Ein Auto für mehrere Fahrer

Car-Sharing bevorzugen sparsame Autofahrer und überzeugte Ökologen

Hohe laufende Kosten, stetiger Wertverlust und steigende Preise für Treibstoff: die Kosten für ein eigenes Auto schlagen schnell mit mehreren hundert Mark im Monat zu Buche. Wer nur gelegentlich einen Pkw benötigt und ansonsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt steuert, könnte im Car-Sharing, dem gemeinschaftlichen Nutzen von Fahrzeugen, eine preiswerte und intelligente Alternative zum eigenen Auto finden.

Wer weniger als 12.000 Kilometer im Jahr mit dem eigenen Auto zurücklegt, kann mit Car-Sharing bares Geld sparen, rechnet Claudia Braun vor. Sie ist Geschäftsführerin von Stadtmobil Rhein-Neckar, dem regionalen Car-Sharing-Anbieter. Nach Angaben des ADAC schmälert ein Durchschnittsauto die Haushaltskasse um etwa 600 Mark Fixkosten monatlich. Dazu kommen kilometerabhängige Kosten für Benzin und – gerade im Rhein-Neckar-Delta bedeutsam – Strafzettel.

Die Idee, mit mehreren Personen ein Auto zu benutzen, kam 1986 in der Schweiz auf. Dort ist Car-Sharing heute dermaßen akzeptiert und mit dem öffentlichen Nahverkehr verknüpft, dass es kaum noch daraus wegzudenken ist. Ende der 80er Jahre gab es in Deutschland in Berlin die ersten Angebote. 1992 wurde „Stadtmobil Rhein-Neckar“ mit Sitz in Mannheim ins Leben gerufen. Heute stellt „Stadtmobil“ Hundert Autos zur Verfügung, die in der Region auf 60 Standorte verteilt sind. Die Fahrzeuge sind auf die Bedürfnisse der 1700 Car-Sharing-Teilnehmer zugeschnitten. Das Angebot reicht vom kompakten Smart bis zum Transporter mit neun Sitzplätzen.

Neben den Leuten, die Car-Sharing aus ökologischen Gründen als „Überzeugungstäter“ nutzen, gibt es viele, für die ein eigener Pkw zu teuer ist. Auch mangelnde Parkmöglichkeiten vor der eigenen Haustür lassen viele zum geliehenen Fahrzeug greifen, weiß Claudia Braun. Denn jeder Wagen von Stadtmobil hat seinen festen Stellplatz, der, wenn das Auto unterwegs ist, mit Sperrbügeln und Ketten vor Falschparkern geschützt wird. Momentan versucht das Car-Sharing-Unternehmen, neue Kunden zu gewinnen. Angestrebt ist, auch Schüler, Studenten und Rentner, die bislang nicht zur klassischen Car-Sharing-Klientel gehörten, für die Gemeinschafts-Nutzung zu begeistern. Momentan, so Geschäftsführerin Braun, verzeichnet „Stadtmobil Rhein-Neckar“ jährliche Wachstumsraten von Kunden und Fahrzeugen, die zwischen 25 und 30 Prozent liegen.

Zwei Tarifarten

Was kostet Car-Sharing im Rhein-Neckar-Raum? Grundsätzlich gibt es zwei Tarifarten. Die erste Variante ist für Menschen mit einer Zeitkarte des VRN gedacht. Wer im Besitz einer Halbjahres- oder Jahreskarte ist, kann ohne monatliche Grundgebühr die Wagen von Stadtmobil nutzen. Doch Langzeit-Tickets für den ÖPNV sind kein Muss. Tarifvariante zwei nämlich richtet sich an Bürger, die keine Zeitkarte haben. Sie zahlen eine monatliche Grundgebühr von acht Mark und kommen dafür mit einem vergleichsweise günstigeren Kilometertarif weg. Das Entgelt für die Fahrzeugnutzung setzt sich aus einem Kilometer- und einem Zeittarif zusammen, die von der Fahrzeuggröße abhängen. Als Faustregel gilt: Kleinere Autos sind preiswerter als große, tagsüber ist die Nutzung teurer als nachts. Es gibt Rabatte für eine längere Nutzungsdauer und für Vielfahrer. Die Preise enthalten Benzin, Fahrzeugwartung, Versicherungen und einen europaweit gültigen Schutzbrief.

Für eine dreistündige Einkaufsfahrt am Vormittag, bei der 20 Kilometer mit einem Kombi zurückgelegt werden, werden zum Beispiel 19,50 Mark fällig. Etwa fünf Mark preiswerter wird die Tour zum Supermarkt, wenn nach dem „klassischen Tarifsystem“ mit monatlicher Grundgebühr abgerechnet wird.

Telefonisch ein Auto reservieren

Zentrale Anlaufstelle für Fahrzeugreservierungen ist die Buchungszentrale. Über das Internet oder mit dem Telefon, das rund um die Uhr besetzt ist, wird dort das gewünschte Fahrzeug reserviert. Jeder Nutzer verfügt über eine Chipkarte. Sie ist der Schlüssel zum gebuchten Auto und öffnet dessen Zentralverriegelung. Der Zündschlüssel selbst befindet sich im Handschuhfach des Fahrzeugs. Ist die Fahrt beendet, muss das Auto wieder auf dem Sammelplatz abgestellt werden. Mit der Chipkarte wird das Fahrzeug verschlossen und als wieder verfügbar in der Zentrale gemeldet.

Mit der wissenschaftlichen Analyse des Car-Sharing-Angebots in Mannheim beschäftigt sich Diplom-Ingenieurin Ulrike Huwer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Verkehrswesen der Universität Kaiserslautern. In Zusammenarbeit mit der MVV und „Stadtmobil“ wurde ein Schnupper-Angebot für Neukunden entwickelt. Für 60 Mark kann Car-Sharing sechs Wochen lang genutzt und getestet werden. Das Angebot beinhaltet außerdem eine VRN-Netzkarte und sechs Freistunden für Fahrten mit den Fahrzeugen von Stadtmobil. Die Testpersonen führen ein Wegetagebuch, in dem das „Verkehrsverhalten“ protokolliert wird. Außerdem interviewen Institutsmitarbeiter die Hundert Probanden. Untersuchungsdaten, die auf diese Weise aus dem Probe-Angebot in Mannheim gewonnen werden, sollen auch auf andere Städte übertragbar sein. Denn der Auftraggeber der Studie ist das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.

Von Schweizer Zuständen ist die Bundesrepublik derzeit noch weit entfernt. Das Car-Sharing-Angebot ist in vielen Städten ausbaufähig und soll in Zukunft stärker vernetzt werden, so dass eine „Quernutzung“ von Stadt zu Stadt möglich wird. Die Zukunft wird zeigen, ob die Autofahrer auch in Sachen Car-Sharing auf der Überholspur ist.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de