Hauch von Moderne sorgt für Spannung

Klare Formen für Architektur unter Strom: Das Umspannwerk in Mannheim-Luzenberg

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Bescheiden steht der Bau aus schwarz-roten Klinkern gegenüber der prächtigen Luzenberg-Schule, die mit ihrem erhabenen Turm den Eingang zum Stadtteil Luzenberg dominiert. Das Umspannwerk, errichtet Ende der 1920er Jahre, wirkt durch seine klar gegliederte Architektur im Stil der Neuen Sachlichkeit wie ein krasser Gegensatz zu der Schule mit ihren vielen Schnörkeln und bringt Spannung ins Stadtbild.

Spannend ist auch das Innenleben des Baus, der 1928 für 397000 Reichsmark errichtet wurde: Vom langen Mittelgang zweigen die beiden Seitenhallen ab, die sich auch von außen deutlich abzeichnen. Hier offenbart sich erst nach genauem Hinsehen ein unscheinbares, aber interessantes Detail: Wände und Decken sind aus Beton, aus einem Guss gefertigt und dadurch statisch miteinander verbunden. Diese Bauweise sorgte dafür, dass die Mauern des Umspannwerks stabil und widerstandsfähig waren. Hauptvorteil waren jedoch Räume ohne Träger, Stützen und Streben, die bei der Bestückung des Gebäudes mit Elektro-Technik äußerst hinderlich gewesen wären.

In diesen beiden langen Seitenhallen waren die Schaltschränke vom Keller bis zum zweiten Stockwerk geschossübergreifend eingebaut, denn die damalige Technik nahm mehrere Meter Höhe in Anspruch. Außerdem waren in dem Gebäude auf dem Luzenberg Kleintransformatoren hinter dicken Wänden eingemauert, die selbst einer Explosion standgehalten hätten. Im mittleren Gang waren seiner Zeit Schienen für Loren verlegt. Mit den Kippwagen wurde das Öl, das die Trafos kühlte, abtransportiert.

Der Zweckbau für die Energieversorgung der nördlichen Stadtteile stellte einen Schritt in eine neue Epoche öffentlicher Bauten in Mannheim dar. Viele der um die Jahrhundertwende errichteten Gebäude in Mannheim waren im Stil des Historismus gebaut worden, wie beispielsweise die Turnhalle des TSV Mannheim oder das Klärwerk auf der Friesenheimer Insel. Das Umspannwerk hingegen wurde auf einem klaren, rechtwinkligen Grundriss angelegt. Weitläufige Fassaden mit hohen, schmalen Fenstern ohne jeglichen Schmuck sind Kennzeichen des neuen Bauens. Nur wenige schmückende Details gestand der Architekt, Baurat Müller vom Städtischen Hochbauamt, seinem Bauwerk zu: zwei Fingerbreit herausragende Klinkersteine an den Hausecken, die die Gebäudekanten betonen und eckige Regenrinnen aus Kupfer, die der Grünspan längst mit einer Patina überzogen hat.

Heute sind ölige Geräte, übergroße Schaltschränke und armdicke Kabel sauberem Kunststoff-Boden und computergesteuerten Anlagen gewichen. 1996 steckte die MVV in das alte Gebäude moderne Technik und schuf so den wichtigsten Knotenpunkt für die Stromversorgung Mannheims. Durch den Einbau platzsparender Technik wurde zusätzlicher Raum gewonnen, der für Werkstätten und Lagerräume verwendet wird.
Der Umbau war nicht eben problemlos zu planen und auszuführen. Die Eigentümlichkeiten der Bauweise, gedacht für die Ewigkeit, machten den Umbau-Planern zu schaffen: Durch die besondere Statik der verbundenen Wand- und Deckenteile konnten Wände nicht ohne weiteres entfernt werden. Die Planer lösten dieses Problem, in dem sie zusätzliche Träger einzogen und dadurch den Umbau ermöglichten.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.   Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Heute im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).   Kanäle: Online,Online, Foto, Video, Audio und Print.   Stationen: Rhein-Hunsrück-Zeitung (Simmern), Der Weg (Saarbrücken), Die Rheinpfalz (Ludwigshafen), Rheinpfalz online (Ludwigshafen), Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg), Rhein-Zeitung (Mayen, Andernach, Koblenz), Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe (Stuttgart und Berlin), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Berlin).   Außerdem (in freier Tätigkeit): Beratung von und Workshops für Kommunen, Universitäten, Kirchenkreise und Landeskirchen. Wissenstransfer und -vermittlung für Medienarbeit und Journalismus, Strategieentwicklung für Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Projektmanagement für Websites und Onlineprojekte   Kontakt: nwx@inothernews.de oder @inothernews_de