Signalgelber Spätzünder ruft zum Gebet

Gewagtes Bauwerk einer Gemeinde, die keinen Turm von der Stange wollte: Der Glockenturm der Melchanton-Gemeinde in der Neckarstadt

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Nein, es ist keine U-Bahn-Station. Auch wenn in der Abenddämmerung über den Köpfen der vorbeieilenden Passanten ein weißes „U“ auf dunkelblauem Grund aufleuchtet, ist das hohe Gebilde aus Stahl das, für was es viele auf den ersten Blick nicht halten: Ein Kirchturm.

Die Melanchthon-Gemeinde in der Mannheimer Neckarstadt ist seit ihrer Gründung „turmlos“. Um die Jahrhundertwende verzeichnete Mannheim eine starkes Zunahme der Bevölkerung. Diese Menschen mussten versorgt werden – materiell und geistlich. Katholische und evangelische Kirchengemeinden trugen mit Gemeinde-Neugründungen und Kirchen-Neubauten der Ausdehnung der „Neckarvorstadt“ Rechnung. Als die Melanchthon-Gemeinde 1913 als Tochtergemeinde der Luther-Kirche ins Leben gerufen wurde, zwang die rasende Inflation zu Sparsamkeit. Die Verantwortlichen der Kirchengemeinde beschlossen, vorerst nur das Gemeindehaus zu errichten, das bis auf weiteres als Notkirche genutzt werden sollte. Später, in besseren und wirtschaftlich sichereren Tagen, sollte dann eine große Stadtkirche mit zwei Türmen gebaut werden. Doch der schlichte Raum ist bis heute Kirche geblieben. In den 1960er-Jahren waren Turmbau und ein neues Gemeindehaus Alternativen, denn das Budget war nur für ein Bauvorhaben ausreichend. Die Gemeinde entschied sich für das Gemeindehaus; in Nachbarschaft zur Kirche ohne Turm entstand das Melchanthon-Haus, das Woche für Woche Treffpunkt für zahlreiche kirchliche Gruppen ist.

Etwa 30 Jahre später, Mitte der 90er-Jahre, stand der Gemeinde ein größerer Geldbetrag zur Verfügung. Die Gelegenheit zur Verwirklichung des Traums von einer Kirche mit Turm schien gekommen – und sie wurde beim Schopf gepackt: Zwar hatte die Kirchengemeinde für einen großangelegten Architekturwettbewerb nicht genügend Geld. Der damalige Pfarrer Heinrich Aschenberg führte dennoch Gespräche mit dem jungen Architekten-Duo Martin Rudolf und Nicolaus Staniek aus Darmstadt, das sich bereit erklärte, kostenlos einen ersten Entwurf und ein Modell des neuen Turms anzufertigen. Es entstand der Plan eines modernen und ganz und gar nicht traditionellen Kirchturms. Nicht alle Gemeindeglieder fanden, dass ein solcher Turm zu ihrer Gemeinde passt. Aber zu was sollte der neu zu bauende Turm passen? Zu den umliegenden Bürgerhäusern aus dem späten 19. Jahrhundert? Zur Notkirche aus der Weimarer Zeit? Oder zum Gemeindehaus der 1960er Jahre? Pfarrer und Ältestenrat, die zusammen die Gemeindeleitung bilden, entschieden sich für den ungewöhnlichen und provokanten Entwurf, der mit herkömmlichen Kirchtürmen nicht viel gemein hat. „Die Gemeinde wollte keinen Mittelweg“, erklärt Pfarrer Heinrich Ascheberg. Bis zu seiner Pensionierung 1997 war ihm der Turmbau ein wichtiges Anliegen.

Die schlanke Konstruktion des Turms wurde auf der Fläche zwischen Gemeindehaus, Kirche und Kindergarten errichtet und ragt 33 Meter in den Mannheimer Himmel. Sie ist weithin sichtbar und wirkt trotz der vier tonnenschweren Glocken, die sie beherbergt, leicht. Die Glockenstube in 23 Metern Höhe, zu der eine Steigleiter führt, wurde aus Holz und Aluminium angefertigt und leuchtet signalgelb. Seine Ausstrahlung verleiht der 1997 fertiggestellte Turm auch nachts nicht: Dann wird er angestrahlt und schwebt leuchtend über den Dächern der Neckarstadt.

Auch wenn es sich beim Melanchthon-Turm um moderne sakrale Architektur handelt, ist die Symbolik nicht abhanden gekommen: Die drei Streben, auf denen der Turm ruht und die ihn stützen, stehen für die Dreieinigkeit der Kirche. In einer Broschüre schreibt die Gemeinde: „Die Form will verweisen auf den, der nicht fassbar ist, und der doch Gegenwart und Zukunft gestaltet.“ Als Gesamtkonzeption ist der Glockenturm das Aushängeschild der Gemeinde, das zum Stehen bleiben, Nachdenken und Eintreten einlädt; der Turm ist keine uneinnehmbare Bastion christlicher Weltanschauung.

Jahrelang setzte sich die Gemeinde für ihren Kirchturm ein, veranstaltete Flohmärkte und sammelte Spenden. Trotz der großen Bereitschaft, für das Glockenturm-Projekt Geld zu geben, gingen die Spenden für andere Aufgaben der Gemeinde nicht zurück. Ein Zeichen dafür, dass die Gemeindeglieder sehnlich auf einen Kirchturm warteten. Seit 1997 ist der außergewöhnliche Turm für die Gemeinde da: Er gibt das Motto für die Gemeindefeste und lädt ein zum „Talk unterm Turm“.

Und das vermeintliche U-Bahn-Logo? Es stammt aus den Fenstern der Melanchthon-Kirche und wurde für die Gestaltung des Turms wieder aufgenommen. Der Künstler Johannes Schreiter gestaltete vor zehn Jahren die Fenster neu. Die eckige U-Form ist ein in den Kirchenfenstern wiederkehrendes Thema und symbolisiert die Bereitschaft, von Gott angesprochen und beschenkt zu werden. Auch in ihren Kirchenfenstern hat die Gemeinde Mut zum Außergewöhnlichen und zum Widerspruch bewiesen. Mit ihrem Turm setzt die Melchanthon-Gemeinde auch über die Kirche hinaus Zeichen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de