von 38,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, so schätzten die Vereinten Nationen Ende 2001, nimmt der Wüstenstaat erneut eine weltweite Topposition ein. Die Gräuel, die hinter dieser Statistik stehen, bedrohen Kultur und Wirtschaft der 1,6 Millionen Botswaner: Ganze Dörfer sind vom Aussterben bedroht. Oft müssen Großeltern, selbst alt und pflegebedürftig, ihre Enkel und Urenkel versorgen – die Eltern wurden von der Immunschwäche dahingerafft. Der halbstaatliche Diamantenkonzern Debswana forciert nach eigenen Angaben bereits seit Ende der 1980er Jahre eine umfassende Aufklärung seiner Beschäftigten über die Ansteckungsarten und Gefahren von Aids. Die Manager hatten erkannt, dass durch den Aids-Tod gut ausgebildeter Beschäftigter die milliardenschweren Konzerngewinne bedroht sind.

Flink wie ein Gepard hat Botswana seine eigene Vergangenheit überholt. Als die Briten 1966 aus ihrem Protektorat Betschuanaland abzogen, hinterließen sie ein kaum lebensfähiges Land. Botswana war damals einer der ärmsten Staaten der Welt. Zwei Generationen später sind die Veränderungen im Land auffälliger denn je: Die Hauptstadt Gaborone mutierte zur am schnellsten wachsenden Stadt des Kontinents. 25.000 neue Baugrundstücke sollen in den kommenden Jahren dort erschlossen werden. Riesige Einkaufspassagen mit Fast Food-Restaurants werden an den Ausfallstraßen aus dem Boden gestampft. Heute besitzt fast jeder der jüngeren Botswaner ein Mobiltelefon. Kommunen werben für die Nutzung von Computer und Internet.

Allen rasanten Veränderungen zum Trotz bleibt das Musterland im südlichen Afrika tief in seinen Traditionen verwurzelt. Frauen spielen in diesen Sitten eine untergeordnete Rolle, so lange es nicht um Haushalt, Erziehung und Soziales geht: Im Zweifelsfall stellen sich botswanische Frauen beim Essen hinten an – um den Männern den Vortritt zu lassen. Wenn es in Diskussionen darauf ankommt, halten viele botswanische Frauen den Mund – und akzeptieren durch Schweigen die Meinung der Männer. Verwitwete Frauen werden von den Schwiegereltern ihres Besitzes beraubt und mit Schimpft und Schande vom eigenen Grundstück vertrieben – Traditionen verpflichten.

Die rote Aids-Schleife, weltweites Zeichen im Kampf gegen die Epidemie, ist in Botswana oft zu sehen. Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche tragen sie als kleine Anstecker an Hemd und Kleid oder gleich gedruckt auf T-Shirts. Werbetafeln mit dem Symbol warnen vor dem Ausbreiten des Virus. In Regierungsgebäuden fordern Plakate mit der roten Schleife zu Mitnahme und Gebrauch der ausliegenden Gratis-Kondome auf. Selbst ein Schuhgeschäft in der Einkaufsmeile der Hauptstadt Gaborone wirbt mit riesigen roten Schleifen im Schaufenster.

Doch dieser scheinbar offensive Umgang mit der Krankheit in der Öffentlichkeit täuscht darüber hinweg, dass die botswanische Gesellschaft mit dem todbringenden Virus ein ernsthaftes Problem hat und dass die Ursachen für die explosionsartige Ausbreitung zum größten Teil in ihr selbst zu suchen sind: Die Weigerung der meisten botswanischen Männer, Kondome zu benutzen und nicht fremdzugehen. Die anerzogene Unfähigkeit der meisten Botswanerinnen, auch in sexuellen Fragen „Nein“ zu sagen und selbst über ihren Körper zu bestimmen.

Zwischen alten Traditionen und den Verlockungen des modernen Lebens wächst eine Jugend auf, deren Eltern keine Worte finden für Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Infizierte Männer halten als „Sugar Daddies“ junge Schulmädchen aus und infizieren die Jugendlichen mit dem tödlichen Virus. Ranghohe Kirchenfunktionäre predigen Enthaltsamkeit, betrügen aber gleichzeitig ihre eigenen Ehefrauen.

Selbst die freiwilligen Mitarbeiterinnen von Home Based Care, einer häuslichen Krankenpflege im Kalahari-Ort Kang, die zwei Mal pro Woche insgesamt 30 Aidskranke betreuen und somit hautnah die Auswirkungen der Seuche erleben, reden in Punkto Ursachen um den heißen Brei herum. Auf die Frage, warum Aids sich gerade in Botswana so rasend schnell ausbreitet, wiegeln die Frauen ab: Die Krankheit sie nicht nur in Botswana ein Problem. Sie kennen zwar die Übertragungswege, doch nennen sie als Übertragungsweg auch Autounfälle. Wenn man einem HIV-positiven Menschen helfe und zufällig keine Schutzhandschuhe trage, könne man sich schnell anstecken. In Botswana gebe es viele Autounfälle, und daher seien viele infiziert.

Die Botswaner ernten für diese Einstellungen Kopfschütteln aus der westlichen Welt. So zeigte sich Microsoft-Chef Bill Gates bei einem Besuch in Botswana im Oktober nach eigenen Worten „schockiert“, weil sich viele Botswaner immer noch HIV-Tests verweigerten – „wo es doch für die positiv Getesteten eine kostenlose Behandlung gibt“, fügte er während der einer Pressekonferenz mit Staatspräsident Festus Mogae trotzig hinzu. Die Stiftung des Software-Milliardärs will in den kommenden Jahren umgerechnet 440.000 Euro nach Botswana überweisen, um den Kampf gegen Aids voranzutreiben. Auch die USA, Japan und die EU unterstützen viele Aids-Projekte finanziell. Erst mit diesen ausländischen Spendengeldern ist es dem Staat überhaupt möglich, lebensverlängernde Medikamente kostenfrei abzugeben. Doch Hilfsleistungen und Fürsorgeprogramme therapieren nur die Symptome. Der amerikanische Präsident George W. Bush erklärte anlässlich seiner Afrikareise im Juli diesen Jahres, die USA retteten mit ihrem Engagement auf dem Schwarzen Kontinent „Millionen von Leben mit der Heilkraft der Medizin“. Dabei verkannte er aber, dass dem HI-Virus bislang nicht beizukommen ist.

Die gut gemeinten Therapiekonzepte, entwickelt in und für Industrieländer, scheitern an der botswanischen Realität. Obwohl das Land über ein gutes Gesundheitssystem verfügt und es auch in kleineren Gemeinden von Krankenschwestern betreute Stationen gibt, werden lebensverlängernde, so genannte antiretrovirale Medikamente, bislang nur in zwei Städten des Landes verabreicht, berichtet Matilda Jagter, selbst tätig in einer kirchlichen Home Based Care-Gruppe in Werda. Der kleine Ort im Südwesten des Landes liegt weitab von der Versorgung mit den gepriesenen Medikamenten. Die gesundheitlich angeschlagenen, oft mittellosen Patienten könnten, so Jagter, die meist tagelangen strapaziösen Reisen zu dem nächstgelegenen Therapienzentrum nicht mehr auf sich nehmen und würden daher auf die Gratis-Medikamente verzichten.

Auch wenn die Frauen von Home Based Care in Kang die Ursachen der rasend schnellen Verbreitung von Aids verdrängen, gehen sie mit unerschütterlicher Hoffnung an die Bekämpfung der Symptome. Ein Beispiel dafür ist der kleine Garten, den sie auf dem Gelände der evangelischen Kirche angelegt haben. Dort versuchen sie, mitten in der unfruchtbaren Kalahari-Wüste, Gemüse für die Versorgung der örtlichen Aids-Waisen anzubauen. Doch trägt der Wüstenwind den Sand der Kalahari beständig auf die Beete und bedeckt den aufbereiteten Grund, so dass das Wasser sofort in dem sandigen Boden versickert. Vor zwei Wochen sei die Aussaat gewesen, berichtet Gakelotshoge Dipitse. Kohl, Spinat und Karotten sollen einmal dort wachsen, wo die Natur nur etwas Unkraut, das sogar die Ziegen verschmähen, und einige verkrüppelte Büsche hervorbringt. Bislang ist die Saat nur vereinzelt aufgegangen. Ob es für die ehrenamtlichen Aids-Arbeiterinnen jemals eine Ernte geben wird? Die Chancen stehen schlecht.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de