Debatte um Sohrener Weihnachtsmarkt

Pfadfinder fordern mehr weihnachtliche Botschaft und weniger Jahrmarktstände

Wenn in diesen Tagen in Städten und Gemeinden die Weihnachtsmärkte ihre Pforten öffnen, macht sich nicht immer weihnachtliche Stimmung breit. Der Weihnachtsmarkt in Sohren sorgt wegen seiner größtenteils unweihnachtlichen Stände seit vergangenem Jahr für Zündstoff: Die Sohrener Pfadfinder befragten Besucher des Marktes. Das Ergebnis war ernüchternd – ein Großteil der Marktgäste bekannte, dass sie das Angebot auf Sohrens Straßen nicht weihnachtlich gestimmt habe und die Jahrmarktstände mit Alltagsartikeln störten. Die Kinder und Jugendlichen machten sich daran, ein neues Konzept für den Markt zu entwickeln, damit die Weihnachtsbotschaft nicht zu kurz kommt. Doch mit ihren Vorschlägen stießen sie beim Veranstalter, dem örtlichen Gewerbe- und Verkehrsverein, auf wenig Gegenliebe. Die Scouts zeigen sich nun konsequent: Sollte es 2003 nicht zu Änderungen kommen, wollen sie einen eigenen Weihnachtsmarkt aufziehen.

Im vergangenen Oktober hatten die Pfadfinder Vertreter der örtlichen Vereine, Kindergärten und des Dorfjugendparlaments eingeladen. Einziges Thema auf der Tagesordnung: Der Weihnachtsmarkt und mögliche Änderungen. Ein Kompromiss sei nicht zu Stande gekommen, erinnert sich Josef Goeres, Vorsitzender der Pfadfinder. Der Gewerbeverein habe abgeblockt. „Wir können uns nicht mit 60 Kindern und Jugendlichen auf den Weihnachtsmarkt stellen, damit bei anderen die Kassen klingeln“, fasst Joesef Goeres die Sichtweise der Pfadfinder zusammen. Er habe Verständnis für die Argumente der Geschäftsleute, jedoch dürfe ein „weihnachtlicher Weihnachtsmarkt“ nicht nur aus kommerziellen Angeboten bestehen.

„Wir suchen die Gemeinschaft und nicht die Konfrontation“, erklärt Goeres. Ziel der Pfadfinder sei es, mit der gesamten Gemeinde einen Kompromiss zu entwickeln. So hätten sich die Pfadfinder nach dem gescheiterten Treffen im Oktober bereit erklärt, in diesem Jahr am – nicht in ihrem Sinn veränderten – Weihnachtsmarkt teilzunehmen. Für den kommenden März sind weitere Beratungen mit Vereinen und Gruppen geplant. Zeigt sich der Gewerbeverein auch dann nicht kompromissbereit, werden die Pfadfinder einen eigenen Weihnachtsmarkt unmittelbar vor Heiligabend veranstalten. Goeres: „Wenn man uns unsere Ideen verwehrt, machen wir selbst was.“ Bei diesem möglichen zweiten Markt wird nach den Plänen der Pfadfinder stärker auf weihnachtliche Inhalte geachtet. Es sei geplant, einen festen Teil der Einnahmen karitativen Zwecken zu spenden. Bislang spenden die am „großen“ Weihnachtsmarkt teilnehmenden Vereine freiwillig.

60 Prozent der Vereine hätten bei dem Treffen im Oktober Bedenken gegenüber Änderungen der Markt-Konzeption angemeldet, erklärt der Vorsitzende des Gewerbe- und Verkehrsvereins, Thomas Meinhardt. Viele Vereine hätten bereits ihren angestammten Standplatz und wollten ihn nicht aufgeben. Eine nur aus Vereins- und Gruppenständen bestehende Marktstraße sei zudem viel zu kurz, um die Besucher lange in Sohren zu halten. Es sei die Mischung zwischen verschiedenartigen Ständen, die den Markt für zehntausend Besucher jährlich attraktiv mache.

Meinhardt sieht die Ambitionen der Pfadfinder gelassen: Ein „kleiner, schnuckeliger Markt kann für den Ort sehr schön sein“, sagt er zu einem potenziellen Zweit-Markt in Sohren. Ein ruhiger Weihnachtsmarkt, den sich beispielsweise auch Gesangs- und Musikverein wünschten, sei bei über 10.000 Besuchern nicht möglich. „Beide Ideen kann man nicht gleichzeitig verwirklichen, das beißt sich“, so Meinhardt.

Bereits in diesem Jahr wird einiges geändert, versprach der Gewerbeverein: In der Marktmeile mehr von Schulklassen geschmückte Weihnachtsbäume aufgestellt. Eine Krippe mit lebenden Tieren soll, so Thomas Meinhardt, „mehr Ambiente“ schaffen. Bei entsprechender Bereitschaft der übrigen Vereine könnten „Sammelpunkte“ in der Markstrecke für weihnachtliche Stände geschaffen werden.

Offiziell ist Ortsbürgermeister Hans Werner Rhein nach eigenem Bekunden nichts über die Änderungswünsche der Pfadfinder bekannt. Ein korrigiertes Marktkonzepts sei bisher auch kein Thema im Gemeinderat gewesen. Die Gestaltung des Weihnachtsmarkts sei Sache des Veranstalters, erklärt Rhein. Ein zweiter, alternativer Markt in der Vorweihnachtszeit „könnte denkbar sein“ – wenn Kreisverwaltung und Ortspolizeibehörde zustimmen.

Die katholische Kirchengemeinde Sohren steht hinter ihren Pfadfindern. Clemens Fey, Diakon der Gemeinde und Kurat, geistlicher Begleiter, der Pfadfinder, vertritt die Meinung, dass auf einem Weihnachtsmarkt Umsatz und Geld nicht alles sein dürfen. Mit ihrem nicht-kommerziellen Angebot versuchten die Pfadfinder, „den Blick auf Weihnachten zu öffnen“. Zudem sei es wichtig, Kinder und Jugendliche mit ihren Sichtweisen und Vorschlägen ernst zu nehmen. Fey: „Wer im Kleinen nicht lernt zu partizipieren, lernt es auch nicht im Großen“.

Einen „offiziellen Standpunkt“ zur Weihnachtsmarkt-Frage hat die evangelische Kirchengemeinde Sohren noch nicht bezogen, so Pfarrerin Elke Dust. Sie persönlich befürwortet mehr alternative und weihnachtliche Angebote. Ein Abspalten hält sie für keine gute Idee: „Wir machen keine Politik. Die Dorfgemeinschaft sollte gewahrt werden.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de