Die heiße Luft nebenan heizt dem Krankenhaus ein

Ausquartiert und dennoch ein Blickfang: Das Kesselhaus am Klinikum steht auf einem besonders sicheren Fundament

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Es war einmal ein Herzstück des Krankenhauses, doch wurde es an den Rand gedrängt. Eine „nicht sehr erwünschte Anlage“ nannte der Architekt das Kesselhaus, das beim Bau des Mannheimer Klinikums 1913 ausquartiert worden war. Und obwohl es nicht mit den aufwändigen Altbauten des städtischen Krankenhauses mithalten kann, sind seine Türme, Erker und Ecken und die Fassade aus roten Klinkern ein Blickfang in Mannheims Mitte. Seit über 80 Jahren sorgt der heiße Dampf aus den Kesseln des alten Gebäudes für wohltemperierte Heizkörper und warme Mahlzeiten.

Für die Lage des Kesselhauses außerhalb des Klinik-Geländes gab es gute Gründe. Die Stadt suchte einen Standort nahe am Krankenhaus, der aber nicht auf dem Gelände selbst liegen sollte. Zum einen sollten die Patienten nicht durch die Abgase der Kessel, die damals Kohle und Koks verfeuerten, belästigt werden. Zum anderen kam wegen einer möglichen Explosion der Heizkessel eine Unterbringung zwischen Krankenzimmern und Operationsräumen nicht in Frage.

Architekt Richard Perrey arbeitete beim städtischen Hochbauamt und plante als Baumeister etwa zwanzig Objekte im Stadtgebiet. Zu den bekanntesten gehören das Herschelbad in der Innenstadt, die Luzenbergschule und die Alte Feuerwache in der Neckarstadt. Für das Kesselhaus ließ er ein besonders sicheres Fundament anlegen, das für die damalige Zeit ein Novum war und noch heute eine kleine Besonderheit ist. In den aufgeschütteten Baugrund am Neckarufer wurden Hunderte Holzpfähle bis zu sechs Metern Tiefe in den Boden getrieben, um ein Absinken des auf Schwemmland errichteten Gebäudes zu verhindern.

Architekt Perrey plante die Anlage so, dass die damals verfeuerten Brennstoffe den direkten Weg in die Heizkessel fanden. Koks und Kohle wurden mit der Bahn geliefert oder trafen auf Lkw ein. Die Schütten für die Brennmaterialien waren in der langen Gebäudefront auf der Seite zur Röntgenstraße eingemauert. Im großen Kesselraum sind diese Schütten heute noch zu sehen. Der so im Kesselhaus erzeugte Dampf heizte das gesamte städtische Krankenhaus. Ebenfalls mit Dampf versorgt wurde die Wäscherei, die damals im Kesselhaus-Gebäude untergebracht war. Die gesamte Krankenhaus-Wäsche wurde dort gereinigt und entkeimt, selbstverständlich mit heißem Dampf.

Auch heute wird im Kesselhaus dem Klinikum viel Dampf gemacht, für die verschiedensten Zwecke. Der heiße Dunst versorgt Heizung und Klima-Anlage. Er wird zur Desinfektion und Sterilisation eingesetzt. Der Dampf aus dem Kesselhaus sorgt auch dafür, dass die Klinikküche nicht kalt bleibt. Zehn großen Kochkesseln wird via Fernwärme eingeheizt.

Das Kesselhaus ist über einen unterirdischen Gang mit dem ringförmigen Tunnel verbunden, der sich unterirdisch um das gesamte Klinikgelände zieht. In diesen Katakomben sind Stromleitungen, Gas- und Wasserrohre verlegt. Wenn es darauf ankommt, gelangen die Mitarbeiter der technischen Abteilung durch den Tunnel schnell in jedes Gebäude auf dem Krankenhausgelände. Obwohl im Kesselhaus seit seinem Bau immer Dampf erzeugt wurde, gab es im Lauf der Zeit einige Veränderungen am Gebäude und in seiner Nutzung. Die Klinik-Wäscherei ist längst in ein anderes Gebäude umgezogen. Die technische Abteilung des Krankenhauses hat mit Büros, Werkstätten und Lagerräumen den Platz der Waschfrauen eingenommen. Neu hinzugekommen sind die Räume für ein Forschungslabor der Universität. Die Kessel wurden modernisiert, damit ihre Abgase keine Patienten mehr zum Husten bringen. Zwei der drei Kessel verbrennen heute Erdgas. Ein Reserve-Aggregat kann mit Heizöl betrieben werden. Der Schornstein wurde den neuen Bedürfnissen angepasst und in den 90er Jahren um sieben Meter gestutzt.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de