Offiziers-Esszimmer im Dornröschenschlaf

Das Offizierskasino der Kaiser-Wilhelm-Kaserne im Mannheimer Herzogenried war ein Kleinod des militärischen Standorts

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Über die Pracht der einstigen „Offizier-Speiseanstalt“ ist längst Gras gewachsen: Knöchelhoch sprießen Unkraut und Hecken auf dem Weg zwischen eiserner Pforte und Eingangsportal. Auf der großen Treppe sind die Herbst-Blätter der umstehenden Bäume jahrelang liegen geblieben. Seit langem ist der Sandsteinbau ohne Interesse für das benachbarte amerikanische Militär und wurde sich selbst überlassen.

„Unfallgefahr! Betreten verboten“ warnen Schilder an einigen Türen. In der Tat: Ein unbedachter Schritt in dem heruntergekommenen Raum könnte im Krankenhaus enden. Decke und Boden sind heruntergestürzt, der jahrelang durch das undichte und nie richtig geflickte Dach einströmende Regen hat den tragenden Balken den Gar aus gemacht. Mancherorts lässt sich vom Erdgeschoss bis in den Dachstuhl blicken. Mit den architektonischen Schätzen sind die US-amerikanischen Nutzer des Ex-Kasinos nicht zimperlich umgegangen: Um eine abgehängte Decke aus Gipsplatten zu befestigen, wurden in die alte Raumdecke Löcher gebohrt; dabei wurde der Stuck für immer beschädigt. In Leichtbauweise wurden Zwischenwände eingezogen. Der große Speisesaal, seiner Zeit Herzstück des Kasinos, wurde mit einer Tribüne versehen und erhielt eine Trennwand. Noch heute finden sich Wandvertäfelungen aus dunkelbraunen Holzimitat im Plastik-Look statt weiß gekalkter hoher Wände; mit roten Kunstleder bespannte Türen statt massiver hölzerner Portale. Im Speisesaal wölbt sich der Holzboden unterhalb der Nato-Auslegware vor eindringender Feuchtigkeit, handtellergroße Pilze wuchern heute dort, wo einst die höheren militärischen Ränge dinierten. Vor der Rückgabe des Gebäudes 1991 hat die amerikanische Standort-Verwaltung auf Drängen der deutschen Behörden notdürftig einige Stützen eingezogen. Ohne sie wäre das alte Kasino mit seinen kleinen Kostbarkeiten längst ein Schutthaufen.

Zwischen 1899 und 1901 entstand für zwei Bataillone des 2. Badischen Grenadier-Regiments am damaligen östlichen Stadtrand die Kaiser-Wilhelm-Kaserne. Die Autoren des 1906 erschienen Buchs „Mannheim und seine Bauten“ berichten voller Stolz über die prächtigen Sandstein-Gebäude der Kaserne und zählen die Details des für damalige Zeiten modernen Militär-Standorts auf – bis hin zu der Anzahl der „Abortbecken mit Wasserspülung“. Gut 1,5 Millionen Reichsmark wurden seiner Zeit in den Bau investiert, dem die Mannheimer Denkmalschutz-Behörde heute eine „wichtige Stellung im militärischen Bauwesen“ attestiert.

Die rote Sandsteinfassade mit ihren detailreichen Steinmetz-Arbeiten kann den Niedergang im Inneren kaum noch verbergen. Auch sie ist in die Jahre gekommen und hält immer weniger das, was ihr Architekten und Baumeister zugedacht haben. Ein hölzerner Tunnel leitet Fußgänger sicher an dem Anwesen vorbei – sie könnten von herabstürzenden Sandstein-Ornamenten verletzt werden. Ein hoher Bauzaun aus Metall hält Passanten und Interessierte auf sicherem Abstand. Oberhalb der Regenrinne wurden große Fang-Gitter angebracht – das Schiefer-Dach löst sich nach und nach in seine Bestandteile auf.

Das Bundesvermögensamt Karlsruhe sucht händeringend nach einem Investor, der das Offizierskasino aufpoliert. Der Behörde schwebt eine „prestige-orientierte Nutzung“ als Museum, Akademie oder Restaurant vor. Mit einigen kosmetischen Operationen wird ein möglicher Interessent die Offiziers-Mensa nicht aus ihrem Dornröschen-Schlaf wecken können. Das komplette Gebäude muss entkernt, das undichte Schieferdach neu gedeckt, der Keller und die Wände getrocknet werden, soll das einstige Schmuckstück der Kasernen-Anlage in der Neckarstadt wieder zu neuen Ehren kommen. Doch die Zeit läuft gegen Denkmalschützer und mögliche Käufer. Wenn sich innerhalb der nächsten Jahre nichts an dem bedauernswerten Status quo des Kasinos ändert, müssen die Behörden die Notbremse ziehen: Dann könnte der Denkmalschutz für das Bau-Ensemble Kaiser-Wilhelm-Kaserne aufgehoben werden. Bagger und Abrissbirnen würden das dem Erdboden gleichmachen, was dann ohnehin nicht mehr zu retten sein wird. Nach über hundert Jahren militärischer Nutzung würde dann an der Ecke Grenadier- und Friedrich-Ebert-Straße nichts mehr an das Kasino erinnern. Der Komiss ist eine undankbare Truppe.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de