Würfel zu Gunsten der Schräge gefallen

Galerie „Form Stein“ in der Mannheimer Gartenstadt hat zahlreiche ungewöhnliche Ecken und Kanten

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Zum Fensterputzen kommt der Gerüstbauer. Nur auf einem sicheren Gestell lassen sich die große gläserne Front und das halb verglaste Dach reinigen. Ein wenig aufwendig sei das schon, gesteht Steinmetz-Meister Hans Kaufmann, Besitzer des „schrägen Hauses“, ein. Aber er wollte es so und nicht anders: Seine Galerie, die an der Waldpforte in der Mannheimer Gartenstadt liegt, ist ein Blickfang mit vielen Ecken und Kanten.

Besorgte Passanten und Anwohner fragten kurz nach der Fertigstellung 1994 oft, ob beim Fundament geschlampt worden sei. Das scheinbar im Mannheimer Boden versinkende Haus regte zu allerlei Mutmaßungen an. Das auf die schiefe Bahn geratene Gebäude lockte sogar eine „Busladung Architekten“ an. Kaufmann erinnert sich: „Viele waren beeindruckt, dass man so was bauen kann.“ „So was“ geplant, entworfen und verwirklicht hat Architektin Rosemarie Bitzigeio aus Winterspelt in der Eifel. Ihre Idee war es, dem befreundeten Steinmetz einen umgekippten Würfel als Atelier zu errichten.

Die Genehmigung für den Bau des Gebäudes ging schnell und ohne Probleme über die kommunale Bühne. Die Auflagen des Bebauungsplans, wie beispielsweise Holzfenster oder rote Dachziegel, wurden eingehalten; bei der Dachschräge ein Auge zugedrückt. Die Würfel zu Gunsten des Baus des auffälligen Gebäudes im Norden Mannheims waren dadurch schnell gefallen.

Die strenge räumliche Form des Ateliers passe zum exakten geometrischen Arbeiten des Steinmetzes, erklärt Kaufmann. In erster Linie dient ihm das Haus als Ausstellungsraum. Das hat sich in der Architektur niedergeschlagen: Die Hausfront besteht nahezu vollständig aus Glas und lädt mit großer Zeigefreudigkeit zum Augen machen und Hereinschauen ein.

Der Steinmetzmeister stellt nicht nur seine eigenen Kreationen aus, sondern bietet in seinem Atelier auch ein Forum für Künstler-Kollegen. Mehrmals jährlich zieren Skulpturen die Ausstellungsräume und hängen Bilder an den wenigen senkrechten Wänden. Kaufmanns Atelier ist mehr als eine Vitrine für beliebige, austauschbare Exponate, es wirkt wie eine eigenständige, begehbare Skulptur mit der Schräge als Grundprinzip.

Das Atelier mit der Neigung zum Abschüssigen wurde in Leichtbauweise aus Holz errichtet, die Werkstatt im hinteren Gebäudeteil ist gemauert. Das zweigeschossige Haus ist unterkellert; Küche, Bad und Büro dienen nebenbei als Ausstellungsstücke für Granit- und Marmor-Arbeiten. Im Inneren des Hauses lassen sich noch mehr Bauklötze staunen: Wer die Blicke über die Ecken und Kanten des Gebäudes schweifen lässt, stößt immer wieder auf neue Details. Im Erdgeschoss wurden als Küchenfenster – bedingt durch die Neigung – Dachfenster eingesetzt. Obwohl Kaufmann sich beruflich ganz und gar den Steinen hingibt, wurde für die Innenausstattung unbehandeltes Holz verwendet, um einen warmen Kontrast zu den kühlen Ausstellungsstücken zu bilden. Diese Freude am Gestalten setzt sich auch im Außenbereich fort: Kein Jägerzaun trennt Hans Kaufmanns Grundstück zum Fußweg ab; statt dessen sprudeln in der warmen Jahreszeit viele kleine Wasserfontänen an der Grundstücksgrenze.

Hans Kaufmann selbst kommen beim Betrachten seines Ateliers immer neue Ideen: Ob Zufall oder nicht – die gläserne Front seines Hauses besteht aus 24 Carees, die er in der Vorweihnachtszeit Tag für Tag mit Glühbirnen bestückte. Damit bescherte er der Gartenstadt einen übergroßen Adventskalender, und sein Haus zog wieder einmal viele Blicke auf sich.


Artikel-Tools:

Shortlink:

Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


Kanäle: Online, Foto, Video, Audio und Print.


Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).


Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte


Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de