Wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen

Die Kläranlage auf der Friesenheimer Insel wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit großer Liebe zum Detail gebaut

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Wer an dem Gelände zwischen Einstein- und Diffenestraße entlanggeht, wundert sich vielleicht, wie die Industrielandschaft der Friesenheimer Insel solche Gebäude hervorbringen kann. Ein kleiner Wasserturm, zwei große Gebäude und ein kleines Häuschen aus rotem Backstein wirken wie Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Der Architekt und Leiter des Städtischen Hochbauamts, Richard Perrey, hatte es damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gut gemeint. Das Klärwerk, das die Abwässer Mannheims aufnehmen sollte, wurde mit großer Liebe zum Detail gebaut; ein Zweckbau, der auch heute noch wie eine Perle in der monotonen Flachdachlandschaft der Industrie-Insel wirkt.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts leiteten die Anrainerstädte des Rheins ihre Abwässer ungeklärt in den Strom. Die badische Regierung protestierte gegen diese Praxis, die Stadt Mannheim reagierte 1904 mit dem Bau des Klärwerks auf der Friesenheimer Insel. Nach der Inbetriebnahme fielen täglich rund 50 Kubikmeter Klärschlamm an. Der wurde als Dünger mittels Pumpen und beweglichen Röhren auf die anliegenden städtischen Äcker und Wiesen geleitet. Die „Bodennahrung aus dem Klärwerk“ soll so gut gedüngt haben, dass weiterer Dünger überflüssig war. Auch sonst wurden im Klärwerk Rohstoffe gewonnen. Im Zweiten Weltkrieg wurden in den länglichen Klärbecken Fette gesammelt und von Mannheimer Chemiewerken zu Seife verarbeitet. Not machte erfinderisch.

Bis 1975 säuberte die Anlage mechanisch die Abwässer der Mannheimer, bevor das Wasser geklärt in den Rhein geleitet wurde. Sechs längliche Klärbecken bildeten das Herzstück der Anlage. Mit jeweils 48 Metern Länge nahmen sie die mehr oder weniger festen Bestandteile des Abwassers auf. Turnusgemäß musste der Klärschlamm entfernt werden. Das war Aufgabe des Klärwerk-Meisters. Mit speziellen Werkzeugen und Wasser aus dem klärwerkseigenen Wasserturm reinigte er Becken, Kanäle und Rohrleitungen. Er musste auch dafür sorgen, dass das Schmutzwasser nicht zu schnell durch die Klärbecken floss. Denn der Schmutz im Wasser brauchte Zeit, um sich abzusetzen. Der „Herr der Becken“ bewohnte mit seiner Familie ein eigenes Haus, das auch auf dem Gelände des Klärwerks errichtet wurde. Somit war er rund um die Uhr zur Stelle, wenn es in der benachbarten Kläranlage „zum Himmel“ stank.

Die Elektro-Pumpen im „großen Pumpenhaus“ kamen bei Hochwasser zum Einsatz, wenn der erhöhte Rheinwasserpegel einen Abfluss des geklärten Wassers nicht zuließ. Hieß es am Rhein „Land unter“, wurden die Pumpen hochgefahren, um einen Rückstau im Kanalsystem zu vermeiden. Der Wunsch nach besserer Abwasserreinigung und der Bau mehrstufiger Kläranlagen brachte Mitte der 70er Jahre das Aus für die Kläranlage. Tiefbauamt und Stadtentwässerung nutzten Gelände und Gebäude als Bauhof.
1998 trat der gemeinnützige Verein „Biotopia“ auf den Plan und nahm sich mit ABM-Kräften des alten Klärwerks an. Das Gebäude stand zwar unter Denkmalschutz und war ein „Kulturdenkmal“, bot aber ein erbärmliches Bild. Stahlträger waren durchgerostet, Dächer mussten neu gedeckt werden; die Gebäude mit den großen, neugotischen Fenstern hatten offenbar schon einmal bessere Zeiten gesehen. In verschiedenen Projekten wurden die Gebäude gesäubert, Fassaden gereinigt, unzählige Fugen ausgebessert und die Frostschäden in den Klärbecken beseitigt. Das einstige Wohnhaus wurde renoviert und beherbergt jetzt Büros und Aufenthaltsräume von „Biotopia“.

Beim Abstieg in die Unterwelt des Klärwerks fallen Ecken auf, die keine sind. In der unterirdischen „Abfluss-Galerie“ wurde das Abwasser auf die sechs Klärbecken verteilt. Hier ist alles rund oder zumindest abgerundet, damit sich keine festen Gegenstände im Leitungsnetz verfangen konnten. Waren doch einmal Äste hängen geblieben, mussten Arbeiter des Klärwerks bei laufendem Betrieb in die Schächte steigen, um wieder für den nötigen Durchfluss zu sorgen.

Auch unter der Oberfläche, nahezu für niemanden sichtbar, haben die Baumeister ganze Arbeit geleistet. Komplett aus Backstein gemauerte Gewölbe, die sich verjüngen, und Kanäle, die sich unter dem Gelände schlängeln, zeugen von der Baukunst längst vergangener Tage. Eine Eigenschaft, die viele solcher kommunalen „Zweckbauten“ aus der Zeit der Jahrhundertwende aufweisen. Wo heutzutage vorgefertigte Beton-Elemente zusammengefügt werden, entwickelten die Architekten der Städtischen Bauämter den Ehrgeiz, auch im Zweckbetonten, Alltäglichen und Verborgenen etwas Besonderes und Attraktives zu schaffen.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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