Die Täter waren Nachbarn

„Das waren nicht irgendwelche Leute, sondern Nachbarn“, erklärte Volker Boch, der am 9. November im Simmerner Heimatmuseum sein Buch „Juden in Gemünden“ vorstellte. Juden und Nicht-Juden lebten in dem kleinen Hunsrückort über Jahrhunderte friedlich Tür an Tür, bis die nationalsozialistische Ideologie die einen gegen die anderen aufhetzte: Aus Nachbarn wurden Täter. Aus Nachbarn wurden Opfer. „Klein Nazareth“, ein Beiname Gemündens, war bald judenfrei – und ist es heute noch.

Es ist eine Facharbeit, die der heute 28-jährige Volker Boch einst als Oberstufenschüler am Simmerner Gymnasium verfasst hatte. Der Text wurde leicht überarbeitet, mit einem Vorwort versehen und ist jetzt als Büchlein erhältlich. Jahrelang lag Bochs Text in der Synagoge Laufersweiler aus. Dort wurde er von Hans Schlemper, ehemaliger akademischer Oberrat an der Universität Konstanz, entdeckt. Er war von der Arbeit begeistert und schlug vor, das Werk in die Shoah- und Judaica-Reihe eines Konstanzer Verlags aufzunehmen.
Demütigung, Entrechtung und Pogrome gab es nicht nur in anonymen Großstädten. Auch auf dem Hunsrück fiel die Saat der braunen Propaganda auf fruchtbaren Boden. Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“, besuchte Gemünden bereits 1919 und schürte in Zeiten der Wirtschaftskrise Neid und Feindschaft. Auch Gauleiter Robert Ley kam zwei Mal nach Gemünden, um Brandreden zu halten. Das Kalkül der rechten Ideologen ging auf: Die NSDAP machte in Gemünden bei Reichstagswahlen schnell Boden gut, und die erste Ortsgruppe der Partei im Kreis überhaupt war dort ansässig.

Die Pogromnacht in Gemünden am 9. November 1938. Volker Boch las dazu eine Passage aus seinem Buch; 80 Gäste hörten gebannt und entsetzt zu. Kein Husten, kein Raunen, kein Tuscheln. Vielen wurde bewusst: Zerstörte Synagogen, eine geifernde, rachelustige Bevölkerung, Vertreibung und Deportation in Konzentrationslager gab es auch in der Nachbarschaft, im Nachbarort, in der „Heimat“.

Boch, der selbst in Gemünden aufgewachsen ist, wagt in seiner Darstellung den Drahtseilakt zwischen Dorfchronik und Anklageschrift. Eine prägnante und wertungsfreie Sprache bei dem mit Hilfe von Archiv-Akten und Zeitzeugengesprächen rekonstruierten Geschehen half dem Tageszeitungsredakteur und studierten Historiker, die Balance zu halten. Ein Weg, der beim Publikum in Simmern teilweise für Widersprüche sorgte, weil sie ihn als relativierend und beschwichtigend empfanden. „Bei dieser Geschichte sind viele Menschen auf unwahrscheinlich tragische Weise ums Leben gekommen“, äußerte eine Zuhörerin ihre Bedenken. Da sei „Oral History“, die Befragung lebender Zeitzeugen, unangebracht. Der Autor entgegnete, dass eine „rein wissenschaftliche“, lediglich auf gesicherte Fakten beruhende Arbeit wegen fehlender Akten und dürftiger Archive nicht möglich gewesen sei. Daher sei er auf Zeitzeugen aus Gemünden angewiesen gewesen – wohl wissend, dass sie möglicherweise nicht objektiv sind.

Kontakte zu geflohenen und überlebenden ehemaligen Gemündener Juden hätten die Dorfbewohner heute kaum, berichtete Boch. Zwar hätte es zwischenzeitlich sporadisch privaten Briefkontakt gegeben, jedoch keine offiziellen Einladungen an die Opfer, wie es in anderen Orten üblich sei.

Er würde über das Thema gerne weiter recherchieren, äußerte Autor Boch, dessen Magisterarbeit im Fach Geschichte über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin ebenfalls als Buch erschienen ist. Doch dabei gelte es einige Hürden zu nehmen: Es sei schwierig, mit Zeitzeugen über das Thema ins Gespräch zu kommen. Auch das Auffinden und der Zugang zu Quellen sei mühsam und sehr zeitaufwändig.

„Die Täter waren und sich nicht vergessen, sondern erinnert als freundliche Nachbarn und Familienmenschen“, sagte Boch-Entdecker Hans Schlemper, der als Kind neun Jahre im Nachkriegs-Gemünden gelebt hat. Bochs Darstellung könne helfen, dass die Bilder der Täter nicht verzeichnet würden.
Einen Tag vor der Buchvorstellung, am 8. November, hatte die Ortsgemeinde Gemünden einen Gedenkstein am jüdischen Friedhof des Ortes eingeweiht. Lange hatte sich der Gemeinderat – auch das belegt Bochs Dokumentation – gegen ein solches Mahnmal gesträubt. Noch 1988 fand ein entsprechender Vorschlag von Bochs Vater im Ortsgemeinderat keine Zustimmung.

Eigentlich hätte die Präsentation des Buches im Schloss Gemünden stattfinden sollen. Doch der Hausherr, Baron von Salis-Soglio, machte, so Volker Boch, „logistische Schwierigkeiten“ und „Platzprobleme“ geltend. Daher fand die Veranstaltung in den Räumen des Hunsrück-Museums Simmern statt.

Am 14. November wurde, ebenfalls im Hunsrück-Museum, das Buch „Jüdisches Leben im Rhein-Hunsrück-Kreis“ von Christof Pies, Lehrer an der Gesamtschule Kastellaun, vorgestellt. Er berichtete über die ersten jüdischen Niederlassungen in Boppard, Oberwesel und Kirchberg, das Landjudentum sowie die jüdischen Friedhöfe im Kreis.

Volker Boch: Juden in Gemünden. Geschichte und Vernichtung einer jüdischen Gemeinde im Hunsrück. ISBN 3-89649-824-X, 86 Seiten, Paperback, 9,80 Euro. Erschienen im Hartung-Gorre Verlag Konstanz.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de