Mit den eigenen Talenten auf dem Arbeitsmarkt punkten

„Werbung in eigener Sache“ soll Arbeitslosen bei der Jobsuche helfen

Es klingt wie ein Märchen aus der Welt von 1000 und einer Arbeitsstelle: Ein 31-jähriger Koch wird arbeitslos. Er möchte nicht mehr in seinem langjährigen Beruf arbeiten; eine Umschulung lehnt er ab. Das Gespräch mit einem Arbeitsvermittler bringt seine Stärken an den Tag: Er kann kochen, planen und Personal organisieren, kennt sich mit Großküchen aus und in der Gastronomie. Er schickt kurze Initiativ-Bewerbungen an 150 Firmen aus diesen Branchen. Etwa 15 Unternehmen laden ihn zum Vorstellungsgespräch ein. Heute plant und verkauft der Ex-Koch Großküchen an Kantinen und Krankenhäuser.

Das Rezept für die neue Tätigkeit des einstigen Kochs stammt von Walter Bens und Franz Egle. Sie nennen es „Selbstvermarktungs-Strategie“ und „Talent-Marketing“. Die beiden sind Dozenten der Fachhochschule der Bundesanstalt für Arbeit (BA). Dort legen sie bei zukünftigen Arbeitsvermittlern die Basis für eine erfolgreiche Tätigkeit. Auch außerhalb ihrer Hochschule sind sie gefragte Referenten: Arbeitsämter im gesamten Bundesgebiet lassen ihre Mitarbeiter von Egle und Bens schulen, um frischen Wind in die Vermittlungspolitik des eigenen Amts zu bringen. „Wir wollen einen aktiven Beitrag leisten, damit die Arbeitslosigkeit zurück geht“, formuliert Egle das selbst gesteckte Ziel.

Die Selbstvermarktungs-Strategie ist eine Taktik für Arbeitnehmer, sich selbst auf dem Arbeits- und Ausbildungsstellen-Markt unterzubringen. Mit Hilfe des Talent-Marketings macht der Arbeitnehmer auf seine Qualifikationen, Wissen und Berufserfahrung aufmerksam. Die Devise beider Strategien lautet „Agieren statt reagieren“. Darin steckt ein Rollentausch: Der Arbeitnehmer tritt auf dem Arbeitsmarkt als Anbieter auf, der sein „Produkt“ Arbeit an den Mann bringen will. Er betreibt Werbung in eigener Sache, weist Unternehmen auf den Nutzen hin, der er ihnen bringen kann. Dazu versendet er sogenannte Zielgruppen-Kurzbewerbungen, die aus Anschreiben, Lebenslauf und Stärkeprofil bestehen und an alle für den Arbeitssuchenden bedeutsamen Unternehmen in seiner Region versendet werden. Im Schnitt wird mit diesem Verfahren eine Einladungsquote von drei bis sieben Prozent erreicht; etwa 70 Prozent dieser Einladungen erfolgen ohne die Anforderung der „üblichen Unterlagen“.

Die beiden Querdenker von der BA sind überzeugt, dass dieses aktive Vorgehen tatsächlich die Arbeitslosenquote reduzieren kann. Um einen halben Prozentpunkt könnte sie sinken, rechnet Bens vor. Für die Stadt Ludwigshafen mit derzeit etwa sieben Prozent Arbeitslosen bedeutete dies 800 bis 1000 Arbeitslose weniger.

Trotz vieler Vorteile ist die Bens-Egle-Strategie kein Patentrezept, um den gesamten Arbeitsmarkt in Bewegung zu bringen. Zwar halten die beiden Dozenten ihr Konzept anwendbar für alle Erwerbspersonen, doch räumen sie einigen Gruppen geringere Chancen ein. Dazu gehören Langzeitarbeitslose und Menschen mit niedrigem Qualifikationsstand. Alter ist für Walter Bens dagegen kein Nachteil im Job-Wettbewerb. Im Gegenteil: „Je älter jemand ist, umso mehr kann er bieten.“

Nicht nur Arbeitnehmer müssen nach Egles und Bens’ Meinung in Sachen Arbeitslosigkeit umdenken. So kritisieren sie das derzeit in Arbeitsämtern praktizierte System der Berufskennziffern (BKZ), das zur Einordnung und statistischen Auswertung der in Deutschland angebotenen und vermittelten Arbeitsplätze verwendet wird. Jedem Beruf wird dabei eine Zahl zugeordnet. Fliesenlegermeister, der einstige Beruf von Bundesarbeitsminister Walter Riester, wird mit der Nummer 4830 verschlüsselt, so Franz Egle. Er bemängelt, dass Berufsberater oft vorwiegend im System dieser Kennziffern denken und arbeiten. Stärken in anderen Bereichen, die für eine erfolgreiche Vermittlung mitentscheidend seien, würden dadurch vernachlässigt. Walter Bens nennt das Schubladen-System der BKZ einen „Killer der Kreativität“. Die in Deutschland existierenden etwa 32.000 Jobs, Berufe und Tätigkeiten würden auf 800 Kennziffern reduziert. Er beanstandet zudem, dass Arbeitsvermittler auch Verwaltungstätigkeiten erledigen müssen. Die dafür benötigte Zeit stehe für Beratung und Vermittlung nicht zur Verfügung. Egle gibt aber zu bedenken: „Auch unsere Kollegen sehen die Defizite. Ein Großteil der Vermittlungskräfte ist positiv eingestellt.“ Auch die Arbeitgeber nimmt er in die Pflicht: Sie müssen das „Schubladen-Denken“ mit festgelegten Berufen und dazu gehörigen Zertifizierungen ablegen.
Dem umtriebigen Duo schwebt für Ludwigshafen die Einrichtung einer Talent-Marketing-Agentur vor. Sie soll die Nachfrage von Unternehmen nach bestimmten Fähig- und Fertigkeiten sowie das Angebot von Know-How der Arbeitnehmer unter einen Hut bringen. In Partnerschaft mit der Stadt könnten Privatwirtschaft, Organisationen wie die IHK, Hochschulen und das Arbeitsamt ein Netzwerk für Arbeitssuchende spannen. Vielleicht können Walter Bens und Franz Egle ihre einstige Dozenten-Kollegin und amtierende Oberbürgermeisterin Eva Lohse für dieses Projekt begeistern.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de