„Wütende Kameraaufzeichnungen“

247 Fehler auf dreisprachigen Hinweisschildern zur Videoüberwachung

Ordnung muss sein, gerade auch im Musterländle. Mustergültig rückt die Stadt auf der anderen Rheinseite ihren bösen Buben mit Videokameras auf den Pelz. Zwischen Neckartor und Paradeplatz schnurrt ab Ende des Monats sanft der Kamera-Zoom, wenn gedealt, randaliert und überfallen wird.

Damit allzu paranoiden Bürgern und ewig kleinlichen Datenschützern von Anfang an der argumentative Wind aus den mit Angst vor totaler Überwachung geblähten Segeln genommen wird, spickte die Stadt die überwachten Plätze und Straßen mit Hinweisschildern. 19 solcher Schilder hat Bürgermeister Rolf Schmidt, zuständig für alles, was Sicherheit und Ordnung in Mannheim betrifft, im Bereich der citynahen Verbrechensschwerpunkte an Laternenpfählen anbringen lassen. Ein Metier, das er beherrscht. Schließlich greift Schmidt selbst gerne medienwirksam zum Schraubenzieher, wenn es darum geht, den Schilderwald in Mannheim ein wenig lichter zu machen und überflüssige Verkehrszeichen vom Mast zu holen.
Nicht ganz so gekonnt wirkt der Aufdruck der Hinweisschilder. Schwarz auf reflektierendem Weiß prangt da in Deutsch, Englisch und Türkisch der Hinweis auf die ständige Videoüberwachung. Und für die Angehörigen sonstiger in Mannheim lebender Krimineller, die der drei Sprachen nicht mächtig sind, zeigen Polizeistern, Stadtlogo und stilisierte Videokamera an: lächeln und gut benehmen – Sie werden gefilmt. Doch scheint der Amtsschimmel mit der tückischen türkischen Sprache auf Kriegsfuß zu stehen. Denn in den 20 Wörtern Türkisch finden sich 13 Fehler, was einer Fehlerquote von schlappen 65 Prozent entspricht. Aus der frohen Überwachungs-Botschaft wurde dank deutschem Beamtenschweiß türkisches Kauderwelsch mit fehlenden Buchstaben, Rechtschreibfehlern, verloren gegangenen Akzenten und einer abenteuerlichen Wortwahl. Dadurch bekommen manche Vokabeln eine neue Bedeutung. Aus „sinirli“ (im Türkischen ohne Punkte auf den „i“), das übersetzt „begrenzt“ bedeutet, wurde beispielsweise „sinirli“ (mit Punkten auf den „i“), was „gereizt“ oder „wütend“ entspricht. Somit werden türkisch sprechende Menschen auf eine „wütende Kameraaufzeichnung“ hingewiesen – sofern sich ihnen aus den drei kryptischen Zeilen überhaupt irgendein Sinn erschließt.

Nicht nur für Pedanten ist das peinlich: 19 Schilder mit je 13 sprachlichen Irrtümern machen satte 247 Fehler, die die Innenstadt und ihre Besucher beglücken. Allen verantwortlichen Schild-Bürgern und -Bürgermeistern zum Trost: Vielleicht sind im 1,7-Millionen-Steuergelder-Etat der Videoüberwachung ja noch ein paar Scheinchen übrig, um die Hinweistafeln auf den richtigen Stand der Sprache und das baden-württembergische Modellprojekt „Babylon“ zu einem fehlerfreien Ende zu bringen.

Von unserem Mitarbeiter: Niko Wald


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de