Der Amok-Clown schlägt gleich nach dem Filet zu

„Harald Wohlfahrts Palazzo“ öffnet seine Pforten in Mannheim

Das haben sich die Gäste so gedacht: Gediegen essen gehen, Vier-Sterne-Menü, zusammensitzen und nett plaudern. Doch dann das: Kellnerinnen mit schlechten Manieren, linkische Ober und perfide Künstler, die auf die Mittäterschaft des Publikums nicht verzichten wollen. Bei „Harald Wohlfahrts Palazzo“ ist vieles anders. Neben erlesenen Speisen stehen auch Slapstick, Akrobatik und Magie auf der Speisekarte. Zum vierten Mal gastiert die unkonventionelle Variéte-Gastronomie in Mannheim. Gestern Abend wurde Premiere gefeiert.

Da sind zum Beispiel die beiden Kellnerinnen Fioretta und Rosa: Schrille Stimmen, schrilles Outfit, fast wie in der Rocky Horror Show. Sie stopfen hungrigen Gästen zwischendurch mit Weißbrotscheiben das Maul und nehmen einen tiefen Schluck aus den Weißweingläsern des Publikums. Wenn es irgendwo zwischen den Tischen mal wieder scheppert, ist sicher Maurice, der Ober, wieder am Werk. Halsbrecherisch bahnt er sich mit seinem überladenen Tablett den Weg durchs Publikum. Trotz seines ausbaufähigem Gleichgewichtsgefühls segelt kein Glas, keine Weinflasche vom Tablett; Sakkos, Hosen und Abendkleider bleiben unbefleckt.

Überhaupt werden die 300 Gäste von den Künstlern nicht geschont: Jeff Hess kommt aus New York, hat die Ausstrahlung eines hyperaktiven Zehnjährigen und mischt das gediegene Publikum entsprechend auf. Er schnappt sich einen unbekümmert Speisenden, geht ihm an die Wäsche, verpasst ihm eine dämliche Perücke. „Das ist unheimlich doof“, erklärt der Amok-Clown und prophezeit: „Aber es geht noch doofer“. Er wird damit Recht behalten, eine einmalig durchgeknallte Nummer aufs Parkett legen – und das gemarterte Publikum wird ihm mit Applaus die Absolution für seine Sünden erteilen.

Bei Palazzo gibt es nicht bloß abgefahrenen Klamauk. Leise und federleicht wirken die internationalen Akrobatik-Einlagen. Die unbeschwerte Leichtigkeit der Untertassen demonstriert die „Dalian Acrobatic Troupe“ aus China. Die drei Artistinnen halten mit langen Stäben je zehn kreisende Teller in Schach, jonglieren mit Schirmen und Kissen. Oleksandr aus Polen balanciert auf seinem Kopf einen Satz Tassen und Untertassen – dabei fährt er auf einem Einrad. Tuan Le jongliert in atemberaubender Schnelligkeit mit Hüten. Zu Andrea und Milena kann das Publikum aufsehen – sie zeigen ihre Trapezkünste unter dem spitzen Dach des Zeltes. Zu laut und pompös wirkte der – tänzerisch einwandfreie – Abschlusstango des „Duo Classico“.

Einen Fimmel für Fummel offenbart Travestie-Künstler Tomasz. Bei jeder seiner Gesangsdarbietungen, mit denen er im Palazzo für „Moulin Rouge“-Atmosphäre sorgt, trägt er ein anderes Paillettenkleid. Als Bauchtänzer lässt er die glitzernden Hüllen fallen und zeigt seinen in alle Himmelsrichtungen zuckenden Oberkörper. Daniel Reinsberg gibt den charmanten Conférencier und führt so durchs über vierstündige Programm. Während sein Plausch mit einem Waschlappen („Ich häng‘ den ganzen Tag ‘rum“) wirklich gut beim Publikum ankommt, verhallen manche flachen Gags in der Bedeutungslosigkeit. Das „Palazzo Salon-Orchester“ verleiht dem Essen mit Swing und Easy-Listening einen angenehmen Rahmen und fügt sich mit dieser Musikfarbe nahtlos in das plüschig-rote Interieur des Spiegelzeltes ein.

Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt hat für das Palazzo ein Vier-Gänge-Menü kreiert. Wohlfahrt zählt zum Köche-Olymp Deutschlands, seit Jahren streicht sein Restaurant erstrangige Gourmet-Preise ein. Schade, dass Schlemmen und Genießen durch das Programm unter der Regie von Markus Pabst („Flic Flac“, „Palazzo dell’Arte & Gusto“) in den Hintergrund gedrängt werden. Zwischen Angusrinderfilet und Apfeltarte sorgt Akrobatik für Aufsehen, die Gaumenfreuden müssen sich unverdient mit einer Nebenrolle begnügen. Dem Palazzo gelingt es dennoch, auf allen Kanälen zu wirken: Schmecken und riechen, sehen und hören, mittendrin statt nur dabei. Das Ambiente, einem längst vergangenen goldenem Zeitalter entliehen, leistet seinen Beitrag dazu. Stilvolle Tischdekoration, dunkelroter Samt am Zeltdach, unzählige Spiegel, die das Schimmern der Kerzen und das bunte Leuchten der Scheinwerfer in die Manege zurückwerfen.

Palazzo geht an die Grenzen: Für die einen an die Grenzen des guten Geschmacks, wenn eine nachgemacht Nonne aus Kaugummi-Fäden auf ihren Fingern ein Kreuz spinnt. Für die anderen an die Grenzen der Peinlichkeit, wenn sie wie aus heiterem Himmel im Spotlight der Bühne zu menschlichen Bauchrednerpuppen werden. Möglicherweise geht Palazzo auch an die Grenzen der eigenen Haushaltskasse. Wer zu zweit im Spiegelzelt am Planetarium absteigt, wird – Getränke kosten extra – schnell ein paar Hunderter los. Trotzdem: Wer beim schicken Essen auf Überraschungen steht, ist bei Palazzo-Varieté gut aufgehoben.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de