Wie in der früheren DDR Menschen zersetzt wurden

Bundesbeauftragte Marianne Birthler referierte über die Arbeit mit Stasi-Akten und forderte deren weitgehend freie Einsicht

Abgefangene Liebesbriefe und handgeschriebene Lebensläufe: Die Stasi hatte für alles eine Verwendung. Wer ins Fadenkreuz des Ministeriums für Staatssicherheit geriet, hatte kein Privatleben mehr. 180 Kilometer Akten, die Entfernung Ludwigshafen-Straßburg, häufte das Spitzel-Ministerium seinerzeit an. Stasi und DDR sind längst Geschichte, doch die Aufarbeitung der unfassbaren Materialflut ihrer Geheimarchive ist noch im Gang. Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, hielt in der Aula des Mannheimer Schlosses vor 100 Zuhörern einen Vortrag mit dem Thema „Vergangenheit, Versöhnung – Umgang mit politischer Schuld“. Die Chefin der „Gauck-Behörde“ war einer Einladung der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Mannheim gefolgt. Sie sprach sich in ihrem Referat für die Beibehaltung der weitgehenden Möglichkeit zur Akteneinsicht aus und forderte die Parteien auf, auch Ostdeutschen eine politische Heimat zu bieten.

Die Ex-Bürgerrechtlerin beschrieb die Methoden, mit deren Hilfe die „unglaubliche Materialflut“ aufgebaut wurde. Ein Land mit ungefähr der Bevölkerungszahl Nordrhein-Westfalens unterhielt Ende der 80er Jahre einen Überwachungsapparat mit 90.000 hauptamtlichen Spitzeln. 174.000 „nebenamtliche“ Mitarbeiter lieferten Berichte und Protokolle, zehn Prozent der Horcher und Schnüffler waren minderjährig. Birthler zitierte Walter Ulbricht, der bereits in der DDR-Frühzeit sagte: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles im Griff haben.“ Im Namen der Staatssicherheit seien Ehen zerstört und Ausbildungen verhindert worden. Soziale Diskreditierung, abgehörte Anrufe, geöffnete Briefe und Wohnungsdurchsuchungen hätten zum Standard-Repertoire der Agenten gehört. „Wie zersetze ich einen Menschen?“ sei ein mögliches Thema für Diplomarbeiten gewesen.

Birthler sprach sich in ihrem Referat für eine weit gehende Herausgabe von Informationen aus, wie sie derzeit vom Bundesverwaltungsgericht geprüft wird. Von einem Verbot der Veröffentlichung wären 90 Prozent der archivierten Informationen betroffen; ehemalige Spitzel müssten einer Bekanntgabe ihres Namens zustimmen. Die Bundesbeauftragte stellte jedoch klar, dass es ihr mit ihrem Anliegen nicht nur um die „Akte Kohl“ geht.

Marianne Birthler, 1948 geboren, aktiv in verschiedenen DDR-Oppositionsgruppen und im „Runden Tisch“, wies auch auf die noch bestehenden Verbindungen zwischen der ehemaligen Staatssicherheit und der SED-Nachfolgepartei PDS hin: „Ein Bruch wird nie stattfinden.“ Als Beleg führte sie an, dass die PDS die ehemalige DDR bislang nie als einen Unrechtsstaat charakterisiert habe. Doch auch die übrigen Parteien nahm sie in die Pflicht. Nach Birthlers Auffassung ist die PDS bislang die einzige Partei, in der sich Ostdeutsche wiederfinden können. Ein Fehler in den Strukturen der übrigen Parteien, von denen der SED-Nachkomme profitiere. Angesichts der PDS-Wahlergebnisse klang in ihren Worten auch Resignation durch: „Es dauert ewig, bis Menschen kapieren.“

In ihrem Vortrag widersprach Marianne Birthler dem in Westdeutschland verbreiteten Vorurteil, ein Großteil der DDR-Bürger seien Stasi-Spitzel gewesen. Zwar hätten insgesamt eine viertel Million Menschen für das SED-Regime spioniert, doch seien dies nur 1,5 Prozent der Bevölkerung gewesen. Birthler wandte sich auch gegen die Behauptung, dass Menschen sich beim DDR-Geheimdienst engagieren mussten, um beruflich und privat keine Nachteile zu erleiden.

Bislang haben zwei Millionen Betroffene in ihre Akten gesehen. Die Behörde mit Sitz in Berlin und Zweigstellen in den 14 ehemaligen Bezirksstädten der DDR erreichen jeden Monat 5000 neue Anträge auf Akteneinsicht. 2500 Mitarbeiter recherchieren, archivieren und organisieren die Spionage-Altlasten.
Nach dem Vortrag stellte sich Marianne Birthler den Fragen des Publikums und war beim Stehempfang eine dicht umringte Gesprächspartnerin. Auf die Initiative des KHG-Pfarrers Jürgen Weber hin war die prominente Verwalterin des Spitzel-Erbes nach Mannheim gekommen. Im vergangenen Jahr war Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Karlsruhe, bei der Hochschulgemeinde zu Gast. Für das nächste Jahr ist Kardinal Karl Lehmann als Referent im Gespräch.


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Niko Wald

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  Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).

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