Vier Sprachen für ein Vaterunser

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Kirchliche Jugendarbeit in der 20-jährigen Partnerschaft zu Botswana im Rückspiegel

Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Unser Kirchenkreis leistet sich den Luxus, alle paar Jahre junge Erwachsene subventioniert ins südliche Afrika zu schicken, während in seiner Verwaltung jeder Euro dreimal umgedreht wird. Eine Hauptamtliche unseres Kirchenkreises kümmert sich um die Aids-Prävention in der Kalahari-Wüste, doch in unserer Jugendarbeit werden Stellen abgebaut. Während sich Freiwillige für das kirchliche Leben auf dem schwarzen Kontinent interessieren, gehen bei uns Kirchenchöre und Kindergruppen wegen fehlender Ehrenamtlicher ein.

Als die Synode unseres Kirchenkreises Simmern-Trarbach im Oktober 1983 die Partnerschaft zum Südwestlichen Kirchenkreis der Evangelisch Lutherischen Kirche in Botswana (ELCB) ins Leben rief, dachte niemand der Synodalen an Zeiten knapper Kassen. Die guten Wünsche für die neue Partnerschaft erfüllten sich rasch. Frauenhilfen hier und dort pflegten einen regen Austausch. Es gab und gibt Besuche; aus vielen dienstlichen Bekanntschaften wuchsen Freundschaften. Nach und nach entdeckte unsere Jugendarbeit die Partnerschaft für sich: Etwa zehn Jahre ist es her, dass erstmals Workcamps in Deutschland und Botswana stattfanden.

Seit einigen Jahren ist der Jugendbereich unseres Kirchenkreises das Standbein der Partnerschaft zu Botswana. Die Workcamps sind unbestritten deren Höhepunkte, doch auch die Zeit dazwischen ist ausgefüllt. Mit Vorbereitungsseminaren. Mit Informationsveranstaltungen. Mit Workshops. Mit der Pflege von persönlichen Kontakten, die während der Begegnungen entstanden sind. Und das oft mit ungewöhnlichen Mitteln: Fannie lässt Niko in Deutschland ein Trikot der botswanischen Fußballnationalmannschaft zukommen, weil er weiß, dass Niko während des Camps 1999 alle Geschäfte nach dem begehrten Stück abgeklappert hat. Oder Jutta, die Rasta von Deutschland aus eine Handvoll CDs schickt, die beim Camp 2000 aufgenommen wurden und die er zu Gunsten seines Musikprojekts in seiner Kirchengemeinde verkauft.
Musik war bei den Jugendcamps die Brücke zwischen den Kulturen. Die Deutschen lernten botswanische Gospels, und die Botswaner hörten mit Begeisterung die CDs der deutschen Jugendlichen. Endlose Fahrten durch Kalahari-Wüste oder Hunsrückwälder, Lagerfeuer in Kalkfontein oder ein ausverkauftes Gospelkonzert in Ober Kostenz – es gab viele Möglichkeiten zum gemeinsamen Singen.

Während sich ein Lied schnell einstudieren lässt, brauchten andere Lernprozesse wesentlich länger: Manche botswanische Campteilnehmerin war über den scheinbar respektlosen Umgang deutscher Jugendlicher gegenüber Pfarrern schockiert. Umgekehrt stießen die mutmaßliche Unterwürfig- und Kritiklosigkeit von jungen Botswanern bei Anwesenheit von Pfarrern auf Unverständnis. Damit nicht genug: Botswanische Männer ernten ein deutsches Kopfschütteln, wenn es um die Verweigerung des Gebrauchs von Kondomen zur Aids-Prävention geht – Denn trotz der grassierenden Immunschwäche-Epidemie kommt bei vielen Männern in Botswana das beste Stück nicht in die Tüte.

Ein Workcamp stellt hohe Anforderungen an Lernbereitschaft und Toleranz der Teil­nehmenden. Vor dem Lernen voneinander steht das Lernen übereinander. Das leistet bei uns eine intensive Vorbereitung wäh­rend Wochenendseminaren, die auch Nicht-Camper aus unserem Kirchenkreis interessieren. Interkulturelles, entwick­lungspolitisches, thematisches und öku­menisches Lernen sind deren Bausteine und die Basis für unsere Jugendbegeg­nungen. Viele Teilnehmende entwickelten sich dadurch zu Multiplikatoren für die Partnerschaftsarbeit.

1999 bauten wir eine Kirche in der Kalahari; 2000 boten wir unter dem Motto „Wir gehören zusammen“ Kinderferienspiele in vier Hunsrücker Gemeinden an – 150 Kinder erreichten wir mit den jeweils zweitägigen Veranstaltungen. Während des Camps 2002 mit dem Slogan „One World – One Youth – One Life“ waren wir in 20 Gruppen unseres Kirchenkreises zu Gast. Kgalalelo Radibe und Aron Visagie, Aids-Arbeiter bei ELCB und botswanischem Staat, informierten Jugend-, Frauen- und Seniorenkreise über kirchliches Leben und die Auswirkungen von HIV/Aids in ihrem Land. Die Immunschwäche hat auch die Rückbegegnung geprägt; wir haben im August diesen Jahres in Kang ein altes Lagerhaus zum einem Aids-Hilfe-Zentrum umgebaut.
Schlagwörter wie „ökumenisches Lernen“ erscheinen abstrakt, wenn sie ohne praktischen Hintergrund betrachtet werden. Während des Workcamps 1999 waren wir zu einem Gottesdienst in Charleshill eingeladen. Drei Fahrzeugpannen verzögerten unsere Ankunft um eine geschlagene Stunde, und wir rechneten damit, den Gottesdienst verpasst zu haben. Am Ziel jedoch die große Überraschung: Die gesamte Gemeinde hatte gewartet und empfing uns gut gelaunt. Den Gottesdienst gestalteten wir gemeinsam in vier Sprachen – Setswana, Englisch, Afrikaans und Deutsch. Viersprachig beteten wir an diesem Sonntag auch das Vaterunser.

Es sind solche individuellen Erfahrungen, die Jugendbegegnungen einzigartig und unvergesslich machen. Gut, dass die Synode vor 20 Jahren die Partnerschaft auf den Weg gebracht hat. Gut, dass unser Kirchenkreis heute immer noch in sie investiert und damit seinen Jugendlichen und jungen Erwachsenen viele Lernprozesse ermöglicht – allen schlechten Zeiten zum Trotz.

Dieser Beitrag ist 2003 in der Festschrift zum 20-jährigen Bestehen der Partnerschaft zwischen dem südwestlichen Kirchenkreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche Botswana (ELCB) und dem evangelischen Kirchenkreis Simmern-Trarbach erschienen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de