Auf der Suche nach Treibstoff für Körper und Geist

24 Stunden in Ludwigshafen: Die Nachttankstelle in der Heinigstraße

Es duftet nach frisch Gebackenem. Die nächste Ladung Brötchen wird gleich fertig sein. Der junge Mann vor den Kühlregalen zaudert, welche Sorte Bier er mitnehmen soll. An der Kasse klirrt ein schriller Ton. Ein Mann hat sein Wagen mit Mannheimer Kennzeichen fertig betankt und wird gleich bezahlen. Etwa zehn Menschen, Mitarbeiter und Kunden, sind in dieser Nacht um drei Uhr auf den Beinen. Schlaflos in Ludwigshafen: Noch munter sind die, die zum Tanken und Einkaufen vorgefahren kommen; unermüdlich die Frauen und Männer, die hinter Ladentheke und Tresen stehen, um die kleine Tankstellen-Welt rund um die Uhr in Gang zu halten.

Nachtschwärmer, Durchreisende, Heimfahrer, Partygänger und Tippelbrüder. Die Kundschaft der Nachttanke ist bunt gemischt. Kids, die sich auf der Disco-Tanzfläche verausgabt haben und auf dem Nachhauseweg noch einen Energy-Drink in ihre erschöpften Körper gießen. Taxifahrer, die sich ihre Brötchen nach Wunsch belegen lassen und eine Tasse Kaffee mitnehmen, um beim endlosen Warten auf Kundschaft nicht einzunicken. Unglückliche, die morgens um halb vier das erste Bier aus dem Sixpack brauchen, um sich in den Schlaf zu trinken. „Wir sind eigentlich die Auffangstation“, weiß Mitarbeiterin Diana Heinisch um die psychologische Dimension ihres Jobs. Nicht nur Benzin und Zigaretten gehen über die Ladentheke, sondern auch Geschichten, Alltägliches, Sorgen und Nöte der Tankstellen-Kunden.

Nachtasyl Tankstelle

Die Mitarbeiter kennen viele ihrer Pappenheimer. Sie kennen Wolfgang, den Taxifahrer. Wenn er nicht um kurz vor vier aufkreuzt, fehlt etwas an der Nachtschicht. Ein kurzer Plausch, ein paar Neckereien unter Nachtschicht-Kollegen, dann ist Wolfgang wieder mit seinem Taxi in der Ludwigshafener Nacht verschwunden.
Zu dritt sind sie an diesem Abend. Diana Heinisch wird in ihrer Schicht mit dem letzten Tankstellen-Monat abrechnen; der Juli hat gerade begonnen. Rechnungen müssen bezahlt, Gehälter überwiesen werden. Waltraut Gauweiler steht im kleinen Bistro der Tankstelle, schmiert Brötchen, backt Croissants auf und kümmert sich um die warmen Speisen. Sebastian Böttcher wacht über die derzeit 150.000 Liter Treibstoff, die unter der Tankstelle deponiert sind. Er ist, so wie die meisten seiner Kollegen, Quereinsteiger in der Branche. Der ausgelernte IT-Fachmann steht im grünen Tankstellen-Shirt hinter der Kasse und überbrückt mit drei Nachtschichten pro Woche die Zeit bis zur Einberufung bei der Bundeswehr. „Entweder jemand arbeitet gerne in der Tankstelle, oder er lässt es.“ Diana Heinisch ist rigoros. Nur wer in den ersten Arbeitstagen vom Tankstellen-Virus befallen wird und Blut beziehungsweise Benzin geleckt hat, taugt für die Arbeit zwischen Bistro, Kasse und Zapfsäule, ist fit genug für den Schichtdienst.

Es scheppert laut. Beim Öffnen der verglasten Kühlschrank-Tür hat eine junge Frau eine Bierflasche auf den Boden fallen lassen. Kassierer und Buchhalterin rücken sofort mit Mob und Eimer an, damit sich die klebrige Brühe nicht über die Schuhsolen der Kunden in die ganze Tankstelle trägt. Die Bemühungen, Scherben und Bier aufzunehmen, sorgen für spöttische Kommentare dreier Jugendliche. Sie warten an einem Stehtisch auf ihre Eltern, die sie in der Heinigstraße abholen werden. Rund sieben Mal pro Nacht gibt es solche „Crashs“, schätzt die Nachtschicht. Und das heißt: Sieben Mal pro Nacht putzen, wischen und Scherben fegen.

Der Ofen ist bei Waltraut Gauweiler selten aus. Ständig sorgt sie für Nachschub an Backwaren. Brötchen, Laugengebäck und süße Kaffeestücke – die kleinen Snacks gehen immer gut. An Sonntagen stehen die Menschen Schlange, um morgens frische Brötchen mit nach Hause zu nehmen. 3000 Semmel wandern pro Wochenende vom Ofen in die Papiertüten der Kunden.

Rettungsinsel im Stadt-Dschungel

Der junge Mann stutzt. Warum er mitten in der Nacht zur Tankstelle kommt? Er erzählt: Sein Vermieter hat wieder eine lautstarke Party veranstaltet, deswegen ist er mit seiner Freundin geflüchtet. In Grünstadt sind sie losgefahren, in Ludwigshafen war der Tank im roten Bereich. Der Lärm-Flüchtling verlässt die Nachttanke mit einer Flasche Eistee und knapp zehn Litern Treibstoff. Das muss für den Heimweg reichen. Ein anderes junges Pärchen steht im Bistro und kauft ein paar Bissen für unterwegs ein. Die beiden haben den Abend in einer benachbarten Kneipe verbracht. Gleich geht es weiter – nach Hause, über die Rheinbrücke nach Mannheim. Ein Taxifahrer kommt nur, weil die Zapfstelle seiner Firma kaputt ist. Privat würde er immer die Heinigstraße zum Tanken ansteuern, beteuert er.

Die Tankstelle ist wie eine Rettungsinsel im Stadt-Dschungel. Rund um die Uhr geöffnet mit einem Warenangebot, das mehr als den profanen Namen „Tanke“ verdient hätte: Duftbären, Tampons, Kleinbildfilme und tausend andere Dinge, die Menschen unterwegs kaufen möchten. Denn die wenigsten kommen nachts, um ihr Auto zu tanken. Sie sind auf der Suche nach Treibstoff für Körper und Geist, nach Oktan für den Blutzucker.

Es ist kurz nach vier Uhr. Hinter den schwarzen Fassaden der Stadt steigt am dunkelroten Horizont der neue Tag auf. Ein Tag, an dem es wieder heißen wird: „Rund um die Uhr geöffnet.“


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de