Geisterzüge rollen nachts durch die Kurpfalz

Im Testbetrieb unterwegs mit der neuen S-Bahn zwischen Mannheim und Kaiserslautern

Diese Nacht war ein Erfolg. Wenn zum Start der S-Bahn Rhein-Neckar in zwei Wochen alles so läuft wie in jenen Nachtstunden, werden tausende Menschen im Rhein-Neckar-Dreieck rechtzeitig und sicher von A nach B kommen. Seit September proben die S-Bahner für den Betriebsbeginn am 14. Dezember. Sie üben nachts. Sie fahren mit fast menschenleeren Zügen durch die Kurpfalz. Sie spielen Pannen und Unfälle durch.

Es ist Donnerstagabend, kurz nach 21 Uhr. Zwei Stockwerke über dem Info-Point des Mannheimer Hauptbahnhofs treffen sich zehn Lokführer der neuen S-Bahn, um ihre Instruktionen für den 39. Probebetrieb entgegenzunehmen. Holger Mühle aus Ludwigshafen, seit zwölf Jahren Lokführer, ist ein wenig enttäuscht, als er seine Dienstanweisung durchblättert: Er hat den Kopplungsdienst erwischt, wird die Nacht weitgehend mit An- und Abkoppeln der S-Bahn-Wagen verbringen. Verlängern und verkürzen heißt das im Bahn-Jargon. Das gilt unter den Kollegen nicht gerade als Traumjob. „Ich bin Lokführer, ich will fahren“, sagt er. Besser sei es, die Strecke von Mannheim bis Kaiserslautern durchzufahren.

So ist das mit dem Probebetrieb: Jeder der für den S-Bahn-Betrieb ausgewählten Lokführer muss alles können – auch die ungeliebten Jobs, erklärt Bernhard Weisser, Projektleiter der S-Bahn Rhein-Neckar. Die Zugchefs seien zwar alte Hasen, zuverlässig und engagiert. „Aber die S-Bahn unterscheidet sich von Regional-Express und Regional-Bahn in einigen Punkten“, führt Weisser aus. So sei das Beschleunigungs- und Bremsverhalten anders. Die Abstände der Bahnhöfe seien relativ dicht. Und Pünktlichkeit sei oberstes Gebot. Es kommt auf die Sekunde an, mahnt der S-Bahn-Chef. Fünf Sekunden, an jedem Haltepunkt vertrödelt, würden in ihrer Summe abends zu einem „instabilen System“ führen. Für die DB-Bediensteten ist also Umlernen angesagt.

An der Spitze des Systems S-Bahn, im Führerstand des elektrischen Triebwagens 425.2, sitzt heute nacht Karl-Heinz Holl. Der 55-jährige aus St. Leon-Rot ist einer der Eisenbahner, die beim nächtlichen Probebetrieb die Schulbank drücken müssen. Die Vorgaben sind streng, der Zeitplan eng. Jeder Fehler wird notiert; am Ende der Testnacht wird ein ausführliches Protokoll verfasst, das Grundlage für eine Besprechung im Team ist: Was ist warum falsch gelaufen? Wo kann etwas verbessert werden? Wurde richtig reagiert?

Holl, der früher 3600 Tonnen schwere Güterzüge bis nach Basel chauffiert hat, sitzt im Führerstand vor seinem Schaltpult: Zwei kleine Monitore, die Geschwindigkeit und Zustand der Bahn anzeigen, beleuchtete, runde Schalter und bunte Lämpchen, die beispielsweise blinken, wenn ein Zuggast Alarm auslöst oder die so genannte Einstiegshilfe, eine Rampe für Rollstuhlfahrer, benötigt. „Man wird eigentlich gar nicht mehr so richtig gefordert“, findet Holl angesichts der Technik an seinem Arbeitsplatz. Während der Lokführer früher anhand von Schaltplänen einem Defekt im Triebwagen nachgehen musste, wird in der S-Bahn eine Störung mit Hilfe des eingebauten Computers abgearbeitet. Es ist der Rechner, der entscheidet, ob die Bahn weiterfahren darf oder ein Ersatzzug beschafft werden muss. Solche Züge für alle Fälle stehen in Heidelberg und Ludwigshafen.

Lokführer Holl absolviert den ersten Streckeabschnitt dieser regnerischen Probenacht von Mannheim bis Kaiserslautern ohne Zwischenfälle; an der Endstelle werden zwei Triebwagen abgekoppelt. Problemlos beginnt auch der Rückweg in die Kurpfalz. Doch in Neustadt an der Weinstraße gibt es unerwartet Komplikationen: Eigentlich sollen dort die in Kaiserslautern abgetrennten Waggons wieder angehängt werden. Aber das Kupplungsmanöver funktioniert nicht. Der Computer teilt Lokführer Holl mit, dass an eine Zusammenführung nicht zu denken ist. Der Lokführer meldet die Panne an die Transportleitung in Karlsruhe, die entscheidet, die Fahrt ohne die zusätzlichen Wagen fortzusetzen. Säßen Passagiere in den betroffenen Zügen, würden sie per Durchsage gebeten, in den fahrbereiten Teil des Zuges umzusteigen.

Die Kupplungsstörung kam zwar für den Lokführer überraschend, jedoch nicht für Oliver Koch. Er ist der Leiter des Probebetriebs, arbeitet eigentlich für die S-Bahn Rhein-Main und spielt für die Testläufe den Saboteur. Mal gibt es einen Stromausfall, dann kommt ein Triebwagen nur mit 40 Stundenkilometer vorwärts. Oder es gibt – wie in dieser Nacht – eine Kupplungsstörung.

Mit den eingebauten Pannen und Problemen sollen die S-Bahner auf einen möglichen Ernstfall vorbereitet werden. Wenn es darauf ankommt, müssen sie Kommunikationswege einhalten und für das Geschehen die richtigen Worte finden, erklärt Übungsleiter Koch, der auch 2000 in Hannover die S-Bahn fit für die Expo gemacht hat. Die Verständigung hätte während den ersten Tests nicht immer funktioniert; Lokführer und Fahrdienstleiter hätten aneinander vorbei gesprochen, obwohl sie dasselbe meinten. Ein Fall fürs Übungsprotokoll.

Das Fazit von Oliver Koch fällt für die 39. Probenacht positiv aus: „Alles hat sehr gut funktioniert. Wir sind guter Dinge.“ Die Lokführer seien seit September erheblich sicherer geworden. Und auch in Sachen Pünktlichkeit sei alles hervorragend über die Bühne gegangen. In den kommenden sieben Probebetrieben kann also an der Feinabstimmung gearbeitet werden.

Doch auch der Chefplaner hat in dieser Nacht nicht alle Fäden in der Hand. Die Wirklichkeit ist wieder einmal kreativer als Pannen-Konstrukteur Koch: Gegen 2.30 Uhr geht in Neustadt nichts mehr – Stromausfall in der S-Bahn. Liegt es am Stromabnehmer des Zuges oder ist die Oberleitung gestört? Die Leitstelle entscheidet um drei Uhr, den Probebetrieb vorzeitig abzubrechen, damit nicht die gesamte Strecke zwischen Neustadt und Haßloch blockiert wird. Vor einigen Tagen hat bereits eine andere ungeplante, aber echte Panne für Nervenkitzel gesorgt. Damals war ein Güterzug im Streckennetz der S-Bahn liegen geblieben.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de